Nach Engagement als Weinstein-Verteidiger Harvard-Professor verliert Posten als Dekan

Er wollte den wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten Filmproduzenten Harvey Weinstein als Anwalt vertreten: Damit löste Harvard-Professor Ronald Sullivan massive Studentenproteste aus. Die Uni zog Konsequenzen.

Ronald Sullivan
Julio Cortez / AP

Ronald Sullivan


Der US-amerikanische Jura-Professor Ronald S. Sullivan durchlebt gerade turbulente Tage. Weil er den wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein als Anwalt vertrat, protestierten die Studenten an der Universität Harvard. Sullivan trat danach laut einem Bericht der New York Times wieder von dem Verteidigerjob zurück.

Der Jurist begründete dies demnach mit terminlichen Schwierigkeiten. Der Fall ist damit jedoch noch nicht abgeschlossen. Denn auch die Universität Harvard hatte zwischenzeitlich reagiert - und Sullivan bereits am Montag aus seiner Position als Leiter des Winthrop House entlassen. Das Winthrop House ist nach Angaben der Universität eines von insgesamt zwölf Wohnheimen für Studenten.

Auf der eigenen Webseite vergleichen sich die "Winthropians" mit dem renommiertesten Haus aus der Harry-Potter-Magierschule Hogwarts. Die Studenten haben Zimmer, es gibt einen eigenen Speisesaal, Freizeit- und Studienräume.

Im Winthrop House wohnte seinerzeit schon John F. Kennedy
Jonathan Wiggs/Boston Globe via Getty Images

Im Winthrop House wohnte seinerzeit schon John F. Kennedy

Schon US-Präsident John F. Kennedy wohnte zu Studienzeiten in dem Komplex. Aktuell leben der Universität zufolge mehrere Hundert Studenten im Winthrop House - Tendenz sinkend.

Auch Sullivan wohnt, wie für die Leiter der Häuser üblich, im Winthrop House. Allerdings nicht mehr lange. Sein Amt ende am 30. Juni 2019 und werde nicht verlängert, teilte Universitäts-Dekan Rakesh Khurana laut dem US-Sender CNN und Berichten der New York Times bereits am Montag mit.

Auch Sullivans Frau Stephanie Robinson, die in Harvard als Jura-Dozentin lehrt und das Haus mit ihrem Mann leitete, werde von ihren Aufgaben im Winthrop House entbunden. Sullivan und Robinson waren die ersten schwarzen Hausleiter in der Geschichte der Eliteuni gewesen. Wie die New York Times berichtet, bleiben die sonstigen Ämter von Sullivan und Robinson an der Harvard-Uni von der Entscheidung unberührt. Robinson ist unter anderem Leiter des Instituts für Strafjustiz.

Universität soll Gespräche einseitig beendet haben

Khurana habe die Entlassung als Dekan im Winthorp House in einem Brief verkündet, sei dabei aber nicht auf Sullivans umstrittene Verteidigerrolle im Anwaltsteam von Harvey Weinstein eingegangen, wie CNN berichtet. Demnach erklärte Uni-Dekan Khurana stattdessen , dass sich die Stimmung im Haus trotz verschiedener Maßnahmen nicht gebessert habe.

Für Sullivan und Robinson kam die Entscheidung offenbar unerwartet: "Wir sind überrascht und bestürzt über die Entscheidung von Harvard. Wir dachten, unsere Gespräche mit hohen Universitätsvertretern seien gut vorangekommen", teilten die beiden dem Sender mit. Die Universität habe die Gespräche einseitig beendet.

Kritik gab es auch von Kollegen des Dekan-Paares. Der Vorgang sei die "schlimmste Verletzung der akademischen Freiheiten während meiner 55-jährigen Verbindung mit Harvard", twitterte etwa der emeritierte Harvard-Professor Alan Dershowitz. Der Vorgang erinnere ihn an die McCarthy-Ära, als Anwälte gefeuert worden seien, weil sie "Kommunisten, Schwule und Bürgerrechts-Demonstranten" vertreten hätten.

Laurence Tribe, Harvard-Professor für Verfassungsrecht, twitterte, die Entlassung von Sullivan und Robinson sei eine der größten Fehlleistungen in der Geschichte der Universität.

Sullivan hatte bereits mit seinem Eintritt in Weinsteins Anwaltsteam im Januar für Schlagzeilen gesorgt. Studenten hatten das Engagement des Professors massiv kritisiert und ihm laut CNN vorgeworfen, dass er sexuelle Gewalt nicht ernst nehme.

