Hochschulfinanzierung Wissenschaftsvertreter sehen Uni-Landschaft bedroht

Die Zahl der Studienanfänger steigt, entsprechend mehr Geld erhalten Unis aber nicht. Jetzt warnen Wissenschaftler und Opposition: Dem Hochschulsystem droht dauerhafter Schaden, wenn die Bundesregierung nicht schleunigst handelt.

Überfüllter Hörsaal: Wissenschaftler rufen Politik um Hilfe
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Überfüllter Hörsaal: Wissenschaftler rufen Politik um Hilfe


Spitzenvertreter des deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystems sorgen sich um die gute universitäre Ausbildung in Deutschland. Parteien, Bund und Länder blockierten sich gegenseitig, kritisierten die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sowie der Wissenschaftsrat in einem gemeinsamen Appell am Montag in Berlin.

Immer mehr Uni-Mitarbeiter könnten nur befristet beschäftigt werden, zunehmend unerträglich sei das. Zudem gefährde es Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. Drittmittel für die Forschung ersetzten mehr und mehr die Grundfinanzierung, selbst für beste Forschung reichten die Mittel der DFG längst nicht mehr immer. Auch auf Lehre und Bildung laste immer größerer Druck: Auf einen Betreuer kämen weit mehr Studenten als in anderen Ländern.

"Die strukturelle Unterfinanzierung ist das drängendste Problem des deutschen Wissenschaftssystems", sagte DFG-Präsident Peter Strohschneider. Völlig ungeeignet sei das Kooperationsverbot. Es untersagt dem Bund, in Bereiche zu investieren, für die allein die Länder zuständig sind; dies gilt vor allem für die Schulen, aber auch für dauerhafte Vorhaben an Hochschulen. Bildungspolitiker streiten seit Jahren über das Verbot.

Auch in ihrem Appell forderten die Spitzenvertreter jetzt: Das Verbot müsse wieder abgeschafft werden. Eine Verfassungsänderung sei unbedingt nötig, sagte HRK-Präsident Horst Hippler. Strohschneider mahnte zudem: "Die Zeit drängt." Trotz guter Ankündigungen im Koalitionsvertrag gebe es noch keinerlei Klarheit über die Umsetzung.

Unterstützung aus der Politik

Im Koalitionsvertrag hatten sich Union und SPD darauf geeinigt, einen Schwerpunkt auf Bildung und Forschung zu legen. Neun Milliarden Euro sollte es dafür zusätzlich geben: "eine Milliarde für Kitas, fünf Milliarden für die allgemeine Bildung und die Hochschulen und drei Milliarden für die Forschung", so hatte es Bildungsministerin Johanna Wanka versprochen. Inzwischen droht der Streit zwischen SPD und Union darüber zu eskalieren, wo das Geld ankommen soll.

Strohschneider hält nichts davon, wenn die Bildungsmilliarden ohne Zweckbindung den Ländern überlassen werden. Die Organisationen forderten, dass Hochschulen und Forschungseinrichtungen einen substanziellen Anteil erhalten. Bildung und Forschung dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die in den nächsten Jahren auslaufenden drei großen Pakte in dem Bereich müssten zudem ausgebaut und fortgeführt werden; dabei handelt es sich um die Exzellenzinitiative, den Pakt für Forschung und Innovation sowie den Hochschulpakt.

Wenn die Politik nicht schnell reagiere, dann würden das Wissenschaftssystem und die akademische Ausbildung noch größeren Schaden nehmen - "und zwar weit über die aktuelle Legislaturperiode hinaus", heißt es in dem Appell.

Dabei bekommen die Wissenschaftler Unterstützung aus der Politik: "Während die Zahl der Studienanfänger immer weiter ansteigt und Hochschulen keine Perspektive für ihre Finanzierung über 2015 hinaus haben, begnügt sich die große Koalition mit reiner Ankündigungspolitik", teilte Nicole Gohlke mit, hochschul- und wissenschaftspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke. Und Kai Gehring, Sprecher für Hochschule, Wissenschaft und Forschung bei den Grünen im Bundestag, sagte: "Der gemeinsame Weckruf der Wissenschaftsorganisationen muss die Große Koalition endlich aus dem wissenschafts- und forschungspolitischen Tiefschlaf reißen."

