Holland in Not Trümmerhaufen statt Hoffnung

Die Regierung will die Hochschulen reformieren und Spitzenuniversitäten schaffen. Die Studenten fürchten hohe Studiengebühren und gehen dagegen auf die Barrikaden. Klingt vertraut? Diese Geschichte spielt aber in den Niederlanden.

Von Fiete Stegers


Studenten-Demo (in Amsterdam): No HOOP
Fiete Stegers

Studenten-Demo (in Amsterdam): No HOOP

"Schröder guckt bei Balkenende ab", schrieb die Website "ScienceGuide", als der Bundeskanzler das Thema Elite-Unis für sich entdeckte und einen Innovationsrat ankündigte. So eine "Innovationsplattform" hat sein niederländischer Kollege Jan-Peter Balkenende nämlich schon, und auch das Schlagwort "niederländisches Harvard" gehört im Nachbarland zur Hochschuldebatte. Die in Deutschland oft für ihre Reformen gelobten Holländer warten mit einem Masterplan auf, der die Universitäten an die Weltspitze katapultieren soll - und auf heftige Kritik stößt.

Bildungs-Staatssekretärin Annette Nijs gibt das Ziel vor, dass die Niederlande bald zu den Top-3-Ländern innerhalb der EU gehören sollen. Sie will das Kunststück vollbringen, den Unis mehr Selbstverantwortung zu geben, aber zugleich das Bildungsangebot selbst am gesellschaftlichen Bedarf entlang zu steuern.

Holland soll aufs Treppchen

"HOOP" wird der große, auf vier Jahre angelegte Plan abgekürzt, und das steht in der holländischen Sprache auch für Hoffnung. Die Inhalte orientieren sich an US-Vorbildern: Die Unis sollen mehr Freiheiten erhalten und sich ihre Studenten durch neue Zugangsregeln selber auszusuchen.

Studentensprecherin Kiko Luijten: "Das Studium wird teurer"
Fiete Stegers

Studentensprecherin Kiko Luijten: "Das Studium wird teurer"

Zudem soll es bei den Studiengebühren künftig stärkere Unterschiede geben; für Spitzenstudiengänge werden nach dem Wunsch der Bildungsplaner auch Spitzengebühren fällig. Bislang zahlen angehende Oranje-Akademiker 1400 Euro pro Jahr, egal ob sie Radiologie, Jura oder Literatur studieren. Aus den Einnahmen bestreiten die Unis rund sieben Prozent ihrer Haushalte, die Fachhochschulen sogar 18 Prozent.

Im Gegenzug erhält jeder Student eine Art Bafög - eine Mischung aus Stipendium und Kredit - von rund 700 Euro pro Monat, plus eventuelle Zuschläge. Den Darlehensanteil der Förderung muss man nach dem Studium verzinst zurückzahlen.

"Bis zu 5000 Euro im Jahr"

Das alles soll sich mit HOOP ändern. Und die niederländischen Studenten sind darüber ebenso unglücklich wie ihre deutschen Kommilitonen: Sie fordern weniger "Wissensökonomie" und mehr "Wissensgesellschaft". In Amsterdam gingen Tausende auf die Straße, auch in anderen Städten wird protestiert. "PuinHoop" heißt die studentische Initiative - "Trümmerhaufen".

Sie stützt sich auf ein breites Bündnis, von sozialistischen Studentenorganisationen bis hin zur Jugendabteilung der rechtspopulistischen Fortuyn-Partei. "Mit den großen Zielen des HOOP-Plans stimmen wir ja durchaus überein", sagt Sprecherin Kiko Luijten. Aber die Maßnahmen würden vor allem dazu führen, dass weniger statt mehr Menschen studieren könnten.

"Wenn einmal differenzierte Studiengebühren da sind, werden die meisten Fächer teurer werden, bis zu 5000 Euro im Jahr", prophezeit Luijten. Bildung über die Grenzen eines Studienganges hinaus oder ein Zweitstudium würden in Zukunft zusätzlich kosten. Außerdem hegen die Studenten die gleichen Befürchtungen wie Gebührengegner in Deutschland: Studiengebühren seien ein Vorwand des Staates, um die Bildungsausgaben zurückschrauben, unrentable Studiengänge würden eingestampft. "Stattdessen brauchen wir mehr Förderung der einzelnen Studenten", so Luijten.

Kein Verlass auf die Sozialdemokraten

Auch der Verband der niederländischen Universitäten ist skeptisch. "Wir wollen, dass jeder Student das für ihn richtige Bildungsangebot findet", sagt Linda de Greef von der Leitung der Amsterdamer Universität. Die große und wichtige Universität Leiden ist allerdings bereits ausgeschert und will mit dem neuen Auswahlverfahren experimentieren.

Zunächst muss das niederländische Parlament Anfang April über die HOOP-Umsetzung entscheiden. "Die Abstimmung wird sehr knapp", vermutet Linda de Greef. Die Linien laufen quer durch die Parteien. Bereits 2002 hatte das Parlament nach Studentenprotesten Pläne gekippt, die Förderung für Zweitstudien zu kappen.

Andererseits sind die Sozialdemokraten als größte Oppositionspartei in den letzten Wochen überraschend umgeschwenkt. Sie sehen keine grundsätzlichen Probleme mehr mit höheren Studiengebühren, falls diese durch zusätzliche Förderungsmöglichkeiten garniert würden.



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