Heiraten für Anfänger Diktatur der Schwiegereltern

Die meisten Heiratswilligen wollen eine Riesenhochzeit mit allem Pomp - auch wenn es das eigene Budget glatt sprengt. Wer Student ist oder Berufsanfänger, braucht Sponsoren. Aber Vorsicht: Die liebe Familie wird dann bei der Festgestaltung mitmischen, kräftig und ungefragt.
Von Lisa Seelig
Autorin Lisa Seelig am Hochzeitstag: Dresscode White Kleid

Autorin Lisa Seelig am Hochzeitstag: Dresscode White Kleid

Foto: Ulf Buschmann

Ein elfenbeinfarbenes Kuvert lag vor einigen Monaten in meinem Briefkasten. Die darin enthaltene, auf handgeschöpftem Büttenpapier gedruckte Einladungskarte verkündete die Hochzeit meiner Freundin Maja. Und den Dresscode "Black Tie" (womit, wie der routinierte Festgesellschaftler natürlich weiß, nicht etwa zu schwarzer Krawatte, sondern zu Smoking und bodenlangem Abendkleid aufgefordert wird).

Ich wunderte mich. Maja, das muss man wissen, ist Studentin, und die Zahl ihrer Semester entspricht grob ihrem Alter. Maja, das muss man auch wissen, hat die Angewohnheit, wehrlosen Mangos und Avocados im Supermarkt schwere Quetschverletzungen zuzufügen, um sie an der Kasse billiger zu bekommen. Zudem pflegt sie zu Essenseinladungen stets ein Set Tupperdosen mitzuführen, um sich für den nächsten Tag etwas einpacken zu lassen ("Das kriegt ihr eh unmöglich allein weg"). Ihr winziges Studentenbudget und handgeschöpftes Büttenpapier vertrugen sich in etwa so gut wie Majas Batik-Fransentuch und "Black Tie".

Die Sache war klar: Maja war auf die dunkle Seite der Macht geraten - und hatte sich in Abhängigkeit von Eltern oder Schwiegereltern begeben. Denn wer als Student heiratet, hat genau zwei Alternativen:

  • Er entscheidet sich für die studentische Variante, bittet jeden Gast, statt Geschenken Buletten und Nudelsalat mitzubringen und stellt Klappstühle im Garten der Eltern auf. Die Braut kokettiert ein bisschen damit, dass sie ihr Brautkleid bei Clockhouse, der jungen Marke von C&A, gekauft hat, und hofft, dass das um mehrere Ecken gedacht irgendwie lässig-subversiv rüberkommen möge.
  • Sponsoren finden - die meisten heiratswilligen Studenten, darf man annehmen, entscheiden sich für Fundraising. Denn die Rückkehr eines bürgerlichen Habitus, die Sehnsucht nach traditionellen Werten und Beständigkeit, so künden immer neue Studien, machen vor der heutigen Studentengeneration nicht halt. Auch Studenten und Geringverdiener haben keine Lust auf Nudelsalat-Hochzeiten, sie wollen traditionelle Sissi-Sahnebonbon-Hochzeiten.

Es ist höchst interessant, welche Ansichten zum Thema Hochzeitsgestaltung auch solche Leute vertreten, die sonst für sich beanspruchen, Hot Chip und Vampire Weekend schon gehört zu haben, bevor das jeder Trottel tat - und die den Abschluss einer Haftpflichtversicherung als Schritt in die Vorhölle eines überangepassten Sicherheitsdenkens geißeln.

Es beginnt die Zeit der Revierkämpfe

An diesem einen Tag plötzlich wollen sie das ganze pompös-kitschige Hochzeitsprogramm: Kutsche, Oldtimer, Blumen-Bouquet, Sechs-Gänge-Menü, Damast-Tischdecken, Kristallgläser. Ein paar Wochen lang gucken sie dienstags nicht mehr Champions League, weil da Walzertanzkurs ist. Das alles kostet. Wer also auf der Bürgerlichkeitswelle mitschwimmen will, ist auf gutes Sponsoring angewiesen.

Natürlich gibt es jene Eltern, die in den sechziger Jahren chronisch bekifft waren, heute mit verklärtem Blick ihre Janis-Joplin-Platten rauf und runter hören und überhaupt nicht einsehen, warum sie ihrem Kind die Leihgebühr für 120 Damast-Stuhlhussen spendieren sollen. Sie selbst wurden nämlich blumenkettenbehängt an einem Strand in Goa von einem freiberuflichen Brahmanen-Priester getraut.

In Deckung! Die Freakshow der schlimmsten Hochzeitsgäste

Die meisten Eltern aber buttern gern großzügig rein, im glücklichen Überschwang, das Kind endlich unter die Haube zu kriegen. Sind Eltern oder Schwiegereltern mit im Boot, beginnt die Zeit der Territorialkämpfe. Die Sponsoren wollen nämlich leider nicht einsehen, dass man für sie ausschließlich die Rolle des Mäzens, des stillen Gönners gewissermaßen, vorsieht - man ist jung und braucht das Geld. Keine Meinung. "Wir mischen uns gar nicht ein, es ist ja EUER Fest", werden die Sponsoren beteuern. Und dann werden sie sofort beginnen, subtil zu manipulieren.

