Studenten-Geständnis Profs lesen Hausarbeiten doch eh nicht - oder?

Studenten quälen sich Seite um Seite, bis die Hausarbeit endlich fertig ist. Und dann: Liest der Dozent sie nicht, sondern gibt blind eine 1,7. Hier erzählt Larissa Sarand, 28, wie man faulen Profs auf die Schliche kommt.
Studentin in der Bib

Studentin in der Bib

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa
Zur Person

Larissa Sarand, Jahrgang 1988, machte 2007 Abitur in Berlin und anschließend eine Ausbildung zur Medienkauffrau. Danach studierte sie Lehramt für Deutsch und Politische Bildung an Gymnasien, im August 2016 begann sie ihr Referendariat. Über ihren Studienspaß und -frust hat sie ein E-Book im Eigenverlag verfasst: "5 Jahre Bastelstunde: Was man in der Uni lernt - oder eben auch nicht...".

Foto: Konstantin Zander

Während meines Lehramtsstudiums bin ich viel Bahn gefahren, zwischen meinem Wohnort Berlin und meiner Uni in Potsdam. Die meisten Fahrten waren langweilig, und im Waggon war es entweder zu heiß, zu kalt oder zu voll.

Eine Fahrt aber war äußerst spannend - und hat meinen Blick auf Professoren und Uni-Stress nachhaltig verändert. An diesem Wintertag saßen mir in der Bahn zwei Kommilitonen gegenüber, männlich und älter als ich. Sie sprachen über anstehende Prüfungen. Ich hörte zu.

Der eine Student listete auf, wie viele Klausuren und Hausarbeiten ihm am Ende dieses Semesters bevorstanden.

Student 2 winkte ab: "Ach, seit der Englisch-Hausarbeit letztes Semester mache ich mir um Hausarbeiten keine Gedanken mehr."

Student 1: "Wieso? Was war denn mit der Hausarbeit?"

Student 2: "Letztes Jahr habe ich im Internet einen Text über einen amerikanischen Schüler gelesen, der einen Aufsatz über Shakespeare schreiben sollte. Auf den ersten Seiten hat er brav die Fragestellung beantwortet. Doch irgendwann hatte er keine Lust mehr und füllte die nächsten Seiten mit Sätzen an seinen Lehrer, so nach dem Motto: 'Ich vermute, Sie lesen diesen Aufsatz ohnehin nicht richtig, daher kann ich mir weitere Ausführungen zum Thema ja sparen. Wenn ich nur genug Seiten fülle, sieht es für Sie nach einer guten Arbeit aus.'"

Student 1: "Und was ist dabei herausgekommen?"

Student 2: "Eine Eins minus. Der Schüler hatte also recht. Ich hatte auch schon länger das Gefühl, dass die meisten Profs die Arbeiten gar nicht richtig lesen und wollte es selbst testen. Eine inhaltlich unsinnige Arbeit abzugeben, habe ich mich nicht getraut, aber ich habe in der Mitte einer Hausarbeit zwischen zwei Seiten ein langes Haar meiner Freundin mit einem Klecks Sekundenkleber befestigt. Ich habe das Haar so hineingeklebt, dass sich das eine Ende auf der einen Seite befand und das andere Ende auf der direkt gegenüberliegenden. Ein paar Testläufe haben gezeigt: Wird die Seite aufgeschlagen, überspannt das Haar - das heißt, es zerreißt oder löst sich zumindest von einer der beiden Seiten."

Student 1: "Du bist so ein Nerd. Wie ging es aus?"

Student 2: "Ich habe meine Arbeit entsprechend präpariert und abgegeben. Kurze Zeit später habe ich im Onlineportal gesehen, dass ich dafür - mal wieder - eine 1,7 bekommen habe."

Student 1: "Ich bekomme auch ständig eine 1,7 für meine Hausarbeiten."

Student 2: "Ja, eben. Normalerweise freue ich mich auch einfach drüber und stelle so eine Note nicht infrage. Diesmal bin ich aber natürlich sofort ins Sekretariat, habe mir die korrigierte Arbeit geben lassen und ganz vorsichtig bis zum Mittelteil geblättert. Ich fand es schon komisch, dass keine Anmerkungen oder angestrichenen Fehler an den Seitenrändern standen, und dann kam ich schließlich zu der Seite mit meiner kleinen Falle. Und, tadaaa: Das Haar war noch da, lang, blond, unversehrt und noch immer an beiden Seiten befestigt."

Student 1: "Krass. Er hat die Arbeit also wirklich nicht gelesen. Und ich gebe mir immer so viel Mühe beim Schreiben."

Student 2: "Das habe ich auch gemacht. Aber seitdem nicht mehr. Ich mache nur noch das Nötigste, wenn es um Hausarbeiten geht und gebe auch nur noch die minimal geforderte Seitenanzahl ab."

Oh Mann, dachte ich mir. Schon klar: Man schreibt Hausarbeiten nicht für den Dozenten, sondern lernt bei der Literaturrecherche und beim Schreiben etwas.

Wenn Studenten aber davon ausgehen müssen, dass sich niemand - nämlich nicht einmal ihr Dozent - für ihre Arbeiten interessiert, wird das sicher niemanden zu Höchstleistungen anspornen.

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