In Harvard selbst hatte es demnach zuletzt Anschuldigungen wegen mutmaßlichen sexuellen Fehlverhaltens von Universitäts-Mitarbeitern gegeben. An der Universität Yale waren Studentinnen auch rechtlich gegen Belästigung durch Männerbünde vorgegangen.

Der Professor war dagegen den Berichten zufolge in einem Brief an die Studenten dafür eingetreten, auch diejenigen vor Gericht zu verteidigen, die im Verdacht stehen, "Abscheuliches" getan zu haben. "Die Wahrheit wird im Prozess herauskommen", so Sullivan.

Dass er Menschen vertrete, die sexueller Übergriffe beschuldigt werden, habe nichts mit seinen persönlichen Ansichten zu dem Thema zu tun. Insbesondere für unpopuläre Mandanten sei es jedoch wichtig, dass sie einen ebenso fairen Prozess erhielten wie andere Angeklagte.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Jura-Professor Ronald Sullivan habe die Eliteuni Harvard verlassen müssen. Daraus ließ sich ableiten, die Uni habe ihn sämtlicher Posten enthoben. Stattdessen verliert er nur den Posten als Dekan des Winthrop Hauses.



insgesamt 111 Beiträge
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sagichned 17.05.2019
1. Konsequent sein!
Jetzt müssen natürlich alle gefeuert werden, die an seiner Seite stehen. Kann ja wohl nicht angehen, dass ein Anwalt einen Angeklagten, den wir nicht mögen, verteidigt und dann noch ungeschoren davonkommt!
f-rust 17.05.2019
2. soweit als die PC
schlimm, wenn nur noch "ehrenwerte" Beschuldigte (denn Vorverurteilung geht gar nicht, oder?!) gute und bekannte Verteidiger bekommen sollen. Die moralisch Empörten sind eben weder demokratisch gebildete noch gesellschaftlich tolerante VertreterInnen bestimmten Gruppen, die unsere zu recht so niedergelegte und verfasste Rechtsordnung wirklich akzeptieren. Denn: bis zu einem Urteilsspruch hat jede/r Angeklagte als "unschuldig" zu gelten. Empörung etc. danach ... vielleicht, aber nicht bis dahin politischen und medialen Druck aufbauen, um bestimmte gesellschaftspolitische Agenden durchzubringen. Was Präs. Trump "ganz oben" falsch macht, machen diese Frau- und Herrschaften Studenten "ziemlich weit unten" genau so falsch: Missachtung demokratischer Spielregeln über Gewaltenteilung, Verzicht auf Vorverurteilungen usf.
cecile10 17.05.2019
3.
Zeichnet sich das amerikanische Rechtssystem nicht dadurch aus, dass jeder Angeklagte das Recht auf die beste Verteidigung hat? Wie kann nach diesem Vorfall in Zukunft noch gewährleistet werden, dass dies auch weiterhin gilt? Besteht dann nicht das Risiko, dass Angeklagte, die Abscheuliches getan haben, nur noch irgendwelche schlecht motivierten Pflichtverteidiger erhalten? Hat Harvard als akademische Institution nicht die Aufgabe, juristische Standards auf hohem Niveau zu halten, oder ist Harvard wirklich dabei, zu einer kommerziellen Organisation zu verkommen, die ihre Studenten nur als "Kunden" ansieht und deren Ziel es ist, die Wünsche ihrer Kunden optimal zu erfüllen?
held_der_arbeit! 17.05.2019
4. The road to hell...
...is paved with good intentions. Das Elite-Studenten trotz formal hoher Bildung die Fackel an Grundsätze des Rechtstaats halten, nur weil der Shitstorm es befielt, ist traurig genug, aber vielleicht noch hormonell zu erklären. Das aber auch die Leitungsebene von Harvard einknickt, die es wirklich besser wissen müsste, ist unentschuldbar. Und wie eine vermeintlich "linke" Bewegung immer mehr zur diskursiven Tyrannei verkommt macht mir Angst
Spiegelleser123 17.05.2019
5. Kein weiter Weg ist es mehr...
...von einem derartigen Umgang mit einem Verteidiger bis zur Lynchjustiz. Das Verhalten der Universität ist schlicht abscheulich und zeigt, dass Beschuldigtenrechte in der Wahrnehmung dieser Leute keine Rolle spielen. Wer Verteidiger dafür verurteilt, dass sie Beschuldigte vertreten, egal was dem Einzelnen vorgeworfen wird, lehnt den Rechtsstaat ab und fordert Lynchjustiz.
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