Hamburger Uni-Reform Einmal Schöngeist halbiert, bitte!

"Kürzungen? Nicht mit uns." Bislang zeigt sich die Universität Hamburg reformresistent. Doch der Senat will die Geisteswissenschaften rasieren und jede zweite Professur streichen. Der drastische Aderlass versetzt Dekane und Studenten in Panik.

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Einstürzende Altbauten? "Philosophenturm" der Uni Hamburg
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Einstürzende Altbauten? "Philosophenturm" der Uni Hamburg

In der Universität Hamburg geht ein Geist um: der halbierte Geisteswissenschaftler. Zwischenzeitlich sicher verwahrt, spukt das Schreckgespenst seit kurzem wieder durch Professorengremien und Fachschaften. Denn Wissenschaftssenator Jörg Dräger (parteilos) plant, die derzeitigen 155 Professorenstellen in den Sprach-, Kultur- und Geisteswissenschaften bis 2012 um die Hälfte zu reduzieren.

Sollte das umgesetzt werden, könnten beispielsweise im Fach Geschichte nur vier Lehrstühle übrig bleiben, Fächer wie Philosophie und Völkerkunde würden komplett aus dem Lehrplan verschwinden. Ebenfalls dem Exitus geweiht wären die afrikanischen Sprachen, von den asiatischen Sprachen würden nur Japanologie und Sinologie überleben. Betroffen von dem drastischen Einschnitt wären rund 50 Fächer in vier Fachbereichen.

"Geisteswissenschaften werden zerschlagen"

Die Dekane der vier Fachbereiche gaben ihre Befürchtungen in einer internen Stellungnahme zu Papier. Darin beziehen die Professoren Stellung zur so genannten "Ziel- und Leistungsvereinbarung 2005", die zwischen der Universität und der Behörde für Wissenschaft und Gesundheit geschlossen werden soll.

Mit den geplanten Stellenstreichungen greife Wissenschaftssenator Dräger massiv in die Autonomie der Hochschulen ein, so die Dekane. "Damit würden die Geisteswissenschaften, die im Leitbild der Universität Hamburg als deren Besonderheit hervorgehoben werden und um die sie viele andere Universitäten beneiden, zerschlagen."

Die Geisteswissenschaften hätten bereits in den vergangenen zehn Jahren schmerzhafte Einschnitte hinnehmen müssen und schon ein Viertel ihrer Stellen eingespart. Nun drohe durch die "Dezimierung" und "Marginalisierung" der Verlust der "geisteswissenschaftlichen Tradition".

Streit um Personalbedarf

Die Universitätsvertreter und die Wissenschaftsbehörde sind unterschiedlicher Meinung darüber, wie sich bis 2012 die Absolventenzahlen und - daraus abgeleitet - der Bedarf an Planstellen entwickeln wird. Der von der Behörde vorgelegte Entwurf gründet den Dekanen zufolge auf Annahmen eines vom Hochschul-Informations-System (HIS) vorgelegten Gutachtens. Danach soll die Anzahl der Studienplätze in den Geistes- und Sozialwissenschaften von 2002 bis 2012 um 58 Prozent gesenkt werden.

Der Bedarf an Absolventen und damit an Lehrenden sei tatsächlich aber erheblich höher, kritisieren die Dekane die Zahlen des Gutachtens. Die Fachbereiche selbst hätten in eigenen Berechnungen eine Reduktion der Professorenstellen eingeplant, um Platz für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu schaffen. Allerdings geht die Personalplanung der Fachbereiche von einem Bestand von 130 Professuren im Jahr 2012 aus.

Sparkurs für die Hochschulen: Senator Dräger
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Sparkurs für die Hochschulen: Senator Dräger

Die Wissenschaftsbehörde betonte, bei dem Papier handele es sich um einen Entwurf als Grundlage für Gespräche mit dem Universiätspräsidium. "Hier wird ein Kriterium dargestellt, und das nicht einmal richtig", sagte Behördensprecherin Sabine Neumann. Die Ziele in den Geisteswissenschaften sollten künftig mit einer anderen Personalstruktur umgesetzt werden; so müsse nicht jeder Lehrende ein Professor sein.

Mit dem Positionspapier der Dekane geht der Streit um den Umbau der Hamburger Hochschullandschaft in eine neue Runde. Dabei soll unter anderem die Universität für Wirtschaft und Politik (HWP) mit der Universität Hamburg zwangsvereinigt werden - Studenten wehren sich mit einer Volksinitiative dagegen. Für heftigen Streit sorgen zugleich auch die allgemeinen Studiengebühren, die Dräger als Tempomacher der bundesweiten Gebührendebatte plant.

Der Hauptpatient der vom Wissenschaftssenator vorgesehenen Radikalkur ist aber die Universität Hamburg. Sie zeigte sich bislang eher unzugänglich gegenüber jeder Art von Eingriff. Als Antwort auf die Vorschläge einer Expertengruppe unter Leitung des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi hielt die Universität im vergangenen Jahr vor allem die eigenen Besitzansprüche hoch.

Weit entfernt von der Champions League

In einem Thesenpapier mit dem Titel "Zukunftsprogramm - Exzellenz und Vielfalt" verwahrte sich die Universität gegen Stellenstreichungen und betonte, eine bessere Lehre sei nur mit mehr Geld möglich. Bis 2012 wolle man in der "Champions-League exzellenter Universitäten" mitspielen, kündigte Universitätspräsident Jürgen Lühtje damals an.

Davon ist die Universität Hamburg einstweilen noch weit entfernt: Außer in einigen Vorzeigezweigen wie dem Orient- oder dem Übersee-Institut landet die Universität bei Hochschulrankings regelmäßig auf den hinteren Rängen.

Im September wird sich der Hochschulrat mit den Kürzungsplänen befassen. Bis dahin wollen sich weder die Universitätsleitung noch die Leiter der einzelnen Fachbereiche näher öffentlich zu dem Thema äußern. Studentenvertreter kündigten dagegen schon einmal vorsorglich Protest an.

"Wir werden der Profitorientierung, der ein großer Teil des historischen und kulturellen Bewußtseins dieser Gesellschaft zum Opfer fallen soll, entgegentreten", so Alexandra Jaeger vom Fachschaftsrat Geschichte, "im kommenden Semester werden wir unsere Forderungen laut und deutlich in die Stadt tragen."

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