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14. Juli 2014, 09:22 Uhr

Selbstzweifel im Studium

Ich bin doch nur ein Hochstapler

Eine 1,0 in Mathe? Glück gehabt! Jahrgangsbester in Germanistik? Zufall! Gerade Leistungsstarke mit wenig Selbstvertrauen zweifeln oft an sich. Wenn das krankhafte Züge annimmt, sprechen Psychologen vom Hochstapler-Syndrom. Was hilft?

Mit der Zwischenprüfung ging es los, glaubt er, von da an habe er einen komischen Maßstab an sich selbst gehabt. Er war damals für Mathe, Philosophie und Literaturwissenschaft eingeschrieben. In der Prüfung lief es gut: In Philosophie bekam er eine 1,3, in Mathe sogar eine 1,0. Im Mittelhochdeutschen war er der Beste seines Jahrgangs. "Ich hatte einfach Glück", sagt Moritz, der eigentlich anders heißt, heute dazu.

Hatte er bis dahin in Seminaren gern diskutiert, zog er sich nach und nach zurück, aus Angst etwas Idiotisches zu sagen. Dabei hatte ein Professor ihn wegen seiner guten Leistungen für die Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen. "Ich hatte das Gefühl, einen Standard halten zu müssen, wenn ich nicht entlarvt werden will", sagt Moritz.

Ist doch alles bloß ein Irrtum

Impostor-Syndrom - zu deutsch Hochstapler-Syndrom - nennen Psychologen Moritz' Gefühlslage. Den Begriff haben die amerikanischen Psychologen Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes in den Siebzigerjahren eingeführt. Damit sind Menschen gemeint, die große Leistungen erbringen, aber an ihren Fähigkeiten zweifeln. Ihren Erfolg schieben sie externen Faktoren zu - zum Beispiel dem Zufall oder eben dem Glück, erklärt Birgit Spinath. Die Professorin unterrichtet Psychologie an der Universität Heidelberg und forscht zu dem Thema.

Clance und Imes hatten damals erfolgreiche, berufstätige Frauen befragt. Dabei fiel ihnen auf, dass viele der Befragten ihre Leistungen nicht für überdurchschnittlich gut hielten. Vielmehr glaubten viele, dass sie Hochstaplerinnen sind und Entscheider ihre Fähigkeiten überschätzen. Die Folge: Die von dem Phänomen Betroffenen standen immens unter Druck. Sie lebten ständig in der Angst aufzufliegen. Als Folge bemühen sich viele, noch bessere Leistungen zu erbringen. Sie arbeiten bis zur Erschöpfung - und sind im schlimmsten Fall irgendwann ängstlich und depressiv.

Auch wenn es keine Zahlen über den Verbreitungsgrad an der Universität gibt: "Gerade bei Studierenden tritt das Phänomen häufig auf", sagt Spinath. Der Beginn des Studiums sei für viele mit einer großen Unsicherheit verbunden. Die Kommilitonen sind neu - vielen ist nicht klar, wo sie sich mit ihren Fähigkeiten einordnen sollen, gerade die Leistungsstarken mit einem geringen Selbstwertgefühl beginnen oft zu zweifeln.

Bei einer starken Ausprägung des Hochstapler-Syndroms können die Folgen verheerend sein: "Das kann ähnlich belastend werden wie eine psychische Erkrankung wie eine Angststörung oder Burn-out", sagt die Diplom-Pädagogin Monika Klinkhammer. Im schlimmsten Fall prägt das Hochstapler-Syndrom das ganze Leben, manch ein Betroffener ist irgendwann sogar suizidgefährdet.

Was sind normale Selbstzweifel?

Student Moritz steigerte die Ansprüche an sich selbst ins Unermessliche. "Ich hatte ständig diesen inneren Zensor im Kopf, der sagt 'Das ist nicht gut genug'", erzählt er. Er fing Hausarbeiten an, sprach Gliederung und Fragestellung mit dem Prof ab, recherchierte, schrieb, gab am Ende die Arbeiten aber nie ab.

Doch was sind noch normale Selbstzweifel, und ab wann redet man vom Hochstapler-Syndrom? Kritisch wird es immer dann, wenn Studenten ihre Leistung systematisch unterschätzen und sich gleichzeitig unverhältnismäßig große Sorgen machen, etwa in Prüfungen nicht zu genügen, sagt Pädagogin Klinkhammer. Wichtig sei zunächst, das eigene, verkehrte Denkmuster zu erkennen und zu hinterfragen. Studenten könnten überlegen: "Wie wahrscheinlich ist es, dass es Glück war, wenn ich mehrere Erfolge hatte?", rät Professorin Spinath.

Gleichzeitig sollten sich Betroffene Rückmeldung von guten Freunden einholen. "Häufig haben die sich auch schon einmal als Hochstapler gefühlt", sagt Klinkhammer. Wichtig sei zu sehen, dass auch andere in neue Rollen - etwa die als Elite-Student - erst einmal hineinwachsen müssen. Bis zu einem bestimmten Grad sei es völlig normal, eine Rolle zu spielen und wirklich übergangsweise etwas hochzustapeln.

Hilfreich für Betroffene ist auch, ein Erfolgstagebuch zu führen, rät Klinkhammer. Dabei notieren Studenten regelmäßig, wenn sie eine positive Rückmeldung bekommen und eine besondere Leistung erbracht haben. Sind die Zweifel wieder einmal übermächtig, hilft ihnen ein Blick in das Tagebuch. Kommen Studenten aus den negativen Gedanken gar nicht mehr heraus, sollten sie sich fachliche Hilfe holen, etwa bei der psychologischen Beratungsstelle der Universität.

So hat es auch Moritz gemacht. Als er die x-te Hausarbeit nicht abgab, nahmen ihn Freunde zur Seite. Sie redeten auf ihn ein, eine Therapie zu machen. "Fühlen Sie sich manchmal als Hochstapler?", hatte ihn seine Therapeutin gefragt. Er ist froh, dass er für sein Problem nun ein Wort hat, dass er weiß: Ich bin damit nicht allein.

Auch heute zweifelt er immer wieder, wenn er über einer Hausarbeit brütet. Anders als früher ist sein Studium aber nicht mehr so stark an sein Selbstwertgefühl gekoppelt. "Philosophie war für mich kein Studium, sondern ein Teil meiner Persönlichkeit", sagt er. Versagte er da, war er auch als Mensch nichts wert, das dachte er damals. Jetzt geht es ihm nur noch darum, den Abschluss zu bekommen. Bis zum Ende des Jahres will er es schaffen.

Kristin Kruthaup/dpa/fln

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