Hightech-Campus in den USA Willkommen an der Laptop-Uni

Mit Höchstgeschwindigkeit sausen amerikanische Studenten durch die Datennetze. Immer mehr Universitäten bringen portable Rechner per WLAN drahtlos ins Internet. Davon profitieren nicht nur die Jungakademiker - für die Firmen ist der Campus nämlich auch ein idealer Testmarkt.

Von Jochen A. Siegle


Unbegrenztes Surfen: Online, immer, überall
Warner Bros.

Unbegrenztes Surfen: Online, immer, überall

Ganz egal, ob an der Universität in Minnesota oder in San Francisco, in Pittsburgh oder in Texas: An Dutzenden von US-Colleges ist mittlerweile praktisch jeder auf dem Campus vernetzt und permanent online. Kabellos mit Laptop oder mobilem Minicomputer, versteht sich - im Hörsaal ebenso wie in der Mensa, der Aula oder auf der Toilette.

Und das hat Folgen, für das soziale Leben auf dem Campus wie auch den täglichen Lehrbetrieb. "Die Funknetze verändern deutlich die Interaktion zwischen den Studenten und revolutionieren die Hörsäle und Lerntechniken", sagt Bradley Noblet, IT-Direktor an der Dartmouth-Universität in Hanover, New Hampshire. "Zudem legen die WLANs den Grundstein für viele technische Innovationen."

Wireless Local Area Network (WLAN), auch Wi-Fi genannt, heißt die Lösung, die portable Rechner drahtlos ins Netz bringt. "Die Zukunft des Internet ist unsichtbar, weder zu spüren noch zu hören und allumfassend", propagieren Hightech-Experten und Datenfunk-Protagonisten in aller Welt. Und an immer mehr amerikanischen Unis ist das Web von morgen bereits Gegenwart. Während virtuelle Studienangebote schwer ins Trudeln geraten sind, rüsten viele Hochschulen technisch auf.

Dabei sind die Studenten nicht nur Tester, sondern entwickeln zugleich auch noch kreative Applikationen - zum Beispiel Multimedia-Services für Touristen, Lokalisierungsdienste, Online-Videoübertragungen, Veranstaltungsdatenbanken oder "Real-Life"-Fantasy-Spiele in Innenstädten. Allesamt für den "Wireless"-Gebrauch auf portablen Web-Rechnern.

Notebook-Studenten: Zeigst du mir deinen, zeig ich dir meinen
AP

Notebook-Studenten: Zeigst du mir deinen, zeig ich dir meinen

Die Universität Dartmouth gilt in den USA als einer der WLAN-Vorreiter. Bereits 1999 liebäugelten hier Professoren damit, auf dem Campus ein Datenfunknetz zu installieren. Mit Unterstützung einiger ehemaliger Studenten, die für den kalifornischen Netzwerkausrüster Cisco arbeiten, sollte das erste WLAN-Netz im Herbst 2000 stehen.

Inzwischen sind mehr als 500 "Hot-Spots" direkt mit dem Netz der Hochschule verbunden, um auch den letzten Winkel des über 150 Gebäude umfassenden Campus mit Highspeed-Funknetzzugängen zu versorgen. Der komplette Campus ist abgedeckt.

"Wir nehmen unter amerikanischen Hochschulen eine Führungsrolle in Sachen WiFi ein", sagt Bradley Noblet stolz. "Mittlerweile erkennen jedoch immer mehr Unis die Vorteile der Technologie. Ich schätze, dass rund zehn Prozent der US-Unis ein WLAN in Betrieb haben, mindestens 30 Prozent testen derzeit WiFi-Netze." Und immer wieder kontaktieren sie Noblet für "Entwicklungshilfe".

WLAN-Laptops allgegenwärtig

Die Pionierrolle von Dartmouth hat sich längst herumgesprochen. Vor Semesterbeginn tauchen mittlerweile regelmäßig Dutzende von potenziellen Studienanfängern auf dem Campus auf, um das Netz auszuprobieren. "Man könnte fast sagen, dass wir es unserer guten Netzanbindung zu verdanken haben, dass die Bewerbungen in diesem Jahr gestiegen sind", sagt Noblet. "Denn nicht wenige Studenten wählen ihren Studienort inzwischen nach der Internet-Anbindung aus."

