Hausarbeitenbörse Dialer-Abzocke beim Deutschreferat

Früher wurde beim Tischnachbarn abgeschrieben, heute laden Schüler ihre Hausaufgaben im Internet herunter. Täglich wächst die Zahl der Anbieter, die Schularbeiten ins Netz stellen - seriös sind sie nicht immer, wie ein aktueller Fall zeigt.

Von Oliver Baentsch


Referate aus dem Internet: Für 1,86 pro Minute eine teure Schummelei
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Referate aus dem Internet: Für 1,86 pro Minute eine teure Schummelei

"Dialerschutz.de" warnt vor einem besonders dreisten Angebot im Netz, das für den Download von Texten abkassiert - per Dialer, der auf der Homepage des Betreibers nicht erwähnt wird. Auf "www.schulstadt.de" wird all das beworben, was faule Schülerherzen höher schlagen lässt.

"Die Schulstadt hilft Dir, deine Freizeit zu optimieren. Hier musst Du nicht lange recherchieren", heißt es verheißungsvoll auf der Internetseite von Lars Heinze und Andreas Jantzen. Ein paar Klicks, und das Unterrichtsmaterial ist auf der heimischen Festplatte gebunkert. Dass man sich mit kopierten Arbeiten an der Schule eine glatte Sechs einhandeln kann, wird ebenso wenig thematisiert wie die Kosten dieser Dienstleistung.

Denn um den Zugang zum Schularbeitenarchiv freizuschalten, müssen sich die User ein Zugangstool herunter laden - und das hat es in sich: Das kleine Programm entpuppt sich als 0190-Dialer, pro Minute werden 1,86 Euro fällig. "Mit dem Wort 'Zusatztool' macht die Seite in keiner Form deutlich, dass hier ein Dialer installiert werden muss", sagt Sascha Borowski, Betreiber von "Dialerschutz.de". "Wie auch bei anderen Angeboten, die etwa Klingeltöne oder Logos für Handys feilbieten, werden hier zum Teil minderjährige Schüler angesprochen. Bei denen kann man nicht davon ausgehen, dass sie vorher das Kleingedruckte studieren."

Eltern hatten aus Sorge über womöglich horrende Telefonrechnungen "Dialerschutz.de" auf die Internetseite aufmerksam gemacht. Und auch die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP), der Bundesverband der Verbraucherzentralen und das Bundesbildungsministerium sind inzwischen über das unseriöse "Schulstadt"-Angebot informiert worden.

"Als erstes muss geprüft werden, ob ein Dialer überhaupt registriert worden ist", sagt Rudolf Boll von der RegTP, "Nur dann besteht überhaupt ein Rechtsanspruch auf die Zahlung fälliger Telefonkosten". Mit der Einführung des "Gesetzes zur Bekämpfung des Missbrauchs von (0)190er/(0)900er Mehrwertdiensterufnummern" am 15. August 2003 hatte die Regulierungsbehörde den Gegenangriff in Sachen Rufnummernmissbrauch gestartet. Selbst wenn der Dialer ordnungsgemäß registriert worden ist, muss er Mindestanforderungen genügen. "Der Nutzer muss solche Programme erkennen und eindeutig bestimmten Angeboten zuordnen können und dem Bezug, der Installation und der Verbindungsherstellung explizit zustimmen", sagt Rudolf Boll.

Unrechtsbewusstsein haben die Betreiber des Schulstadt-Angebots deswegen nicht. In einem Interview mit dem "Dialermagazin", der Werbeseite für Dialer-Anbieter im Internet, berichtet Andreas Jantzen stolz von den 70 bis 90 Usern täglich, die im Schnitt sieben Minuten nach Unterrichtsmaterial auf seiner Seite suchen: "Ein ordentlicher Schnitt." Auf die Frage, was er von den neuen Gesetzen hält, die Dialer-Betreibern das Leben schwer machen sollen, antwortet Jantzen lapidar: "Ich denke, dass die Gesetze für den Verbraucher sehr wichtig sind, zumal in der Vergangenheit viel Schindluder getrieben wurde."



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