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12. Mai 2012, 11:43 Uhr

Schwerverständliche Wissenschaft

"Sprachstyropor macht mir schlechte Laune"

Implementierung, Paradigmenwechsel, Diskursivität: Das ist typisches Wissenschaftsdeutsch - unverständlich und aufgebläht. Im Interview erklärt Geschichtsprofessor Valentin Groebner, wie Studenten sich dahinter verstecken und gibt Tipps fürs bessere Schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Die Semesterferien sind vorbei, Sie mussten gerade wieder stapelweise Seminararbeiten korrigieren. Welche Formulierungen bringen Sie in Rage?

Groebner: Es ist keine Wut, eher Überdruss. Sprachstyropor macht mir schlechte Laune. Füllworte und Sprachmaterial, das unnötig verwendet wird. Das passiert Studenten vor allem aus Unsicherheit. Man merkt: Das ist nicht ihre eigene Sprache, sind nicht ihre eigenen Gedanken, sondern es ist eine Parodie von Wissenschaftsdeutsch, voll von gequältem Jargon.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Groebner: Wenn von "Implementierung" die Rede ist, von "vielfältigen Vernetzungen", "Handlungshorizonten", "Diskursivität". Oder Satzanfänge wie "Hier ist nur andeutungsweise formulierbar, inwiefern der Paradigmenwechsel..." Diese Art Styropordeutsch ist wie eine allzu dicke Verpackung: Man kann nicht mehr erkennen, was darin steckt.

SPIEGEL ONLINE: Sprachstyropor ist auch gängig, um Unwissen zu vertuschen.

Groebner: Ja, das passiert relativ häufig. So wird die eine oder andere Stelle ein wenig aufgeschäumt.

SPIEGEL ONLINE: Viele Studenten klagen ja über Überlastung. Schäumen sie heute mehr auf als früher?

Groebner: Nein. Und Studenten sind auch nicht schlimmer als Wissenschaftler - sie reproduzieren nur deren schlechten Sound. Und zwar mit schlafwandlerischer Sicherheit. Ich betreibe also eine Art Pathologie der Wissenschaftssprache.

SPIEGEL ONLINE: Was ist eigentlich mit dem "Ich" - darf das auftauchen?

Groebner: Mir scheint, das ist mittlerweile durchaus akzeptiert. Eine richtige wissenschaftliche Beobachtung wird durch das Ich schließlich nicht entwertet. Es ist ja auch seltsam, wenn man so tut, als hätte sich der Text von selbst geschrieben. Aber es kommt auf das richtige Maß an: "Don't parade around in public in your underwear" hat ein amerikanischer Kollege in einem Leitfaden für Doktoranden geschrieben, und das ist ein guter Grundsatz. Leser wollen Ergebnisse. Seien Sie also sparsam mit Persönlichem.

SPIEGEL ONLINE: Und was halten Sie von den kleinen Akademikerwitzen, etwa in jeden Aufsatz den gleichen Satz zu schmuggeln?

Groebner: Da steckt so ein klammheimlicher Stolz drin: ein ernsthafter Gelehrter zu sein und doch irgendwie ganz anders als die Kollegen. Vor 20 Jahren habe ich meiner Dissertation über Wirtschaftsgeschichte im späten Mittelalter ein Zitat vorangestellt, das sehr seriös klang; es war aber eine Zeile aus einem Song von "The Smiths": 'A double bed, and a stalwart lover, for sure / These are the riches of the poor.' Die Dissertation handelte von den Überlebenspraktiken der Armen in einer spätmittelalterlichen Grossstadt. Betten kamen darin sehr wohl vor, als Wertgegenstände, aber keine strammen Liebhaber. Damals fand ich das sehr cool, heute nicht mehr ganz so überzeugend.

SPIEGEL ONLINE: Sie geben auch Kurse für wissenschaftliches Schreiben. Sollten Universitäten es im Grundstudium zum Pflichtfach machen?

