Hochschulfinanzen "Die Lehre wird sehenden Auges vernachlässigt"

Jahrzehntelang galt für deutsche Hochschulen: mehr Masse als Klasse. Im Interview fordert Peter Strohschneider, Chef des Wissenschaftsrats, eine vernünftige Finanzierung. Montag entscheiden Bund und Länder, wie viele Milliarden ihnen Forschung und Studenten künftig wert sind.


An Lippenbekenntnissen fehlt es nicht: "Bildungsrepublik" will Deutschland sein, so hat es die Bundeskanzlerin verkündet, und auch alle anderen Politiker betonen gern, wie wichtig Wissenschaft und Forschung sind. Am Montag haben sie die Möglichkeit zu beweisen, dass sie diese Lippenbekenntnisse ernst meinen.

Peter Strohschneider: "Das System krankt an Strukturverwerfungen"
Wissenschaftsrat

Peter Strohschneider: "Das System krankt an Strukturverwerfungen"

Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern entscheidet darüber, wie viel Geld den Hochschulen und den Forschungseinrichtungen in den nächsten Jahren zur Verfügung stehen wird. Auf der Tagesordnung steht die Zukunft der Exzellenzinitiative, des Hochschulpaktes sowie des Paktes für Forschung und Innovation - es geht um Milliarden.

Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, warnt davor, die Sünden der Vergangenheit zu wiederholen: Die Hochschulen müssten endlich nicht nur größer, sondern auch besser werden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Strohschneider, ärgern Sie sich manchmal über die Abwrackprämie?

Strohschneider: Über das Wort ärgere ich mich, weil es keine Zuversicht ausstrahlt …

SPIEGEL ONLINE: ... und nicht auch über die Milliarden, die als Prämie ausgezahlt werden? Die Hochschulen könnten sie genauso gut gebrauchen wie die Autoindustrie.

Strohschneider: Ja, das stimmt. Ebenso wichtig wie solche Summen ist mir aber, dass die Hochschulen nicht länger systematisch benachteiligt werden. Dazu ist auch eine vernünftige Finanzierungsstruktur erforderlich, die nicht, wie über Jahrzehnte hinweg, die Kapazitäten erhöht, nicht aber die Qualität von Lehre und Studium steigert.

SPIEGEL ONLINE: Es galt also: Masse statt Klasse?

Strohschneider: Die Hochschulen leiden unter Gewichtungen, die über Jahrzehnte prägend waren: Sie haben, neben vielen anderen Problemen, oft schlechtere Labore und relativ weniger Personal als die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Insofern ist bemerkenswert, wie leistungsfähig die Universitäten bei diesen Randbedingungen in der Forschung sind.

SPIEGEL ONLINE: Die Institute wurden immer besser, die Hochschulen nur immer größer?

Strohschneider: Jedenfalls haben administrative und Finanzierungsstrukturen Teilbereiche des Wissenschaftssystems viel zu lange in dieser Weise auseinandertreiben lassen. Überdies hat der Aufwuchs der Mittel in keiner Weise mit der Expansion der Studierendenzahlen Schritt gehalten - insbesondere nicht in besonders stark nachgefragten Fächern. So ist es über die Jahrzehnte zu nicht unerheblichen Strukturverwerfungen gekommen, an denen das System heute krankt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Hoffnung auf Besserung?

Strohschneider: Doch, ganz gewiss! In den letzten Jahren hat es schon eine deutliche Weiterentwicklung zu einem rationaler funktionierenden System gegeben. Die Exzellenzinitiative fördert die Spitzenforschung an den Hochschulen, der Pakt für Forschung und Innovation fördert die außeruniversitären Einrichtungen, und der Hochschulpakt finanziert zusätzliche Studienplätze.

SPIEGEL ONLINE: Über die Zukunft aller drei Instrumente soll am Montag entschieden werden. Es geht um viele Milliarden, aber in der Krise ist das Geld knapp. Was ist denn der wichtigste der drei Bereiche?

Strohschneider: Das ist gerade die falsche Frage. Es darf nicht darum gehen, die Bereiche gegeneinander auszuspielen. Es gibt derzeit die seltene Chance, eine vernünftige und sachangemessene Struktur zu installieren. Nicht nur das Finanzierungsvolumen ist wichtig, sondern auch die Finanzierungssystematik, die eine ausgewogene Förderung aller wichtigen Aufgaben des Wissenschaftssystems gewährleistet.

SPIEGEL ONLINE: In diesem System bleibt die Lehre an den Universitäten bislang außer acht.

Strohschneider: Es ist tatsächlich sehr misslich, dass für die Qualität der Lehre nach wie vor ein geeignetes finanzielles Förderinstrument fehlt. Sie wird oft sehenden Auges vernachlässigt. Es gibt Initiativen, aber noch keine durchgreifenden Lösungen. Das muss sich ändern - nicht trotz der Wirtschaftskrise, sondern wegen ihr. Höhere Investitionen in die Qualität akademischer Bildung dienen eben jenen jungen Menschen, die künftig die jetzt angehäuften Schuldenlasten werden tragen und abtragen müssen.

Das Interview führte Markus Verbeet

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