Heiratsmarkt Hochschule Fischforscherin sucht Fahrradfahrer

Vergessen Sie Diskotheken, Yoga-Kurse oder Vermittlungsinstitute: Der richtige Ort für die erfolgreiche Eheanbahnung ist der Hörsaal. Dort sitzen nämlich meistens Gleichgesinnte, haben Soziologen herausgefunden.

Weiterführende Schulen und Hochschulen sind die Heiratsmärkte moderner Gesellschaften. Das haben die beiden Forscher Hans-Peter Blossfeld und Andreas Timm in ihrer unlängst veröffentlichten Studie "Who Marries Whom? Educational Systems as Marriage Markets in Modern Societies" herausgefunden. Sie untersuchten die Bedeutung des Bildungssystems für die Eheanbahnung in 13 Ländern. Ergebnis: Immer häufiger treffen junge Leute ihre künftigen Ehepartner in der Schule, an der Universität oder in Studentenlokalen.

Grund für die Anbandel-Offensive in Hörsälen und Klassenräumen ist den Forschern zufolge die Bildungsexpansion. Immer mehr junge Erwachsene sind immer länger in der Ausbildung. Auch sei der Frauenanteil stetig gewachsen: In vielen modernen Industriestaaten sind sie unter den Studienanfängern genau so häufig vertreten wie Männer.

Akzeptabel ist genug

Gedeiht die Liebe also besonders gut zwischen Kopierern, Regalreihen und dem Kaffeeautomaten? Die Antwort der Forscher ist desillusionierend: Bindungssuchende treffen ihre Wahl nicht, weil Amors Pfeile in der Uni-Bibliothek ständig über die Pulte schwirren. Blossfeld und Timm gehen von einem "weichen Modell der rationalen Handlungswahl" aus. Es sieht ungefähr so aus: Heiratswillige haben zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens eine gewisse Vorstellung davon, wie ein akzeptabler Heiratspartner auszusehen hat. "Wenn sich zwei über den Weg laufen, deren Vorstellungen sich gegenseitig entsprechen, dann werden sie wahrscheinlich eine Beziehung eingehen und die Suche einstellen", sagt Blossfeld.

Potenzielle Partner, die Mindeststandards nicht erfüllen, werden erst gar nicht in Betracht gezogen, so Blossfeld: "Man kann sich nicht in jeden verlieben." Die Standards aber, das haben die Forscher ermittelt, richten sich sehr stark nach dem eigenen Bildungsniveau.

Da die Ausbildung eine "Abfolge von Hürden" ist, finden Suchende auf jeder Stufe leicht einen ebenbürtigen Gegenpart. Die Wenigerqualifizierten eines Jahrgangs scheiden früher aus, die Übriggebliebenen sind unter Ihresgleichen.

Gefühle sind vorstrukturiert

Den Blitz aus heiterem Himmel entlarven die Autoren als Wunschvorstellung: Gefühle seien dazu da, eine rational getroffene Wahl zu bestätigen. In ihnen fänden "handfeste soziale Realitäten" ihren Ausdruck. "Das Entstehen von romantischer Liebe und Vertrauen zwischen Partnern ist häufig sozial vorstrukturiert, das heißt, man wird sich nicht in jeden beliebigen Menschen verlieben können."

Nach gewachsenen Beutemustern suchen sich Frauen bevorzugt "Männer mit einer guten Ausbildung und damit hohem Einkommenspotenzial", während die Ausbildung der Frauen für traditionell ausgerichtete Männer von eher geringer Bedeutung ist. Sie suchen sich Frauen mit "geringer Erwerbsneigung".

Diese Rollenmuster hätten sich verschoben: Frauen suchten noch immer nach den Top-Dogs, was das Bildungsniveau angeht. Aber auch Männer "bevorzugen jetzt zunehmend Frauen mit möglichst hoher Bildung", da diese mit einem zu erwartenden Einkommen "zunehmend einen Teil der Ernährerrolle" übernehmen. Für Männer sei es allerdings nach wie vor gesellschaftlich eher akzeptiert, wenn sie nach unten heirateten. "Abwärts heiratende Frauen verstoßen auch heute noch gegen eine Norm und sind erklärungspflichtig."

Turteln unter Seinesgleichen

Das Einerlei in der Partnerwahl hat allerdings einen gesellschaftspolitischen Haken, meinen die Forscher: Indem angehende Akademiker häufiger mit ihresgleichen turteln, schotten sie sich gegen Gruppen ab, die weniger gut ausgebildet sind. Die so genannte Bildungshomogamie unter Paaren sei in den letzten 50 Jahren deutlich angestiegen. Hochqualifizierte heiraten Hochqualifizierte, Wenigqualifizierte bleiben ebenfalls weitgehend unter sich.

Steigende Bildungshomogamie heißt aber auch, "dass es im Prozess der Paarbildung zu einer wachsenden Kumulation sozialer Ungleichheiten, zur Schließung sozialer Kreise und indirekt zu einer Vergrößerung der sozialen und ökonomischen Unterschiede kommt." Anders ausgedrückt: Wer an der Uni baggert, verhält sich eigentlich unsozial.

Übrigens: Auch hartnäckige Heiratsverweigerer entrinnen der Vorbestimmung nicht: Weil sich bildungsungleiche Paare rascher und häufiger trennen, verstärke sich so lediglich die Selektion "im stufenweisen Prozess von ledig über die nichteheliche Gemeinschaft zur Ehe".

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