Harvard gegen Yale Zusammenprall der Edel-Unis

Wenn Harvard im Football auf Yale trifft, geht es zu wie beim Revierklassiker Schalke gegen Dortmund. Am Wochenende maßen die ewigen Rivalen ihre Kräfte beim Jubiläumsderby. Zehntausende kamen - und nach dem Auftaktbesäufnis erlebte Yale sein blaues Wunder.

Von Pierre-Christian Fink, Boston


Es ist erst elf Uhr vormittags, doch Kevin Nae kann sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten. Gerade hat sich der 20-Jährige ein neues Bier geholt - das wievielte, weiß er nicht mehr zu sagen. Nae studiert an der Elite-Universität Harvard, doch an diesem Tag kommt er nicht zum Lernen. Statt in der Bibliothek zu sitzen, geht Nae zur größten Party des Jahres: dem Football-Spiel zwischen Harvard und Yale.

Das jährliche Kräftemessen zwischen den beiden Elite-Unis ist die älteste Rivalität im amerikanischen Uni-Football. Und für die Studenten der beiden Spitzen-Unis ist es das Spiel aller Spiele. Kurz: The Game. Das Spiel. Mehr muss man nicht sagen, um auf dem Campus verstanden zu werden.

Harvard und Yale ähneln sich wie ein Ei dem anderen: Beide gehören zur Ivy League, der Achter-Gruppe nobler Privatunis in den USA. Beide liegen nördlich von New York an der Atlantikküste. Beide zählen zur akademischen Weltspitze - und kabbeln sich in Rankings wie dem der englischen Tageszeitung "Times" um die Plätze eins und zwei.

Strenge Regeln gegen Alkoholexzesse

Wenn die beiden Spitzen-Unis im Football aufeinandertreffen, ist von Gemeinsamkeiten aber nichts zu spüren. "Yale ist das Schlechteste, was man sich vorstellen kann", sagt Harvard-Student Nae, "sportlich und akademisch taugen sie nichts, feiern können sie auch nicht." Andere Uni, gleiche Provokationen: "In Harvard sind die Leute arrogant und zugeknöpft und nehmen alles viel zu ernst", sagt Yale-Student John Vrolyk. "Harvard ist beschissen."

Die Abgrenzung sieht man auf den ersten Blick: Harvard-Studenten tragen Blutrot, die Yalies Dunkelblau. Auch beim Tailgate, der traditionellen Party vor jedem Football-Spiel, bleiben die beiden Gruppen streng unter sich. Während der Feier grillen die Elitestudenten auf den Wiesen rund um das Harvard-Stadion in Boston. So international die beiden Unis ausgerichtet sind, so amerikanisch ist das Essen: Es gibt Hamburger, Steaks und Hot Dogs.

Während aus Lautsprechern lauter HipHop wummert, fließt der Alkohol reichlich. Schon um elf Uhr sieht man den ersten Elitestudenten die Folgen von Freibier und Trinkspielen an. Dabei gelten in diesem Jahr verschärfte Regeln für die Sause vor dem Derby. Nach den Exzessen vergangener Partys hat die Polizei von Boston diesmal aus Schläuchen und Trichtern bestehende Gerätschaften verboten, "die den rasanten Konsum von Alkohol ermöglichen", wie es in den neuen Regeln heißt.

"Später trifft man sich in der Wall Street"

Als um zwölf Uhr das Spiel angepfiffen wird, sitzen fast 30.000 Fans im ausverkauften Harvard-Stadium. Football ist die brutalste der amerikanischen Sportarten. Mit voller Wucht rasseln auf dem Rasen die Elitestudenten ineinander. Der Football-Experte Bernie Corbett sagte dem amerikanischen Sportkanal ESPN: "Die Leute, denen man bei Harvard gegen Yale auf dem Spielfeld begegnet, wird man später einmal in der Wall Street treffen."

Die Fans kommen schnell in Fahrt. "Harvard sucks", wird in der Yale-Kurve skandiert. "Fuck Yale", tönt es von der anderen Seite zurück. Beide Teams haben ihre Cheerleader und ihre Musikkapellen mitgebracht.

Trotz Eiseskälte bei unter null Grad kochen die Emotionen hoch. "So etwas kann man sich an einer deutschen Uni überhaupt nicht vorstellen", sagt die Karlsruher Studentin Julia Knifka, die für ein Auslandssemester in Yale ist. "Hier in Amerika lässt man sich unglaublich schnell von dieser Euphorie für die eigene Uni anstecken."

Nicht nur die aktuellen Studenten identifizieren sich mit ihrer Hochschule, auch die Alumni bleiben ihrer Uni treu. Auf den Rängen des Stadions sitzen Tausende Absolventen von Yale und Harvard, die für The Game in den Nordosten der USA zurückgekehrt sind.

Unter ihnen ist der 65-jährige Bob Schmidt: "Vor fast fünfzig Jahren war ich ein Erstsemester in Yale. Seitdem habe ich kein einziges Mal das Spiel gegen Harvard verpasst." Für Schmidt ist das Football-Spiel die beste Gelegenheit, seine ehemaligen Kommilitonen wiederzutreffen. "Vor dem Spiel waren wir gemeinsam zum Brunch in einem Restaurant in der Nähe des Stadions", erzählt Schmidt.

Zuschauer aus Obamas Beraterzirkel

Auch der Harvard-Absolvent Mike Brown, 50, ist ein Stammgast des traditionsreichen Football-Spiels. "Wenn ich es irgendwie einrichten kann, komme ich zum Game", sagt er, "Harvard gegen Yale - das ist einfach der ultimative Kampf."

Unter den Alumni im Stadion wurden am Samstag viele Spitzenberater des künftigen US-Präsidenten Barack Obama vermutet. Denn Obama, selbst Harvard-Absolvent, schart derzeit eine Führungsmannschaft voller Alumni der beiden Edel-Unis um sich, die auch gerne und regelmäßig das Derby in Boston besuchen. Angesichts dieser "Diktatur der Streber", die mit Obama an die Macht drängen, sorgte sich ein Kolumnist der "New York Times" schon um die nationale Sicherheit: "Falls ein feindlicher Staat im Lauf der nächsten vier Jahre die USA während des Spiels zwischen Harvard und Yale angreift, sind wir aufgeschmissen."

Das Football-Spiel am Samstag verlief zumindest ohne kriegerische Zwischenfälle. Nach fast drei Stunden ging Harvard mit zehn zu null Punkten als deutlicher Sieger vom Platz. Für die Yalies ein Grund, auf Revanche zu sinnen - für manche aber auch ein Anlass, über den Sinn der Fehde nachzudenken. "Die meisten Vorurteile über Harvard stimmen wahrscheinlich nicht", sagt Yale-Student John Vrolyk. "Aber es macht einfach zu viel Spaß, die Rivalität fortzusetzen, als dass wir jemals damit aufhören werden."

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