Harald Schmidt vor Filmstudenten "Man braucht ein tausendprozentiges Ego"

In Ludwigsburg moderierte Harald Schmidt einst "Verstehen Sie Spaß?", ein Debakel. Jetzt kehrte er an den Tatort zurück. Und gibt Studenten der Filmakademie sarkastische Ratschläge: "Auf dem Weg nach oben, seid nett zu denen am Weg - ihr trefft sie wieder beim Nach-Unten-Gehen."
Von Jörg Isert

Die Filmakademie und die neue Theaterakademie Baden-Württemberg warten auf den Mann der Stunde. Doch die Stunde ist bereits um: Es ist Montag, fünf nach elf. Und der Mann der Stunde, es ist nicht etwa Harald Schmidt. Er soll das neue Studienjahr eröffnen - und wartet, zusammen mit diversen Honoratioren und 350 Studenten. Um Schmidt herum sind etliche Stühle frei geblieben. Man hält lieber Abstand zu Deutschlands Fernseh-Intellektuellen Nummer Eins. Sicherheitsabstand: Bei Schmidt weiß man nie. So muss er sich über die Stuhllehne beugen, um Kontakt aufzunehmen mit dem Rest der Welt.

Passend zum Anlass unterhält sich Schmidt, 51, über Drehbücher. Dann endlich kommt Wolfgang Reinhart, amtlicher Titel "Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten und im Staatsministerium". Er ist der Ländle-Unterhaltungsminister, zuständig für die Medienwelt. In Baden-Württemberg sind Kultur, Film und Fernsehen hohe Politik. Und der Medienstandort kann, man muss es leider sagen, anderen Bundesländern nicht das Wasser reichen.

Trotz aller Förderung entwickelt nur ab und zu ein Spielfilm Strahlkraft, zum Beispiel "Anatomie" vor acht oder "Requiem" vor drei Jahren. Auch beim Fernsehen hat Baden-Württemberg wenig über den SWR hinaus zu bieten und erregte zuletzt nur durch "Kanal Telemedial" Aufsehen - ein Sender mit teuren Esoterik-Telefonberatungen der seltsamsten Sorte. Künftig dreht die ARD in den einstigen Telemedial-Studios die Daily Soap "Biggi ist der Boss". Immerhin, in der Computeranimation gilt Baden-Württemberg als führend. Die Tricks einer Schwaben-Firma für "Der rote Baron" fanden große Anerkennung. Auch die 1991 gegründete Filmakademie genießt international einen exzellenten Ruf.

"Wie die Gebrüder Coen in einer Person"

Und so gibt es zum Studienauftakt zunächst viele Floskeln der Hausmarke "neuartiges und in Deutschland einmaliges Studienangebot". Manche der aus ganz Deutschland angereisten Filmkreativen wundern sich über derlei Eigenlobhudelei. Ein Missverständnis: Die Schwaben sind nicht großkotzig, sondern einfach nur stolz wie Bolle auf ihre angesehene Filmschule.

Harald Schmidt, aufgewachsen in Nürtingen (Abi-Schnitt 3,2 am Hölderlin-Gymnasium), weiß das. Er kennt seine Landsleute. Mit wohlgesetzten Pointen holt er die Vorredner sogleich aus ihren himmlischen Sphären. Sie hätten ja schon alles gesagt an diesem "historischen Tag", sagt er unter dem Gelächter der Studenten. Es folgt Breitseite auf Breitseite: "Ihr seht schon aus wie Filmfreaks mit euren Hammer-Hornbrillen", geht er die künftige Medienelite an. Mit ihren Hütchen und Dreitage-Bärten wirkten viele männliche Studenten "wie die Gebrüder Coen in einer Person", kalauert er weiter. Oder auch: "Ein Film mit Iris Berben bedeutet, dass Oliver Berben mit reingenommen werden muss in die Produktion."

