Harvard-Schnappschuss Wie Mr. Elbow sich selbst K.o. schlug

Harvard-Präsident Larry Summers hat die Hochschule so aggressiv umgekrempelt wie kaum einer seiner Vorgänger. Das könnte ihm nun zum Verhängnis werden - seine zahlreichen Gegner warten nur auf Ausrutscher. Und Summers enttäuscht sie nicht: So bezeichnete er Frauen unlängst als weniger geeignet für die Wissenschaft als Männer.

Von , Cambridge


Weniger geeignet für die Wissenschaft? Weibliche und männliche Absolventen der International University Bremen (IUB)
DPA

Weniger geeignet für die Wissenschaft? Weibliche und männliche Absolventen der International University Bremen (IUB)

Wer glaubte, "Wenn man vom Teufel spricht, dann kommt er" sei nur ein albernes Sprichwort, hätte am Donnerstagabend in Harvard sein müssen. Die einflussreichsten weiblichen Forscher der Universität saßen zusammen und diskutierten die umstrittenen Äußerungen des Hochschulpräsidenten Larry Summers. Vielleicht seien Frauen einfach biologisch weniger geeignet für wissenschaftliche Forschung in Ökonomie oder Naturwissenschaften als Männer, hatte der auf einer Konferenz öffentlich gemutmaßt, möglicherweise wollten sie einfach nicht 80 Stunden pro Woche dafür arbeiten.

Die Diskussion der Harvard-Forscherinnen verlief lebhaft - und ein trat der Beelzebub persönlich, Summers. Der sah, um im Bild zu bleiben, eher aus wie jemand, der den Leibhaftigen gesehen hat. Den Hut demütig in der Hand, das müde Gesicht gezeichnet von weltweiter Kritik in den vorigen Tagen. "Ich habe einen großen Fehler gemacht", begann er mit leiser Stimme - und diskutierte dann höflich mit den Damen, wie künftig mehr Frauen in Harvard lernen und lehren könnten.

"Intellektuelle Tsunami-Welle"

Ob ihn soviel Zerknirschtheit rettet? Immerhin schäumten Summers' Kritiker, allen voran Biologieprofessorin Nancy Hopkins, seine Bemerkungen hätten eine "intellektuelle Tsunami-Welle" ausgelöst. Zunächst verteidigte Summers diese noch als hypothetische Überlegungen eines Ökonomen im wissenschaftlichen Rahmen einer Konferenz. Doch die Welt hörte nur die sehr missverständlichen Aussagen des Präsidenten der wohl berühmtesten Hochschule des Planeten.

Die "New York Times" berichtete vier Tage in Folge, TV-Programme interviewten unter anderem Autorin Naomi Wolf, die Summers gleich einmal mit Stalin verglich ("Der war auch provokativ"). Lautstarker Unmut von Harvards Studentinnen und Professorinnen ("Unser Präsident respektiert uns also nicht") ließen die Welle weiter anschwellen.

Und obwohl Summers davonzulaufen versuchte - er veröffentlichte drei Entschuldigungen auf seiner Website und schrieb einen langen Brief an die Harvard-Gemeinde -, ist nicht klar, ob sie ihn vielleicht gar fortspülen wird. Eine der wichtigsten Frauenorganisationen in den USA hat bereits seinen Rücktritt gefordert.

Umstrittener Präsident: Larry Summers
AP

Umstrittener Präsident: Larry Summers

Eskalieren konnte der Vorfall wohl nur derart, weil Summers viel Ballast mitschleppt. Die Brillanz des 50 Jahre alten Ökonomen, der mit 28 bereits Professor in Harvard wurde und als Chefökonom der Weltbank und Finanzminister unter Clinton diente, bezweifelt selbst im intellektuell versnobten Cambridge niemand. Doch ob Summers mit Messer und Gabel essen kann, schwebte als große Frage von Anfang an über seiner öffentlichen Karriere. In Washington hieß er "Mr. Elbow", auf Empfängen liebte er es, der Reihe nach anderen Ministern zu erklären, was sie alles falsch machen. Bei der Weltbank formulierte er ein Memo, in dem er empfahl, mehr Giftmüll in armen Ländern zu deponieren.

