Heinz Rudolf Kunze als Dozent Jetzt bloß kein Casting-Klamauk

Deutschrocker Heinz Rudolf Kunze ist seit gefühlt 500 Jahren im Musikgeschäft, ihm gelang nur ein echter Ohrwurm. In diesem Semester lehrt er Songschreiben in Osnabrück. Den Studenten gefällt's - auch wenn viele "Brille" gar nicht kennen.

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Heinz Rudolf Kunze, 51, schreitet zur Bühne. Ohne Mikro, stattdessen mit brauner Ledertasche in der Hand. Auf dem Weg flüstert er seinem Manager zu: "Aber das mit der Musikanlage musst Du heute wieder machen." Kunze ist leger gekleidet: Beige Baggypants, schwarzes Nadelstreifenhemd, schwarzes T-Shirt mit einem weißen Gesicht und dem Schriftzug "Franz Kafka". Eine Goldkette lugt hervor, auf der Nase thront die schwarze Hornbrille. Sein Markenzeichen.

Er betritt die Bühne und setzt sich an den einzigen Tisch im Raum. Kunze schaut in sein Publikum und beginnt: "Heute gibt es nicht ganz so viel Theorie, heute wollen wir ein bisschen spielen." Das Publikum ist klein und für Kunze ungewöhnlich: Ihm gegenüber sitzen rund 30 Studenten der Popularmusik vom Institut für Musik der Fachhochschule Osnabrück. Kunze unterrichtet in diesem Semester im Seminar "Lyrics-lab" das Songschreiben. Sonst steht er auf größeren Bühnen.

Der Mann ist Sänger, Songtexter, Komponist, Pianist, Gitarrist, Produzent, Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. Als Kandidat für den Eurovision Song Contest scheiterte er zuletzt gegen Roger Cicero. Er saß in der Enquetekommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestages. Für all das hat er im November den Niedersächsischen Staatspreis erhalten.

Seine Studenten wissen das alles eher nicht. "Ich habe vorher noch nie von ihm gehört", gesteht Studentin Rebecca Stahlhut, 26: Anders Benjamin Sazewa, 21: "Klar kenn' ich den und 'Dein ist mein ganzes Herz'."

Die Sache mit der Quote? "Dummes Zeug!"

Das war sein bisher größter Hit aus dem Jahre 1985. Schlagzeilen machte Kunze auch, weil ihn im Jahre 1996 seine deutschen Musikerkollegen zu einer Art Klassensprecher auserkoren haben - wie er betont - und er in ihrem Namen in einem SPIEGEL-Interview eine Quote für deutschsprachige Musik im Radio forderte. Heute sagt er mit Blick auf die "vielen guten deutschsprachigen Bands", dass sich das "lästige Quotenthema von selbst erledigt hat".

Und trotzdem geht es in seinem Seminar zunächst wieder um die Quote. Sonst der Alleinunterhalter, haben jetzt seine Studenten das Wort. Viel Performance und Animation brauchen sie nicht: Ständig reckt jemand eine Hand in die Luft. Die Diskussion läuft - fast ohne Kunzes Zutun. Und doch wischt er das Thema bald vom Tisch: "Die Quote ist abgehakt. Dummes Zeug!"

Schließlich will er ja heute spielen. Im Seminar hat er Hausaufgaben verteilt: Seine Studenten sollten aus einem ungereimten Gedicht von Günter Grass einen Song schreiben. "Wer beginnt?" Die Studenten rutschen auf ihren Stühlen hin und her, murmeln "Ladies first… Ladies first!" Und tatsächlich traut sich eine blonde Studentin als erste, schnipst mit den Fingern und beginnt im Sprechgesang: "Da stimmt doch was nicht, da habe ich was falsch gemacht, die Richtung stimmt nicht…" Applaus. Kunze ist begeistert: "Tja, ich muss sagen, Sie erleichtern mich. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so gut in Gang kommen."

Kunze kann und will seine Studenten nicht zu perfekten Textern ausbilden. Er möchte eher ihren Blick dafür schulen, was ein guter Songtext ist. In seinem Seminar sucht er auch nicht nach Deutschlands nächstem Popstar. "Wir produzieren keine Talente am Fließband. Aber wenn ich jemanden entdecke, dann werde ich ihn nicht behindern."

"Ihr könnt mich gerne niedermachen"

Es geht also nicht um Casting-Klamauk. Studenten der Populärmusik werden in erster Linie zu Musikpädagogen ausgebildet. "Und doch hört man ihre heimlichen Träume nach einem großen musikalischen Erfolg massiv heraus", sagt Kunze. Für die meisten Studenten scheint das tatsächlich im Vordergrund zu stehen. Zumindest bestätigt Rebecca Stahlhut: "Jeder hat seine eigene Karriere im Hinterkopf. Musikpädagogik ist nicht das erste, sondern das zweite Standbein."

Pädagoge ist Kunze auch. Er hat in Münster und Osnabrück Deutsch auf Lehramt studiert. Das Examen liegt aber nun schon fast 30 Jahre zurück. Sein Auftritt an der Fachhochschule in Osnabrück ist nicht sein erster dieser Art, er hat bereits an der Musikhochschule in Hannover, der Hamburger Musical School und der Mannheimer Popakademie Vorträge gehalten. Trotzdem ist er ein wenig nervös: "Gott sei Dank muss ich keine Schüler unterrichten. Gott sei Dank muss ich niemanden quälen."

Gequält fühlt sich wirklich niemand. "Er macht das gut", sagt Viviane Helms, 20. Auch wenn sie nicht erwartet, dass sie nach dem Seminar Profi im Songschreiben ist. "Ich erwarte mir neue Einblicke: Wie geht man an Texte ran, was ist wichtig?" Vermutlich wird sie nach dem Seminar andere Songschreiber besser beurteilen können.

Auch ihren Lehrmeister Heinz-Rudolf Kunze. Der schenkt dem Institut nach dem Seminar ein Konzert - und hat seine Zöglinge zumindest aufgefordert: "Ihr könnt mich für meine Texte danach gerne niedermachen!"



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