Vorurteile über Hartz-IV-Empfänger Pamela Anderson an der Wand, Kippe im Mund

Sie sind verzweifelt, glotzen nur Mist, das Baby heißt Kevin: Das sind die üblichen Klischees über Hartz-IV-Empfänger. Eine Studentin aus Bonn hat sich mit den Vorurteilen beschäftigt. Und etwas sehr Originelles daraus gemacht.

Jana Merkens

In Unterwäsche und mit Goldkette, die Fluppe im Mundwinkel und ein Billigbier in der Hand - so sieht der Hartz-IV-Empfänger aus. Zumindest in der verstörenden Puppenstube der Künstlerin Jana Merkens.

Die Bonner Studentin der Kunst-Pädagogik-Therapie fertigte das Mini-Wohnzimmer mit Vater, Mutter und Kind für ein Uni-Projekt zum Thema Gesellschaft an - und will damit die Klischees aufs Korn nehmen, die es in Deutschland über Menschen gibt, die von staatlichen Leistungen leben.

Fast ein halbes Jahr lang arbeitete die 24-Jährige an dem kleinen Wohnzimmer und zwei anderen Räumen: In einem "wohnt" ein Flaschensammler, im anderen eine verzweifelte Frau, die gerade ihren gut dotierten Job verloren hat. Die Puppen modellierte Merkens aus Ton, die kleinen Möbel und anderen Accessoires fand sie auf Flohmärkten oder baute sie aus Holz nach.

Bevor die Studentin mit dem Bau der Stuben begann, fragte sie unter anderem über Facebook, welche Vorurteile es über Hartz-IV-Empfänger gebe. So kam sie auf das schreiende Baby mit dem Namen Kevin, den überfüllten Mülleimer und den Fernseher, auf dem irgendein TV-Schrott läuft.

Dank von Betroffenen

Man kann darüber streiten, ob das Konzept aufgeht: Ist es sinnvoll, Klischees mit dem Zeigen von Klischees zu bekämpfen? Merkens berichtet, dass es bisher überwiegend positive Reaktionen gegeben habe. In der Ausstellung habe sie "extreme Neugierde" erlebt, einige Sozialhilfeempfänger, die unter den Gästen gewesen seien, hätten sich sogar bei ihr bedankt: Durch ihre Kunst schaffe sie es, den Betrachtern den Spiegel vorzuhalten. "Viele Hartz-IV-Empfänger leiden unter dem Stempel, den andere Menschen und die Medien ihnen aufdrücken", sagt Merkens.

Schon vor der Hartz-IV-Ausstellung beschäftigte sich die Studentin mit Armut und schuf unter anderem sieben Figuren zum Thema Obdachlosigkeit.


Ab Juni werden sowohl die Ton-Menschen als auch die "Gesichter von Hartz IV" in Soest ausgestellt. Weitere Infos zur Arbeit von Jana Merkens gibt es unter jana-kunst.de

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insgesamt 107 Beiträge
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akeley 04.06.2015
1. Vorurteile und Stolz
Und, wie sieht dann die Realität aus? Der 40 Std. Arbeiter mit Billigbier, PamPam und Kind Kevin, der Hartzer mit Abitur, dem man nur Minijobs gibt und der seinen Fernseher aus Not verkauft hat.
DocKnow 04.06.2015
2. Schlimm! Warum macht der Spiegel da mit?
Also nicht nur das diese Clichés schlimm sind und noch mehr die damit verknüpfte soziale Stigmatisierung und Diskriminierung von ALG-II-Beziehenden, diese Aktion und der Bericht ist echt die Krönung!!! Das enttäuscht. Diese "Kunst"-Aktion ist in ihrer Wirkung nichts als Propaganda, die die Clichés nur verfestigt und sich dann auch noch über die Betroffenen auf abscheuliche Art und Weise lustig macht. Auch wenn man das als "Satire" bezeichnet: so funktioniert das nicht. Wie soll das Bild denn etwas entlarven?? Entlarvend ist bei guter Sartire immer die dargestellte Wahrheit - diese wird dann aufgenommen und verfestigt sich. In diesesem schrecklichen Fall aber, wird die Lüge dargestellt, durch Ulk verharmlost, und so heftig verstärkt und ausgebaut!!! Grausam! Man sollte lieber mal echte Wohnzimmer von ALG-II-Beziehenden zeigen, um Clichés zu wiederlegen. Nur als Beispiel. Hier werden Clichés ausgebaut. Abscheulich. Noch schlimmer: der Spiegel macht aktiv und mutwillig mit.
ted-g 04.06.2015
3. und die Realität?
Sie schreiben zwar, dass sie sich "...bevor die Studentin mit dem Bau der Stuben begann, fragte sie unter anderem über Facebook, welche Vorurteile es über Hartz-IV-Empfänger gebe. .." Schön wäre auch, wenn Sie sich mal direkt bei den Vorurteilsbetroffenen erkundigt hätte. Bin Akademiker und selbst sehr lange auf das sogenanntre ALG II angewiesen, habe aber keinen Kevin und die privaten Sender werden bei mir gar schon lange nicht mehr eingeschaltet. Dafür kenne ich arbeitsame, gut verdienende Akademiker, die sich fast jeden Dreck bei RTL und SAT 1 reinziehen.. Also hat die Studentin noch allerhand neues zu bauen. Viel Erfolg und danach einen Job von dem man gut leben kann!
lachina 04.06.2015
4. Wenn ich solche Klischees über
brauche, gucke ich mir die Achzigerjahre- Filme von den "Flodders" an. Die Püppchen sind niedlich, aber eigentlich sind die dargestellten Klischees schon antiquiert. Ein typischer "Unterschichten- Kevin" ist in den Neunzigern geboren und fast schon 20 Jahre alt, kein Baby mehr.
steve_burnside 04.06.2015
5. Etwa nicht ?
Soll das etwa heißen, es ist in Wirklichkeit garnicht so?
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