Aggressiver Repräsentant

Als Harvard 2001 einen neuen Präsidenten suchte, schien diese Reputation aber eher für Summers zu sprechen. Nach dem öffentlichkeitsscheuen Neil Rudenstine, der sich vor allem aufs Spendensammeln konzentrierte, suchte die Uni einen aggressiven Repräsentanten ihrer Anliegen. Das leistete Summers, etwa mit einem PR-Feldzug gegen Visabeschränkungen für ausländische Studierende.

Gleichzeitig versuchte der früher so raue Überflieger, sich der milderen Uni-Umgebung anzupassen - er tanzte auf Partys mit Studenten, hielt persönlich Vorlesungen für Erstsemester zur Globalisierung. Wenn er Sprechstunden abhält oder Diskussionen moderiert, ist ihm das Bemühen anzusehen, Interesse selbst an leidlich brillanten Beiträgen zu zeigen.

Und doch trommeln dann oft rasch seine Knöchel, oder das Gesicht versinkt hinter beiden Händen, als solle niemand den stummen Schrei über soviel Zeitverschwendung sehen. Summers wirke ständig in Eile, so seine Spötter, weil er der wichtigste Harvardpräsident aller Zeiten werden will - um das Manko auszugleichen, nicht US-Präsident oder Nobelpreisträger geworden zu sein.

"Leadership" als Fähigkeit: Studenten in Yale
AP

"Leadership" als Fähigkeit: Studenten in Yale

Fest steht, dass er nicht weniger als einen radikalen Umbau der seiner Meinung nach behäbig gewordenen Uni-Strukturen anstrebt: Summers tritt für strengere Zensuren ein, will im Curriculum Wissensvermittlung wieder stärker gewichten als intellektuelle Selbstverwirklichung, zieht bei Berufungen junge hungrige Forscher etablierten Stars vor. Weil er Biotechnologie für das wichtigste Forschungsfeld der kommenden Jahrzehnte hält, setzte er einen riesigen neuen "Science Campus" im Bostoner Staddteil Allston durch - und plant dafür die Verpflanzung ganzer Fakultäten.

Die Fakultäts-Fürsten begehren auf

Aber Summers "Leadership"-Fähigkeiten - so wichtig in Amerika - können bisweilen mit seinen Visionen nicht mithalten. Als der Unipräsident zu Beginn seiner Amtszeit den berühmten schwarzen Intellektuellen Cornel West vor zuviel Nebenaktivitäten außerhalb des Hörsaals warnte, gaben ihm viele in Harvard Recht. Doch Summers kommunizierte seine Kritik so ungeschickt, dass West ihm Rassismus vorwerfen und wie ein Märtyrer nach Princeton wechseln konnte.

In der Entscheidung über den neuen Campus in Allston und die Curriculum-Reform fühlten sich viele Fakultäten, die früher wie autonome Fürstentümer regiert wurden, schlicht übergangen. Ein Kolumnist der Hochschulzeitung würdigte im Januar Summers Erfolge - nannte ihn aber auch eine Despoten.

ZUR PERSON
Gregor Schmitz

studierte in München Jura sowie in Paris und Cambridge Geschichte und Politik; an der Universität Harvard war er Graduate Student. An UniSPIEGEL ONLINE schickt der 30-Jährige Schnappschüsse von der berühmtesten (und reichsten) Hochschule der Welt.
Und so wartet ein ganzes Heer von Kritikern nur auf offensichtliche Misserfolge. Schon vor dem aktuellen Streit gehörte dazu der Umstand, dass unter Summers Ägide die Zahl weiblicher Neuberufungen weiter sank. Summers warb zwar für mehr Professorinnen, genauso wie er bemerkenswerte Initiativen für sozial schwache Studenten startete. Doch nur vier von 32 neuen Stellen gingen an Frauen.

Viele in Harvard fürchten nun, dass Summers Bemerkungen den Ruf der Hochschule als "Männerbund" zementieren könnten. Sie könnten aber umgekehrt auch positive Auswirkungen haben. "Wer als Wissenschaftlerin nach Harvard wechseln will, kann doch jetzt ein Riesengehalt verlangen", glaubt Richard Bradley, der gerade ein Buch über Summers veröffentlicht hat.

Wird der umstrittene Präsident durch öffentliche Buße die Krise überleben? Dafür braucht er vor allem eines: Verbündete. "Leadership ist kein Popularitätswettbewerb", hat Summers 2003 Kritikern seiner Amtsführung entgegnet. Wie einsam so eine Haltung macht, bekommt er nun zu spüren.

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