Aus demselben Grund kann sich auch die University of Georgia in Athens über mehr Zulauf von Frischlingen freuen. Hier hat das New Media Institute nicht nur den Campus, sondern gleich die ganze Kleinstadt mit einer WLAN-Wolke überzogen - rein experimentell natürlich. Denn auch hier sollen Studenten das Netz von morgen erproben.

"WLAN-Laptops sind auf dem Campus längst allgegenwärtig und quasi die Grundausstattung fürs Studium", sagt Iris Junglas. "Das hat den Vorteil, dass man zum einen Mitschriften elektronisch erledigen und zum anderen auch kursrelevante Sachen nachsurfen oder online abgelegte Papers downloaden kann."

Seit drei Jahren ist die aus dem Rheinland-Pfalz stammende Doktorandin in Georgia und untersucht für ihre Dissertation kabellose Internet-Anwendungen. Die WLAN-Revolution hätte sie daher kaum hautnaher mitverfolgen können - und ist mächtig begeistert: "Immer mehr Studenten sitzen in den Fluren auf dem Campus oder in Cafés in der Stadt und arbeiten elektronisch, anstatt einfach nur in Büchern zu blättern - und das ist schon genial", sagt Iris Junglas. Die 29-Jährige ruft selbst vom Kaffeehaus aus ihre E-Mails ab, bereitet Kurse vor oder klinkt sich auch schon mal bei online übertragenen Konferenzen ein.

Kein "Credit" ohne WiFi-Rechner

Dartmouth-Homepage: Einer der WLAN-Pioniere

Dartmouth-Homepage: Einer der WLAN-Pioniere

Die technische Fortschritt geht an einigen amerikanischen Unis mittlerweile sogar so weit, dass sie mehr und mehr Kurse veranstalten, die Studenten gar nicht mehr ohne WLAN-Rechner besuchen können. Und das nicht nur in Technikfächern: In Dartmouth setzen etwa selbst Psychologie-Professoren die WLAN-Technologie in Vorlesungen ein und analysieren damit das Antwortverhalten von Studenten auf Multiple-Choice-Fragen, die via Handheld-PCs beantwortet werden müssen.

Gut zu wissen, dass laut Noblet praktisch jeder der 4000 Dartmouth-Jungakademiker über einen mobilen Internet-Computer verfügt - beliebt sind vor allem Laptops, aber auch Handhelds und PDAs. Wer keinen eigenen Funknetz-Rechner hat, kann ihn für spezielle Kurse von der Uni erhalten. So auch in Athens, wo rund 60 WiFi-Laptops und ein paar Dutzend "Pocket PCs" zur Verfügung stehen.

Idealer Testmarkt WiFi-Campus

Mit Hardware hilft auch die Tech-Industrie aus. Firmen wie Cisco, Hewlett-Packard, Palm, Compaq oder Handspring haben die Colleges nämlich als idealen Testmarkt für die Netzwelt von morgen entdeckt. Und das finanziellen Engagement hält sich für die Sponsoren wie für die Uni-Verwaltungen in Grenzen: Noblet gibt die Kosten für das Dartmouth-WiFi-Netz mit 750.000 US-Dollar an. Die University of Georgia soll sogar mit 80.000 US-Dollar ausgekommen sein.

Für beteiligte Hightech-Firmen, die ihre Produkte kostenlos oder günstiger an die Hochschulen abgeben, rechnet sich das Geschäft allemal: Zum einen testen die Studenten die WLAN-Netze im Alltagsgebrauch und gewähren Partnern detaillierte Einblicke in die Performance und die Nutzung des Netzwerks auf Basis des 802.11-Standards. Zum anderen sind Nachwuchs-Ingenieure und -Informatiker früh mit der Ausstattung vertraut - und favorisieren sie oft auch nach dem Examen am Arbeitsplatz.

Nicht zuletzt züchtet die Branche auch Heerschaaren potenzieller WiFi-Kunden heran: Die Freiheit, kabellos mit bis zu 54 Megabit pro Sekunde über die Datenautobahn rauschen zu können, macht zahlreichen Erfahrungsberichten zufolge geradezu süchtig.



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