Harvard-Schnappschuss Bin ich drin?

Rund 2000 Glückliche von 21.000 Bewerbern haben letzte Woche ihre Zulassung zum Harvard-College ehalten - nicht zwangsläufig die Schlauesten. Denn die Auswahl ist eine Wissenschaft für sich. Einer Minderheit anzugehören kann helfen, mitunter winkt die Nobel-Uni aber auch Sprösslinge von Millionären und Promis durch.


Nobel-Uni aus der Luft: Wer drin ist, kann rausgucken
Rose Lincoln / Harvard News Office

Nobel-Uni aus der Luft: Wer drin ist, kann rausgucken

Seit 20 Jahren macht Robert Clagett den Job nun, aber so verrückt war es selten. Am Mittwoch gingen die E-Mails mit den Zulassungen raus, und seitdem klingelt Clagetts Telefon in einem fort. Dran sind Eltern oder Schüler (darunter viele, die das Wort "No" zum ersten Mal hören) und fragen, warum bloß es nicht geklappt hat.

Und dann steht auch noch ein Reporter in Clagetts Büro und will wissen, wie Harvard die Chancennachteile von Schwarzen, Latinos oder Indianern auszugleichen versucht. Denn immerhin läuft gerade ein Verfahren zur affirmative action: Der Oberste Gerichtshof der USA muss klären, ob die University of Michigan Bewerbern aus Minderheiten einen automatischen Vorteil gewähren darf. Und dabei wurde das System, mit dem Harvard ethnische und soziale Hintergründe berücksichtigt, als fein austariert und juristisch nahezu unantastbar gelobt.

"Es ist ein subjektiver Prozess"

Demonstrant für Affirmative Action: Vorteile für Minderheiten
AP

Demonstrant für Affirmative Action: Vorteile für Minderheiten

Das Problem ist nur, dass selbst Robert Clagett keine rechten Antworten hat. Für die abgelehnten Bewerber und deren Förderer nicht, denn "eigentlich gibt es keinen Grund". Bis zu 90 Prozent der Bewerber könnten den Abschluss hier locker schaffen. Und wegen der Reporterfragen nach den Minderheiten: Wie nun genau jede Lebensgeschichte und die Herkunft durchleuchtet wird, kann Clagett nicht so leicht in klare Regeln fassen - "es ist ein subjektiver Prozess".

Fest steht nur: Mit seinen 30 Kollegen im Zulassungsbüro ist er über Monate auf der Suche nach dem besten Mix für den nächsten Jahrgang am College, der vierjährigen Grundausbildung. "Wir locken die Schlauesten der ganzen Welt an - aber die kommen nicht unbedingt rein", sagt Clagett. Denn eine große Uni wie Harvard hat Bedürfnisse, die über den Hörsaal oder das Labor hinausgehen. Es gibt Orchester zu dirigieren, Hockeyteams aufzustellen, eine vielseitige Campusgemeinschaft aufzubauen.

Und so sehen die - anonymisierten - Aufzeichnungen von Clagett über einige der diesjährigen Bewerber eher aus wie hoch komplizierte Formelblätter, gefüllt mit seinen Kommentaren und Noten sowie denen einer Kollegin, die alle Bewerbermappen gegenliest.

"Academics" ist eine Spalte, und da bekommt eine Bewerberin mit glänzenden Testresultaten und Noten nicht mehr als eine 2- (eine glatte 1 ist für Leute, deren High School-Physikexperimente in Raumschiffen getestet werden oder ähnliches - gab es alles). Die Schülerin spielt auch ein Instrument, aber ein musikalisches Wunderkind ist sie nicht. Sehr aktiv in ihrer Schulgemeinschaft, "aber nicht Schülersprecherin oder so", mäkelt Clagett. Zwischen 2 und 2-. Fällt etwas ab gegenüber anderen Kandidaten, die gleichzeitig Model, Schülerzeitungschefredakteur, Cheerleader und Debattierclubpräsident sind. Und kein Sport, also eine 4 dafür.

Auf der Suche nach dem richtigen Campus-Mix

Aber: "Da ist Tiefe. Vielleicht erscheint sie im Interview lebendiger als in der Mappe", hat Clagett unten auf das Blatt geschrieben. Und in der Tat: Die Harvard-Ehemalige, die das Gespräch führte, urteilt, die Bewerberin sei sehr lebendig, engagiert und habe gar einen guten Sinn für Humor - "sie enstpricht so sehr meinen Vorstellungen von einer Harvard-Studentin". Dieses brillante Interview rettet die Kandidatin. Sie ist drin, wie nur jeder zehnte Bewerber.

