Bewerbungsgebühren an Unis Erst zahlen, dann studieren

Überweist erst mal Geld, dann entscheiden wir, ob ihr bei uns studieren dürft: Viele Hochschulen kassieren Bearbeitungsgebühren von ihren Studienbewerbern - aber wofür?

Gebühr für die Bewerbung: An der privaten Universität Witten/Herdecke müssen Mediziner in spe 250 Euro für das Auswahlverfahren zahlen
Universität Witten/Herdecke

Gebühr für die Bewerbung: An der privaten Universität Witten/Herdecke müssen Mediziner in spe 250 Euro für das Auswahlverfahren zahlen

Von Christian Engel


Psychologie wollte Lena studieren. Aber weil ihr Abitur nicht gut genug war, dachte sie an einen Bachelor an einer privaten Hochschule. Die warb mit einem Auswahlverfahren, das sich weniger streng an den Noten orientiert und dafür stärker auf die Persönlichkeit der Bewerber achtet. Eine Chance für Lena, die in Wahrheit anders heißt. Aber eine teure.

150 Euro verlangte die Hochschule, um überhaupt erst einmal die Bewerbung zu prüfen. Ein Studienplatz garantiert war damit noch lange nicht. Im schlimmsten Fall wäre das Geld weg, ohne dass Lena ihrem Traum näher gekommen wäre.

Wenn jetzt überall in Deutschland Einsendeschluss für viele Studiengänge ist, dann wird es nicht wenigen wie Lena ergehen. Betroffen sind zunächst vor allem angehende Maler, Bildhauer und Musiker. Kunsthochschulen verlangen laut Hochschulrektorenkonferenz (HRK) oft zwischen 20 und 40 Euro. Die Musikhochschulen haben sich auf einen einheitlichen Betrag von 30 Euro verständigt. Die Begründung für die Gebühren: Die Hochschulen prüfen nicht nur die Noten auf dem Abiturzeugnis, sondern schauen Arbeitsmappen durch oder laden Bewerber zum Vormusizieren ein.

Geld zurück für die Erfolgreichen

Bezahlen müssen oft auch Bewerber an privaten und kirchlichen Hochschulen, wenn sie wollen, dass ihre Unterlagen nicht direkt im Altpapier landen. So berechnet beispielsweise die Evangelische Hochschule Freiburg 20 Euro für die Bearbeitung der Studienanträge. Bis zu 100 Euro zahlen Bewerber an Business Schools wie der Handelshochschule Leipzig oder der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Vallendar bei Koblenz. Keine hohen Beträge, aber bei mehreren Bewerbungen kann für einen angehenden Studenten eine stattliche Summe zusammenkommen.

Die Handelshochschule Leipzig hat für die Gebühren eine ausgefallene Begründung: Viele Bewerber seien in der Vergangenheit nur gekommen, um das kostenlose Auswahlverfahren zu testen - um dann gut gerüstet an einer anderen Hochschule einen Studienplatz zu ergattern. "Wir haben die Gebühr eingeführt, weil wir in der Vergangenheit viele Bewerber erlebt haben, die nach bestandenem Verfahren abgesprungen sind", sagt ein Sprecher.

Wer die Zusage aus Leipzig erhält, bekommt das Geld anschließend zurück. Das heißt im Umkehrschluss aber: Die Abgelehnten finanzieren das Verfahren, das anderen zu einem Studienplatz verhilft.

Deutlich mehr Geld verlangt die private Uni Witten/Herdecke von ihren Bewerbern: 250 Euro müssen Medizin-Interessenten bezahlen. In der Zahnmedizin liegt die Bearbeitungsgebühr sogar bei 300 Euro. "Bei 1000 Bewerbungen für Medizin fallen bei uns allein für das Lesen der Bewerbungen 660 Arbeitsstunden an", rechnet eine Sprecherin vor. Auch Wissenschaftler beteiligen sich an der Prüfung der Bewerbungen.

Mit der Gebühr finanziert die Universität ein aufwendiges Auswahlverfahren vor Ort: Ein Komitee führt mit den Bewerbern Einzelgespräche und prüft, inwiefern sie sich für den Arztberuf eignen. Ungefähr 200 der durchschnittlich 1000 Bewerber in Humanmedizin werden zu dem Auswahltag eingeladen. 800 Bewerber müssen somit 250 Euro zahlen, ohne überhaupt die Chance zu bekommen, sich an der Uni vorstellen zu dürfen. Die Uni nimmt damit allein mit den Medizinbewerbern rund 250.000 Euro Gebühren ein.

Ist das fair? Schrecken die Gebühren gute Abiturienten aus ärmeren Familien ab? Die Wittener verweisen darauf, dass Bewerber, die von Sozialhilfe leben oder Angehörige pflegen, einen Antrag auf Reduktion der Gebühren stellen können. Dann müssen sie immer noch 100 Euro zahlen. Oft kommt das nicht vor: Acht Medizin-Bewerber der Uni Witten/Herdecke haben im vergangenen Jahr ihre Bedürftigkeit angemeldet.

Professor fordert flächendeckende Gebühren

Immerhin: Die meisten staatlichen Unis kassieren bislang nicht fürs Prüfen der Unterlagen. Doch wenn es nach Wolfram Richter, einem Wirtschaftsprofessor der Uni Dortmund, geht, sollte sich das schnell ändern. Im April hatte er sich in einem Brief an die NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze über seine schlechten Studenten beklagt - und flächendeckende Bewerbungsgebühren für Masterstudiengänge gefordert. "Junge Menschen geben ein paar Hundert Euro für ein Handy aus", sagt Richter. Warum also nicht auch für einen Studienplatz?

