Harvards erste Uni-Präsidentin Habemus Mamam

Zum ersten Mal in 371 Jahren führt eine Frau die US-Eliteuni Harvard. Die Historikerin Drew Faust löst den umstrittenen Präsidenten Larry Summers ab. Der hatte Wissenschaftlerinnen mit Chauvi-Sprüchen erzürnt. Seine Nachfolgerin umweht eine Art Hillary-Aura.

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In Harvard, der berühmtesten Universität der Welt, ist man erste Plätze gewohnt: in den Rankings immer vorneweg, Magnet für die besten Wissenschaftler, Abonnement auf Nobel-Preise. Dazu ein jährliches Budget, das Hochschulpräsidenten und Bildungsminister in aller Welt mit Neid erfüllt.

Nur in einer Rangliste kommt das erfolgsverwöhnte Harvard nicht aufs Treppchen: Lediglich als vierte Universität der acht so genannten Ivy-League-Hochschulen kürt Harvard nun eine Frau zur Präsidentin. Sonntag wurde bekanntgegeben, dass Drew Gilpin Faust, 59, künftig die Geschicke der renommierten Institution leiten wird. Die Historikerin ist damit Herrin über ein Unternehmen mit 25.000 Angestellten und einem Etat von drei Milliarden Dollar pro Jahr. Das geschätzte Gesamtvermögen von Harvard beläuft sich auf 30 Milliarden Dollar.

"Dies ist ein großartiger Tag, ein historischer Tag für Harvard", erklärte James Houghton, Vorsitzender der Findungskommission. "Drew Faust ist eine inspirierende und hervorragend ausgebildete Führungspersönlichkeit, eine großartige Wissenschaftlerin, eine engagierte Lehrerin und ein wunderbarer Mensch." Faust ist die 28. Präsidentin von Harvard, sie soll ihr Amt am 1. Juli antreten. Die Suche hatte sich über ein Jahr hingezogen.

Geisteswissenschaftlerin statt Hochschul-Manager

Die Personalie ist eine Überraschung: Faust hat bislang noch nie eine Universität geleitet, sie gehört auch nicht zum erlauchten Alumni-Kreis von Harvard. Ihr Werdegang weist sie als klassische Geisteswissenschaftlerin aus - eine Ausnahme in einer Zeit, da die meisten Spitzenhochschulen auf erfahrene, in der Welt der Hochfinanz gestählte Manager als Spitzenkräfte setzen. Faust-Vorgänger Lawrence Summers war früher sogar US-Finanzminister.

Doch dessen Fußstapfen soll die neue Präsidentin nach Wunsch vieler Harvard-Wissenschaftler möglichst weiträumig umgehen: Mit seinem selbstherrlichen Führungsstil hatte Summers die Universität gespalten wie kaum ein Präsident vor ihm. Im vergangenen Jahr musste er nach einer Reihe von Streitigkeiten zurücktreten. Nach dem umstrittenen Polarisierer war der Wunsch nach einer versöhnenden Figur mit einem kooperativen Führungsstil groß - was Drew Fausts Bewerbung mit einer Art Hillary-Aura umgab.

Die wissenschaftliche Gemeinde in Harvard hofft, dass mit der Wahl einer Frau endlich die leidigen Geschlechterdebatten ein Ende finden, die die Hochschule über Monate lang gelähmt hatten. Losgetreten hatte die Debatte ausgerechnet der damalige Präsident Summers: Er hatte den geringen Anteil von Frauen in Top-Führungspositionen damit erklärt, dass sie durch ihre begrenzten Fähigkeiten vielleicht weniger für solche Jobs befähigt seien.

Frauen seien "genetisch einfach nicht so geeignet" für die wissenschaftliche Forschung, schwadronierte Summers auf einer Konferenz im Jahr 2004. Die Äußerung war ein PR-Desaster in der politisch korrekten akademischen Welt Amerikas – auch wenn Summers einigermaßen glaubhaft versichern konnte, dass er die unglücklichen Äußerungen nicht so gemeint habe. Danach klebte an "Mr. Ellenbogen" oder dem "Bullen" - so zwei seiner wenig schmeichelhaften Spitznamen - noch ein weiteres Attribut: das des Frauenhassers.

Signal in der Gechlechterdebatte

Summers brach eine Debatte in ganz Amerika darüber los, warum der Frauenanteil stetig zurückgeht, je höher Akademiker auf der Karriereleiter klettern. So sind nach Statistiken 60 Prozent der Studenten im Grundstudium Frauen, Frauen stellen die Hälfte aller Doktoranden. Doch danach wird die Luft für Frauen dünner: Nur rund 20 Prozent der Nachwuchswissenschaftler, die sich auf den Weg zur Professur begeben, sind Frauen.

Nun nimmt eine Frau auf Summers Chefsessel Platz. Pikant: Ausgerechnet Drew Faust hatte in ihrem bisherigen Job - als Dekanin des Radcliffe Insitute for Advanced Study - die Oberaufsicht über zwei Kommissionen, die sich nach Summers chauvinistischen Äußerungen mit Frauenfragen befassten. Ihre Wahl kommentierte Faust mit den Worten: "Ich hoffe, dass meine Ernennung ein Symbol für Gelegenheiten ist, die es vor einer Generation noch nicht gab." Sie fügte aber auch hinzu: "Ich bin nicht die Präsidentin der Frauen in Harvard, ich bin die Präsidentin von Harvard."

"Das ist ein öffentliches Signal dafür, welchen Fortschritt Frauen darin gemacht haben, dass sie als gleichwertige Kandidaten für Führungspositionen angesehen werden", meint auch Carol Christ, Präsidentin der Frauen-Hochschule Smith College in Massachusetts, zur Personalie. "Es ist so, wie eine Frau als Präsidentin der Vereinigten Staaten zu haben."

Mit der Wahl Fausts liegt Harvard im Trend: Nach einer Studie des American Council on Education ist der Anteil von Frauen unter den Hochschulpräsidenten in den letzten 20 Jahren von 9,5 Prozent auf 23 Prozent gestiegen - immerhin mehr als doppelt so viel wie in der Wirtschaft. Rund zehn Prozent der 500 größten amerikanischen Unternehmen werden von Frauen geführt.

Expertin für Grabenkämpfe

Die Konflikte in der berühmtesten Bildungseinrichtung der Welt sind indes programmiert. Vor allem in den Naturwissenschaften gärt es: Bei der Präsidentenkür wurden die Naturwissenschaftler erneut übergangen, sie stellten zuletzt 1953 mit James Bryant Conant den Präsidenten. Die vier letzten Harvard-Chefs kamen aus den Fachbereichen Altertumswissenschaften, Jura, Literatur- und Wirtschaftswissenschaften.

Die naturwissenschaftlichen Institute liefern sich erbitterte Grabenkämpfe um prestigeträchtige und kostspielige Forschungsprojekte. Harvard will in den nächsten Jahren mehrere Milliarden Dollar in den Ausbau der Naturwissenschaften investieren, noch ist unklar, wer von dem Geldsegen profitieren wird.

Die Findungskommission glaubte, eine Geisteswissenschaftlerin könne diese Rivalitäten eher schlichten als ein Uni-Leiter aus den Naturwissenschaften selbst. Die Qualifikation für eine fundierte Beurteilung von Bruderkämpfen bringt Drew Faust jedenfalls mit: Die Historikerin machte sich mit Veröffentlichungen zum US-Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten im 19. Jahrhundert einen Namen.

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