Neue Studie zu Hirndoping Jeder fünfte Student putscht sich auf

Schalt den Pharma-Turbo ein: Laut einer neuen Studie nimmt jeder fünfte Student leistungssteigernde Mittel, von Koffeintabletten bis zu Ritalin und Amphetaminen. Hirndoping an Hochschulen ist demnach viel verbreiteter als bislang vermutet - besonders unter Sportwissenschaftlern.
Ich kann nicht mehr: Studenten verzweifeln am Leistungsdruck

Ich kann nicht mehr: Studenten verzweifeln am Leistungsdruck

Foto: Corbis

Die Zahl ist erschreckend hoch - und sie scheint belastbar: Einer neuen Studie zufolge versucht jeder fünfte deutsche Student, mit Medikamenten, Drogen und ähnlichen Mitteln die eigenen Leistungen zu steigern. Somit würden wesentlich mehr Studenten den Pharma-Turbo zuschalten als bislang gedacht.

Ein Fünftel der befragten Studenten hat sich demnach im vergangenen Jahr mindestens einmal aufgeputscht. Darunter fällt der Medizinstudent, der vor dem Physikum eine Koffeintablette genommen hat, ebenso wie der Nachwuchsakademiker, der immer wieder Ritalin einwirft, um sich besser konzentrieren und schneller denken zu können. Zu Hirndoping-Mitteln zählten die Studien-Autoren auch illegale Drogen wie Amphetamine und Kokain, nicht aber eher entspannende wie Marihuana.

Ob Hardcore-User oder Gelegenheitsnutzer in der Überzahl sind, untersuchten die Wissenschaftler nicht. Wie häufig "die verschiedenen Einnahmemuster" sind, das müsse gesondert erforscht werden, sagt Klaus Lieb, Direktor der Mainzer Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, der zum Autorenteam gehört.

Er und seine Kollegen haben rund 2600 Fragebögen ausgewertet, die von Mainzer repräsentativ ausgewählten Studenten verschiedener Fakultäten ausgefüllt wurden. Die meisten Hirndoper gab es demnach unter den Sportwissenschaftlern (25 Prozent), die wenigsten unter den Sprach- und Erziehungswissenschaftlern (12,1 Prozent). Erschienen sind die Ergebnisse jetzt in der Fachzeitschrift "Phamarcotherapy" .

Warum finden die Mainzer mehr Hirndoper als andere Studien?

Frühere Studien zum Hirndoping deutscher Studenten kamen zu weniger dramatischen Ergebnissen: Einer repräsentativen Umfrage  zufolge, deren Ergebnisse vor gut einem Jahr veröffentlicht wurden, nimmt nämlich nur etwa jeder zwanzigste Student verschreibungspflichtige Schmerz-, Beruhigungs- oder Aufputschmittel, um die eigene Leistungsfähigkeit zu halten oder zu steigern. Und das auch eher selten.

Die Hochschul-Informations-System GmbH (HIS), beauftragt vom Bundesgesundheitsministerium, hatte damals rund 8000 Studenten aus dem Wintersemester 2010/2011 befragt. Demnach greifen weitere fünf Prozent zu weicheren Mitteln als verschreibungspflichtigen Medikamenten, etwa zu Vitaminpräparaten, Koffein oder homöopathischen Substanzen. Vorne lagen damals Studenten der Veterinärmedizin (18 Prozent) und - das scheint sich zu bestätigen - der Sportwissenschaft (14 Prozent).

Dass die aktuelle Mainzer Studie jetzt zu dramatischeren Ergebnissen kommt, hat offenbar auch mit der Art zu tun, wie die Wissenschaftler gefragt haben. Ihre Methode, Randomized Response Technique genannt, garantierte den Befragten absolute Anonymität, was die Mitmachbereitschaft deutlich erhöht. Der Zufall entscheidet bei dem Verfahren darüber, ob der Student eine harmlose Frage beantwortet oder eine zur Nutzung von Hirndoping. Das überzeugte offenbar viele: Die Rücklaufquote der Fragebögen lag bei 90 Prozent - weitaus höher als bei anderen Untersuchungen. Den Autoren der aktuellen Studie zufolge eignet sich ihre Frage-Methode besonders, um Auskunft über heikle Themen zu bekommen.

Claus Normann von der Freiburger Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie hält die Mainzer Methode und die Ergebnisse denn auch für überzeugend, auch wenn die Zahlen noch höher ausfallen als er geschätzt hätte. "Studenten sind eine Hochrisiko-Population", sagt er, besonders anfällig für Hirn-Doping, schließlich sei der Druck im Studium hoch. Zentral sei dabei nicht so sehr, ob einzelne pharmazeutische Leistungsbooster gesundheitsschädlich sind, alarmierend sei vielmehr die grundsätzliche Doping-Bereitschaft der vielen Jungakademiker. Im Herbst hatte eine Umfrage der Techniker Krankenkasse bereits gezeigt, dass Studenten häufiger Psychopharmaka nehmen als gleichaltrige Erwerbstätige.

Die neuen Ergebnisse der Mainzer Studie, so stellen die Autoren fest, zeige auch, dass die Hirndoping-Quote an deutschen Hochschulen mittlerweile ähnlich hoch ist wie an amerikanischen. Die Unis müssten sich daher Gedanken über Drogenprävention machen.

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