Annenberg Hall in Harvard: Heilige Hallen der Gelehrsamkeit
Jon Chase / Harvard News Office

Annenberg Hall in Harvard: Heilige Hallen der Gelehrsamkeit

Auf dem Bogen gibt es auch Felder für ethnischen Hintergrund und die High School des Kandidaten. Clagett deutet auf die Mappe eines Bewerbers aus einem Problemviertel in Los Angeles: "Im nationalen Vergleich sind seine akademischen Leistungen nicht absolut überragend, aber in der Umgebung unglaublich." Auf Inforeisen nach L.A. wechselt der Zulassungsexperte oft in einem Tag zwischen Schulen in Beverly Hills, wo Eltern ihre Kinder von Tutoren für 500 Dollar pro Stunde auf Tests vorbereiten lassen, und Schulen in den Ghettos der Stadt, wo er am Eingang durch Waffendetektoren muss.

Bewerber aus solchen High Schools schreiben ihre Essays darüber, wie sie Beerdigungen organisieren für Mitschüler, die in Gangkämpfen umgekommen sind. "Diesen Hintergrund berücksichtigen wir", sagt Clagett, "wenn auch nicht mit einer starren Quote" - und Studenten mit derlei Lebensläufen oder aus Minderheiten sichern erst den Campus-Mix, der Ziel der langen Auswahl ist.

Hochburg weißer reicher Schnösel?

Nach Rückgängen in den Vorjahren ist der Anteil von Minderheiten diesmal gestiegen. Etwa jeder zehnte Studienanfänger auf dem Campus wird schwarz sein. Aber noch immer kommen weniger als zehn Prozent der Harvard-Studenten aus Familien, die unter 40.000 Dollar pro Jahr verdienen. Oft genug bewerben sich Schüler aus diesen Verhältnissen gar nicht erst, weil die Uni immer noch als eine Hochburg weißer reicher Schnösel gilt - aber auch, weil ihnen vier Jahre Harvard unbezahlbar erscheinen.

Zulassungsexperte Clagett: "Die Schlauesten kommen nicht unbedingt rein"
Harvard News Office

Zulassungsexperte Clagett: "Die Schlauesten kommen nicht unbedingt rein"

"Die wissen leider häufig nicht, dass wir need blind sind, übrigens auch für Ausländer", sagt Clagett. Bei der Auswahl spielt also keine Rolle, ob der Kandidat genug Geld hat. Die Rechnerei geht danach los: Eltern reichen ihre Steuerbescheide ein, und Clagett kalkuliert, wie viel sie zahlen müssen (bei 80.000 Dollar Einkommen sind es circa 15.000 Dollar pro Jahr) und wie viel Harvard als Hilfe gewährt (rund 21.000 Dollar). Etwa die Hälfte aller Studenten erhält finanzielle Unterstützung, rund 70 Millionen Dollar waren es voriges Jahr insgesamt.

Dafür braucht Harvard Spenden vermögender Ehemaliger - und es ist ein offenes Geheimnis, dass bei der Bewerbung ein bekannter Familienname nicht gerade schadet. Akademisch sind manche Bewerber vielleicht nicht herausragend, aber ein paar Plätze für sie können über Spenden der Eltern weitaus mehr Plätze für arme Wunderkinder sichern, lautet die Kalkulation.

Seltsame Empfehlungen und Geschenke

George W. Bush oder Al Gore etwa waren beide schulisch keine Überflieger, aber kamen aus mächtigen Familien und schafften es nach Yale und Harvard - auch eine Form von affirmative action, die seltsamerweise die konservativen Gegner von Vorteilen für Minderheiten bei ihrem Kampf um "absolute Gleichheit" gar nicht stört.

ZUR PERSON
Gregor Schmitz

studierte in München Jura sowie in Paris und Cambridge Geschichte und Politik; an der Universität Harvard war er Graduate Student. An UniSPIEGEL ONLINE schickt der 30-Jährige Schnappschüsse von der berühmtesten (und reichsten) Hochschule der Welt.
Wer keinen berühmten Namen vorweisen kann, versucht auf andere Weise aufzufallen. Manche Studenten wandeln etwa ihre Essays in pornographisch exakte Schilderungen ihrer Bettkünste um (Clagett: "Eher nicht hilfreich"). Oder reichen statt drei gleich 80 Empfehlungsschreiben ein, darunter eins vom Kieferorthopäden über gerade Zähne. Die werden im Zulassungsbüro stirnrunzelnd abgeheftet, Geschenke dagegen gleich abgelehnt, auch wenn es sich um Autos handelt.

Der Bewerber indes, der als gelernter Konditor das Uni-Wappen in Schokolade mit seinen Unterlagen schickte, wurde angenommen. Vielleicht gibt es selbst in Harvard ein paar süße Erfolgsgeheimnisse.



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