"Wenn wir die Qualität des Masters sicherstellen wollen, dürfen die Hochschulen ihre Bewerber nicht nur nach Aktenlage auswählen", sagt Richter. Zusätzlich müssten die Bewerber etwa in Gesprächen auf ihre Eignung hin geprüft werden.

Den Studenten-Dachverband fzs empören solche Überlegungen. "Da gehen den Universitäten ganz viele Menschen verloren, weil sie sich gar nicht erst bewerben", sagt Sprecher Sandro Philippi. Er ist überzeugt: Gebühren jeder Art führen nur dazu, dass es weniger Studenten aus ärmeren und Nicht-Akademikerfamilien gibt.

Als Studentin Lena den Zahlschein über 150 Euro für ihre Psychologie-Bewerbung sah, kamen die Zweifel. "Ich wollte auf meine Bewerbung wegen der Gebühr verzichten", sagt sie. "Aber glücklicherweise hat meine Mama dann das Geld für mich gezahlt, und ich wurde angenommen." So viel Glück, glaubt sie, haben sicherlich nicht alle.

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steffen.ganzmann 16.07.2015
1. Na, ...
... da hatte mein kleiner, blonder Wildfang ja völlig recht, deutsche Unis gleich zu neglegieren und lieber in Luxemburg Psychologie zu studieren. Gut, dort ist das Studium zwar dreisprachig (Französisch, Englisch, Deutsch), aber das sehen wir eher als Positivum an - wenn wir uns über Sachen unterhalten, die andere nicht unbedingt zu hören brauchen, weichen wir halt auf eine andere Sprache aus ...
al3x4nd3r 16.07.2015
2.
Die Musikhochschulen nehmen noch Deutsche? Ich dachte seitdem blind gespielt wird, gewinnen nur noch die Asiaten?!
sofakissen 16.07.2015
3. Auswahlverfahren erst im Master?!
Vor dem Bachelor würde das in meinen Augen mehr Sinn machen. Da fangen tatsächlich viele an, die sich entweder fachlich das falsche unter einem Studium vorstellen oder auch gar nicht für ein Studium geeignet sind. Gerade bei beliebten Bachelorstudiengängen wäre ein solches Verfahren sehr sinnvoll. Dann würden diejenigen den Platz bekommen, die wirklich für das Fach brennen und nicht die, die zwar die besseren Noten haben (weil auf einer einfachen Schule gewesen oder von Papi viel Nachhilfe gezahlt gekriegt), die sich im Grunde genommen aber gar nicht für das Fach interessieren. Bei einem Master sollte ein bestandener Bachelor eigentlich genug Beweis sein, dass man für das Fach fähig ist. Ansonsten sollte man eher überdenken, ob man entweder zu hohe Ansprüche an die künftigen Masterabsolventen hat oder ob der Bachelor etwas zu einfach geworden ist...
Zaunsfeld 16.07.2015
4.
Ich denke auch, dass jede zusätzliche Gebühr gerade Menschen aus ärmeren Familien vom Studium abhält. Ich habe ein stark naturwissenschaftlich geprägtes Ingenieursfach studiert. Von allen Studenten an meiner Uni, die das Studium mit mir begonnen haben, waren vielleicht 10 bis 15% Nicht-Akademiker-Kinder (inklusive mir). Der Rest kam aus Akademiker-Familien. Meiner Erfahrung nach traf das aber auch auf die meisten anderen Studienfächer zu, zumindest damals vor 5 bis 10 Jahren. Sicher eine Mentalitätsfrage, aber es lag zu großen Teilen auch schlicht daran, dass sich die meisten Arbeiterkinder das Studium nicht so ohne weiteres leisten konnten. Man muss dabei bedenken, dass die meisten Arbeiterkinder einfach keine Unterstützung durch ihre Eltern bekommen können, weil diese nicht genug verdienen. Aber meistens verdienen die Eltern auch gerade noch genug, damit die Kinder kein Bafög bekommen. Was bleibt also? Die Kinder müssen neben dem Studium mindestens 600 bis eher 800€ monatlich nebenher verdienen, um sich ihr Studium finanzieren zu können, und das konsequent über das ganze Studium hinweg. Nicht ganz einfach in einem Bachelor-/Master-System, bei dem es Anwesenheitspflicht bei jeder einzelnen Vorlesung und in jedem Seminar gibt und bei dem zeitliche Grenzen und Fristen, wann bestimmte Dinge abgeschlossen sein müssen, sehr eng gesetzt sind. Ist sicher machbar mit viel gutem Willen, aber es bringt diesen Studenten eben eine Menge, Menge Nachteile gegenüber anderen Studenten, die das nicht machen müssen und die sich die komplette Zeit über voll auf ihr Studium konzentrieren können und nicht am Vorabend der großen Semesterprüfungen noch kellnern oder Kinokarten abreißen müssen.
Profdoc1 16.07.2015
5. Zukunft
Ob Bewerbungsgebühren verlangt werden oder nicht, genauso wie übrigens Studienbeiträge, hängt im Wesentlichen von der Finanzierung der Hochschulen in Zukunft ab. Hier ist seitens der Länder vermutlich nicht viel zu erwarten, zumindest in vielen 'ärmeren' Bundesländern. Es ist zu befürchten, dass es sowohl Bewerbungsgebühren als auch Studienbeiträge in den nächsten Jahren zu besichtigen sind. Ein schönes Beispiel ist u.a. NRW. Hier schränkt das Wissenschaftsministerium die finanzellen Handlungsspielraum der Hochschulen ein, vermutlich aus ideologischen Gründen, man und frau weiß es nicht so genau, aber hier wird den Hochsculen wohl bald nur noch der Bund aushelfen können. Neueste Volte in NRW: keine Bezahlweiterbildungsstudiengänge mehr! Finanzierung des Geldausfalls ??
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