Sie werden ungefragt Leute einladen, vor denen man sich bereits als Kind gegruselt hat ("Ich hab gestern mit Tante Marlies telefoniert und ihr gesagt, dass ihr morgen die Einladung rausschickt"). Sie werden versuchen, Menschen auf die Gästeliste zu putschen, deren Facebook-Freundschaftsanfrage man seit einem halben Jahr aussitzt ("Mit dem Tobi hast du doch in der Krabbelgruppe immer so schön gespielt") - natürlich ohne blassen Schimmer, dass man noch heute traumatisiert ist von Tobis Doktorspielchen, die einem für einen Vierjährigen recht, nun ja, fortschrittlich vorkamen.

Wer braucht schon Showbands mit Namen wie "Twix and the Riders"?

Egal wessen Budget man verpulvert, ein paar Programmpunkte braucht kein Mensch: den "Hochzeitstauben-Service" etwa, bei dem eine Handvoll weißer Tauben vor der Kirche aus einem Käfig flattert (und der Braut verschreckt aufs Kleid kackt). Oder eine Hochzeitskutsche, der alle motorisierten Gäste im Schritttempo hinterherfahren müssen, auch wenn zwischen Kirche und Landgasthof 25 Kilometer liegen. Ebenso entbehrlich sind Showbands mit Namen wie "Twix and the Riders". Und der wichtigste Ansatzpunkt fürs Geldsparen ist natürlich die Alkohol-Flatrate.

Man merkt den gesponserten Hochzeiten immer ein bisschen an, dass sie gewaltsam in einen Rahmen gezwängt wurden, der allen gerecht werden soll. Und das ist, jetzt endlich die gute Nachricht, überhaupt nicht schlimm - im Gegenteil.

Ich finde es herrlich, auf solchen Festen Gast zu sein. Hochzeiten sind ohnehin eine sozialpsychologische Spielwiese, eine explosive Mischung aus zu hohen Erwartungen, Unterhaltungsdruck und arg strapazierten Nervenkostümen. Jede Menge sozialen Sprengstoff birgt die Tatsache, dass Menschen einen Tag lang an leinengedeckten Tischen zusammengepfercht werden, die im richtigen Leben wegen ihrer äußerst konträren Lebensläufe und unterschiedlicher Milieus kaum je aufeinander treffen würden.

Die pseudoelitäre Verwandtschaft, durchweg gewandet in Frack und Abendrobe, bildet einen schönen Kontrast zum Schluffi-Kiffer-Kommilitonen, der gewaltsam von der Bühne gezogen werden muss, weil er spontan beschlossen hat, die Extended Version von "Riders on the Storm" unplugged zum Besten zu geben.

Je später der Abend, desto enthemmter die Gäste

Auch bei Majas Hochzeit stellte sich meine Vorfreude als vollkommen berechtigt heraus: Für einen winzigen Eklat in der katholischen Barockkirche sorgte zunächst Majas Kommilitonin Sarah, die eine Fürbitte vortrug. Dass ihre fohlenartigen Beine vor Nervosität zitterten, fiel deshalb besonders auf, weil die Fohlenbeine nur am obersten Ende notdürftig von einem fuchsiafarbenen, gürtelbreiten Stretch-Etwas bedeckt wurden, welches Rock zu nennen maßlos übertrieben wäre.

Später am Abend grölten lediglich die Kommilitonen und einige wenige besoffene Onkel vor Wonne, als im Diavortrag eines Studienfreundes eine Serie von Bildern auftauchte, die den Bräutigam - von einem Stirnband abgesehen - nackt und an ein Holzkreuz gefesselt zeigten. Für die Verwandtschaft glich später der Patenonkel des Bräutigams aus, der in seiner Rede ausführlich aus dem Tagebuch seines damals dreizehnjährigen Patenkinds zitierte. Großes Kino.

Spät auf solchen Festen bestellen die eigenen Kumpels mit Onkel Manfred vom Restetisch die achte Williamsbirne und hören sich Geschichten von der Kriegsgefangenschaft in Sibirien an. Es stört keinen mehr, dass die Juristen-Kusine, die zurzeit einen Flamenco-Kurs besucht, den verzweifelten DJ zum wiederholten Male zum Auflegen von "Baila Me" von den Gipsy Kings nötigt. Und dann endlich sollte sich das Brautpaar über die Eigenmächtigkeiten der Sponsoren freuen: Ohne sie wäre das womöglich eine dieser langweiligen Partys geworden, bei denen sich alle einig sind - und bei denen den ganzen Abend lang Hot Chip läuft.