Handyschule für Senioren Hilfe, ein "Brieferl"!

Warum piepst mein Handy nicht mit Walzermelodie, sondern im Technotakt? Und was mache ich, wenn eine Nachricht erscheint? An einer Handy-Schule in München geben Schüler und Studenten Nachhilfe im Simsen. Die Kunden suchen Anschluss an die SMS-Generation und sind oft schon jenseits der 80 Jahre.

Von Nadine Nöhmaier


"Wenn ich groß bin, kapiere ich den neuesten Technik-Kram bestimmt auch nicht mehr", sagt David Neuhaus, Schüler einer Münchner Fachoberschule. Weil er mit seinen 18 Jahren nun aber noch einen guten Draht zur neuen Technik hat, bringt er in Münchens erster Handy-Schule Senioren das Simsen bei. Jene drücken bei ihm zwei Stunden lang die Schulbank - bis es auch bei ihnen klingelt.

Lehrer Katharina, Winand, David: Mit dem Handy aufgewachsen
Nadine Nöhmaier

Lehrer Katharina, Winand, David: Mit dem Handy aufgewachsen

Acht ältere Herrschaften sitzen auf Eckbänken im Hinterzimmer des Wirtshauses "Münchner Kegelverein" im Stadtteil Harlaching. Zu Beginn des Unterrichts prüfen David und seine Kollegen Katharina, eine 23-jährige Kauffrau für Audiovisuelle Medien, und Winand, ein 27-jähriger Informatikstudent, was ihre zwischen 52 und 89 Jahre alten Schüler schon alles mit ihren Handys anstellen können.

"In die Hand nehmen kann ich's", sagt ein 64-Jähriger. Naja, und telefoniert habe er auch schon mal. Eine SMS schreiben aber könne er nicht. Wie sonst auch keiner seiner Kommilitonen. "Damit Sie das lernen, teilen wir uns in kleine Gruppen auf", sagt Katharina. "In 'die Nokias' und in 'die Siemens'".

Beim Autokauf gab's das Handy dazu

Eine von 'den Nokias', die 82-jährige Eleonore Hautmann, ist zu ihrem Handy wie die Jungfrau zum Kind gekommen: "Mein Mann und ich, wir haben uns einen Mercedes gekauft. Und bei der Freisprechanlage war dieses 'Noika' dabei." Als sie neulich in ihrem neuen Wagen über die österreichische Grenze gefahren seien, sei plötzlich so ein "Brieferl" erschienen auf ihrem Handy. "Ich hab versucht, das wegzukriegen - und vor lauter Löschen bin ich am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrüh vom 'Noika' geweckt worden", erzählt sie. "Und deshalb will ich jetzt wissen, wie das Handy funktioniert."

Ehepaar Hautmann: Vom "Noika"geweckt
Nadine Nöhmaier

Ehepaar Hautmann: Vom "Noika"geweckt

Mit einer Engelsgeduld erklärt ihr David, was "das Brieferl" bedeutet, wie sie es liest und löscht, und wie sie selbst eins schreibt. Und natürlich, wie sie den Wecker deaktiviert. "Die meisten unserer Schüler kommen her, weil ihre eigenen Kinder nicht die Geduld aufbringen, ihnen das SMS schreiben zu erklären. Eltern hören aber auch schlechter zu als fremde Leute, die für unsere Erklärungen bezahlen", sagt David, aus dessen Hosentasche bereits ein Drittel seines Lebens ein Handy lugt

Sein ungewöhnlichster Schüler war ein etwa 40-jähriger Lufthansa-Pilot: "Er kam in schickem Anzug herein geschneit und wollte nur wissen, wie man eine SMS schreibt. Nach fünf Minuten hat er es verstanden, die 40 Euro Schulgebühren bezahlt, und weg war er", erzählt David. Der Pilot sagte, er habe den ganzen Tag mit Technik zu tun - und deshalb am Feierabend keine Lust mehr, eine Bedienungsanleitung zu lesen.

Nach einer Unterrichts-Stunde steht "Klingeltöne einstellen" auf dem Stundenplan. Frau Hautmann will "a Walzermusik" statt des voreingestellten Techno-Gestampfes hören. David hilft ihr, so eine Melodie zu finden. "Das die sowas hier drin haben!", ruft Frau Hautmann strahlend, als ihr Handy schließlich im Dreiviertel-Takt piept.

Werbezettel in Apotheken

"Nach zwei Stunden können sie alles", sagt Christa Philipp, die die Handyschule vor einem Jahr gegründet hat. Und das, obwohl die 54-jährige Buchhalterin damals selbst noch eine lange Leitung in Sachen Handys hatte: "Deshalb kam mir auch die Idee mit der Schule. Weil Bedarf da ist." Im Freundeskreis ist sie auf ihre Lehrer gestoßen. Katharina zum Beispiel, die Tochter eines Bekannten, kann blind simsen, während sie ratscht. "Die wollte ich haben".

Schulgründerin Philipp: Möchte ihre Idee exportieren
Nadine Nöhmaier

Schulgründerin Philipp: Möchte ihre Idee exportieren

Neue Schüler ködert Philipp, indem sie Werbezettel in Apotheken und Arztpraxen verteilt - "überall dort eben, wo alte Leute beieinander sind und miteinander reden." Und spätestens, seit erste Zeitungsartikel über ihre Schule erschienen sind, klingle richtig die Kasse. "Klar denke ich jetzt darüber nach, in anderen Städten Filialen zu gründen", sagt sie.

Auch ihre Kunden scheinen gut aufgelegt zu sein mit ihren Handys: "Eine 84-Jahre alte Schülerin hat mir per SMS Grüße aus ihrem Italien-Urlaub geschickt und gefragt, wie man MMS verschickt", erzählt Katharina.



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