Typologie der Uni-Neulinge

fln/dpa

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
zynik 19.05.2014
1.
Zitat von sysopDPADie Zahl der Studienanfänger steigt, entsprechend mehr Geld erhalten Unis aber nicht. Jetzt warnen Wissenschaftler und Opposition: Dem Hochschulsystem droht dauerhafter Schaden, wenn die Bundesregierung nicht schleunigst handelt. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/hochschulfinanzierung-wissenschaftler-sehen-ausbildung-gefaehrdet-a-970303.html
Tjaja, das Modell der marktkonformen Hochschulen. Vielleicht sollten die Studienanfänger die Hochschulrektoren um eine edle Spende bitten: http://www.nachdenkseiten.de/?p=20753
zwuck 19.05.2014
2. Wozu Reformen?
Wozu großartig die Unilandschaft reformieren und finanzieren, wenn wir auch in der Schulpolitik konsequentes klein-klein auf Bundeslandebene machen? Die fertigen Absolventen holt Mutti dann aus dem Ausland. An echte Reformen glaub ich nicht mehr ...
awoth 19.05.2014
3. Alle Jahre wieder
kommt so eine Warnung. Alle Jahre wieder wird darauf mit Kürzungen reagiert. So schauts aus! Das Bildungssystem ist ein extrem nichtlineares System. Wir befinden uns schon seit Jahren im Untergangszyklus! Fragt mal bei den Firmen nach! Aber wir hier in Deutschland haben ja Gottseidank Gold, Edelsteine und Erdöl zum Abwinken. Wieso brauchen wir Bildung? Wir haben doch die Politik, die das alles regelt! Ich bin dann mal weg!
limubei 19.05.2014
4. Kurzsichtigkeit der Bundesregierung
Oder besser Ignoranz? Das schlimmste ist der provinzielle Bundesländer Krampf von machtsüchtigen Politikern 3ter Garde. Bildung sollte bundesweit gleich geregelt sein. Das Erbe der Nachkriegs BRD aufgeteilt in kleine Provinzen mit Provinzfürstchen a la Seehofer Protz. In der Budnesregierung wird ehin nur bis zum schreibtischrand geschaut und gehandelt. Manche/r schafft nicht mal das und schweigt alles an und aus. Und der doofe Wähler wählt es immer wieder.
henrik-flemming 19.05.2014
5. Fass ohne Boden
was da gerade in Australien abgeht, dagegen ist es in Deutschland mit der Uni Landschaft gut bestellt. http://www.heraldsun.com.au/business/federal-budget-2014-universities-to-change-degree-costs-as-students-hit-with-earlier-repayments/story-fni0cqcu-1226916445637 http://www.heraldsun.com.au/news/tony-abbott-brands-student-protesters-as-revolting-after-foreign-affairs-minister-julie-bishop-was-mobbed/story-fni0fiyv-1226921399144 Und denn ist klar, dass das deutsche System von oben bis unten verkorkst ist: - es gibt zu viele zu gut verdienende Professoren, die meistens eine Beamtenstelle inne haben. Das Professoren-Beamtentum muss per Grundgesetz kassiert werden (dadurch werden Milliardenmittel frei) - ein gesunder Mittelbau muss geschaffen werden sodass die unteren Beschäftigungsverhältnisse 1/4, die mittleren permanenten Beschäftigungsverhältnisse 1/2 und die gehobenen Beschäftigungsverhältnisse (Professoren) eben wiederum nur 1/4 ausmachen. D.h. die üppigen Mittel für die Professoren werden zugunsten des Mittelbaus umverteilt. Dadurch werden eben mehr Akademiker in die Arbeit kommen. - dann gibt es zu viele Unis in Deutschland: Flensburg, TU Hamburg-Harburg, Lüneburg, Vechta, Osnabrück, Hildesheim, Halle, Görlitz, Chemnitz, Bayreuth, Augsburg, Passau, Konstanz, Kassel, Koblenz-Landau, Kaiseerslautern, Trier, Siegen, Essen-Duisburg, Dortmund, Wuppertal werden wieder zu FHs gemacht, die jedoch einen Berufsdoktor verleihen dürfen (das muss bei der Bolognaverträgen nachgebessert werden). - Denn werden 18 Unis ausgewählt, die eben gehobene Unis sein werden: TU München, Uni München, Freiburg, Tübingen, Heidelberg, Dresden, Leipzig, Erlangen, Darmstadt, Marburg, Bonn, Münster, RWTH Aachen, TU Braunschweig, Göttingen, TU Berlin, Humboldt Berlin. Deren Mittel werden eben aufgestockt. Die übrigen Unis verbleiben so, bzw. werden fusioniert. - Dann muss auch in Bologna geregelt werden, dass 4 jährige erste akademische Abschlüsse als solche anerkannt werden. Dadurch wird das ganze Master-Wesen spürbar entlastet. - Dann das ganze heraus prüfen muss verboten werden. Entweder ein Student wird zugelassen oder nicht, aber jungen Leuten den Beginn des Lebens zu ruinieren, dass muss aufhören. Ferner muss die Forschung minder hierarchisch gestaltet werden. D.h. der gesamte Mittelbau sollte Forschungsgelder unabhängig von den Professoren beantragen. Denn muss die Medizinerausbildung de-hochstaplerisiert werden. Mediziner bekommen nach 5 Jahren einen Bachelor/Diplom. Dann kann nach zwei weiteren Jahren ein Dr. med verliehen werden und nach drei Jahren ein Dr. rer. nat. in der Medizin. Bevor das gesamte Hochschulsystem nicht dementsprechend reformiert wird, sollte es keinen einzigen Cent mehr Geld geben!
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