Groebner: Nein. Ehrlich gesagt glaube ich, dass man das automatisch in jedem Seminar lernt, denn da wird ja möglichst konzentriert mit Texten gearbeitet, und die haben Vorbildcharakter. Es muss nicht alles verschult werden. So treibt man nur das Vergnügen aus.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich noch an Texte, die Sie am Anfang Ihres Studiums gelesen haben?

Groebner: Ich erinnere mich relativ lebhaft an Texte, die mir schlechte Laune gemacht haben. Und an solche, nach deren Lektüre ich fit war, vergnügt, mir sehr viel dazu einfiel. Wissenschaftliche Texte haben eben ganz direkte Wirkungen, ein bisschen wie Medikamente. Als Autor würde ich das ernst nehmen: Will ich meinen Lesern wirklich Schlafmittel verabreichen?

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie schlechte Laune, weil Sie die Texte nicht verstanden haben?

Groebner: Es war vielleicht auch eine Abwehrreaktion. Aber das änderte sich: Ich erinnere mich an Pierre Bourdieus "Entwurf einer Theorie der Praxis". Da hatte ich als Student zum ersten Mal den Eindruck: Es lohnt sich, diesen widerborstigen Text ganz langsam zu lesen. Er ging auf einmal auf wie ein Hefekuchen, als ich mir all das mit Bleistift rausschrieb, was ich verstehen wollte. Aber es gibt auch Undurchdringliches, absichtlich Verrätseltes: Kein Mensch redet darüber, wie bizarr manche theoretischen Texte etwa von Roland Barthes sind. Aber der ist eben berühmt.

SPIEGEL ONLINE: Roland Barthes war Literaturwissenschaftler. Wie groß sind die Unterschiede zwischen den Disziplinen?

Groebner: Wissenschaftssprache als Jargon dient ja auch dazu, dass Disziplinen als Disziplinen konstant bleiben. Der Jargon richtet sich immer an die Eingeweihten, er vermittelt: "Du gehörst zu uns …" Im Gegensatz zu anderen Disziplinen, etwa der Literatur-, der Politikwissenschaft oder der Soziologie, schreiben die Historiker noch relativ lesbar. Da bin ich aber vielleicht parteiisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie warnen in Ihrem neuen Buch "Wissenschaftssprache" auch davor, sogenannte Begriffsdrachen unreflektiert zu benutzen - was meinen Sie damit?

Groebner: Begriffsdrachen sind akademische Supersubstantive: mit dem Glamour einer Theorie angefüllte Ungeheuer. Nehmen Sie "Diskurs": Eigentlich ein schlichter Begriff, aber seit den berühmten Arbeiten von Michel Foucault mit der Verheißung aufgeladen, damit unaussprechliche Machtverhältnisse dekodieren und kritisch aufbrechen zu können. Das war ein großes Versprechen. Weil es aber so häufig verwendet wurde, ist das Wort banalisiert worden. Ebenso wie Jacques Derridas "différance" schlicht ein Konzept ist, hinter dem man sich ganz gut verschanzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wer das benutzt, möchte doch einfach nur zeigen, was er draufhat.

Groebner: Klar, ein bisschen angeben gehört dazu. Aber mit Worten wie diesen ist das nicht haltbar: Nach 15 Jahren andauerndem Gebrauch speit der Drache kein Feuer mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange überleben Begriffsdrachen denn?

Groebner: Die wenigsten halten länger als 30, vielleicht 40 Jahre. Es stecken immer große Wünsche darin, Projekte einer Generation von Wissenschaftlern. Als ich studierte, gab es die "Sozialdisziplinierung": Damit bezeichneten Historiker damals eine ganze Menge Phänomene zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert. Ich hatte kürzlich einen Studenten, der eine toll formulierte Arbeit abgab, aber sie steckte voller Verweise auf große Konzepte, die heute so nicht mehr verwendet werden. Direktes Plagiat konnte ich ihm aber nicht nachweisen. Also bat ich ihn, noch mal darüber nachzudenken, ob er die Arbeit wirklich selbst geschrieben hat. Er zog sie zurück.

Das Interview führte Anne Haeming

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