Speziell den neuen Theater-Studenten sagt der Teilzeit-Kabarettist: "Hauptsächlich dient die Improvisation dazu, sich zu begrabschen. Also auch die Schüler untereinander - nicht nur die Dozenten." Und Kommunikationsfähigkeit halte er "in diesem Job für eher hinderlich". Keine Gnade findet bei Schmidt schon jetzt die künftige ARD-Seifenoper um Bossin Biggi, wie auch das deutsche Fördersystem: "Gestern hat sich Bayern von der Weltkarte verabschiedet. Jetzt gibt es nur noch Baden-Württemberg, wo Staat und Kunst kein Widerspruch sind und gefördert werden." Denn: "Das ist ein großartiges System mit den Fördermitteln - nur will ich diese Filme dann halt nicht sehen." Der Schwabe mit der einmaligen Fernsehkarriere, er gibt den Demotivator. Die Filmfrischlinge in Ludwigsburg finden es lustig.

Einst schwarze Stunden in Ludwigsburg

500 Meter entfernt erlebte Schmidt einst seine schwärzesten Stunden als Entertainer, im "Forum am Schlosspark". Nur zweieinhalb Jahre dauerte das Intermezzo als Moderator des ARD-Showklassikers "Verstehen Sie Spaß". Oft gelangweilt und lustlos knöpfte der Moderator sich ahnungslose Opfer vor. Jahre später gestand er: "Ich habe die Filme unglaublich gehasst."

Richtig Spaß bedeutete Schmidt damals nur für Ludwigsburger Abiturienten, die begeistert 20-Mark-Karten für die Generalproben orderten. Dabei zog er herrlich unkorrekt über das "Irrenhaus" Showbranche her und glänzte auch bei den Warm-Ups vor den Live-Sendungen. Nur: Nach der Eurovisions-Fanfare war Schluss mit lustig. Die eidgenössische Behaglichkeit von Kurt Felix und Paola hatte das altbackene Show-Konzept gefüllt - Schmidt nicht.

Zur Strafe grüßte er das in Abendgarderobe angetanzte Publikum mit "Liebe Insassen von Ludwigsburg"; zumindest die Fernsehzuschauer fanden's lustig. Schmidts gesamte Attitüde in dieser Phase wirkte wie ein Versuch, wie weit er gehen konnte bei einem gebührenfinanzierten Sender. Mal ließ er ein Metronom ticken - "was glauben Sie, was eine Sendeminute am Samstagabend kostet?" Mal hob er pelzbemantelt und mit weiblichem Bunny im Hubschrauber vor dem Forum ab, um 20 Meter entfernt vor einer Imbissbude wieder aufzusetzen. Verstehen Sie Schmidt?

"Man braucht ein tausendprozentiges Ego"

Schmidt und die versteckte Kamera, das Experiment ist Geschichte. Der damalige Anarcho-Entertainer flüchtete 1995 zu Sat.1 und vollendet seit 2004 seine öffentlich-rechtliche Mission bei der bräsigen Mutter ARD, erst mit Manuel Andrack und dann mit Oliver Pocher an seiner Seite. Ein später Triumph - wie nun die Rückkehr an die Stätte seines einstigen Wirkens. Die Ludwigsburger Filmstudenten jedenfalls sind begeistert. Dabei hat Schmidt kaum weise Ratschläge, dafür viel bösen Sarkasmus im Gepäck: Auf eine Karriere hätten nur drei oder vier Studenten eine Chance, sagt er kalt lächelnd. Jemand wie Frank Castorf, Regisseur an der Berliner Volksbühne, sei "verrückt nach so einem Diplom". Und beim Film gebe es auch höchstens eine Rolle als Mann in der Eisdiele in irgendeiner Nachmittagsserie.

Nein, zum Mutmacher taugt dieser TV-Dino wirklich nicht. Am Anfang der Karriere müsse man eben "Klinken putzen". Es gebe so viele "Psychopathen" in dieser Branche. "Man braucht ein tausendprozentiges Ego, denn es wird schon auf einem rumgetrampelt!" Schmidt endet mit den Worten: "Auf dem Weg nach oben, seid nett zu denen, die am Wege stehen - ihr trefft sie wieder beim Nach-Unten-Gehen."

In Sachen "Verstehen Sie Spaß" reagiert der Showmaster nach wie vor etwas verschnupft: Ob er sich in Ludwigsburg denn wohler fühle als in den neunziger Jahren? Er sei doch " enorm erfolgreich" gewesen, meint er. Und überhaupt halte er Ludwigsburg für den "schönsten Ort zwischen Zuffenhausen und Hoffenheim".

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