Hinter Gittern Strafgefangene studieren jetzt online

Gute Nachricht für "Knackis": Künftig können auch Inhaftierte via Internet studieren und einen Bachelor- oder Magisterabschluss machen. Die Fernuniversität Hagen und das Gefängnis in Berlin-Tegel starten einen europaweit einzigartigen Modellversuch.


Gefängnis mit Uni-Anschluss: Die Hagener Uni legte sich für das neue Modellprojekt ins Zeug
DDP

Gefängnis mit Uni-Anschluss: Die Hagener Uni legte sich für das neue Modellprojekt ins Zeug

Peter Boeck sitzt in der Justivollzugsanstalt (JVA) Tegel eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes ab. Nun hat er sich für Informatik an der Fernuniversität Hagen eingeschrieben. Seine Studierstube ist ein kleiner, gelb getünchter Haftraum mit Computern. Wenn Boeck bisher Fachliteratur brauchte, musste er wochenlang auf die Genehmigung warten. Mit den virtuellen Angeboten aus der Unibibliothek soll das besser werden, hofft der Studentensprecher und rechnet mit Kosten von rund 250 Euro pro Semester fürs Studium.

Boeck hofft, dass er seinen Abschluss als Bachelor schafft. Er gehört zu den ersten Strafgefangenen, die an einem neuen Modellprojekt teilnehmen können: Erstmals erproben die Fernuniversität Hagen, mit ihren virtuellen Studienangeboten seit Jahren weit vorn, und die Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel den eingeschränkten Internetzugang für Inhaftierte.

Sie können nun die online verfügbaren Studienangebote nutzen und zudem mit Betreuern und Kommilitonen kommunizieren. Andere Verbindungen ins Internet sind allerdings gekappt, denn der Staat will die Kontrolle behalten. "Diese Sicherheitsfunktion war Voraussetzung dafür, dass das Modellprojekt überhaupt in die Erprobungsphase treten konnte", teilte die Fernuniversität Hagen mit.

Auch bisher konnten Strafgefangene schon an der Fernuniversität studieren - von den Online-Angeboten allerdings blieben sie ausgeschlossen. Unter den rund 60.000 Hagener Studenten sind etwa 1000 aus Gefängnissen. Vor allem der Hagener AStA und das Uni-Rechenzentrum machten sich jetzt für eine Internet-Verbindung mit eigener Telefonleitung stark.

Spezilfilter unterbinden andere WWW-Verbindungen

Rektor Helmut Hoyer zeigte sich stolz, dass seine Hochschule die einzige Einrichtung in Deutschland ist, die Häftlingen Studienmöglichkeiten bietet. Und auch JVA-Leiter Klaus Lange-Lehngut sieht die Initiative als wichtigen Schritt zur technisch zeitgemäßen Aus- und Weiterbildung im Strafvollzug: "Das gibt es sonst nirgendwo in Europa, dass es aus dem Knast Kontakt zu einem Großrechner einer Universität gibt."

Von der Zelle ins Web: Von der Internet-Nutzung blieben Häftlinge bisher ausgeschlossen
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Von der Zelle ins Web: Von der Internet-Nutzung blieben Häftlinge bisher ausgeschlossen

Den Häftlingen steht das gesamte Angebot der Fernuniversität Hagen offen, etwa Mathematik, Philosophie, Geschichte und auch Rechtswissenschaften. In einem gesonderten Raum des Gefängnisses kann eine Gruppe Inhaftierter, die bereits an der Fernuniversität studiert, zu festen Zeiten unter Aufsicht online arbeiten. In Berlin regte sich zunächst Kritik, dass Häftlinge Rechner bekommen - und nicht etwa Polizisten, die über schlechte Ausstattung ihrer Dienststellen klagen. Doch die Kosten trägt nicht das Land Berlin, sondern die Universität.

Die beiden Rechner und die gesonderte Telefonleitung stellte der AStA zur Verfügung. Ein "Router" leitet die Studenten im Netz direkt zum Hagener Studienangebot. Und Spezialfilter des Servers sorgen dafür, dass eine Kommunikation nach außen nicht möglich ist.

Jochen Leffers



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