Abitur ohne Schule Moritz, 18, Freigeist

Deutschlands hartnäckigster Schulverweigerer hat das Abitur geschafft: Moritz Neubronner, 18, ist schlau, nicht missionarisch - und kann sich gut verkaufen. Was hat er jetzt vor?

Franziska von den Driesch/ UNISPIEGEL

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Wenn Moritz Neubronner seine Geschichte erzählt, stellen die Menschen ihm meist die ewig gleichen Fragen. "Ist das in Deutschland überhaupt möglich?", zum Beispiel. Oder: "Hast du Freunde?"

Die erste Frage lässt sich schnell beantworten, denn Neubronner, 18 Jahre alt, bestand im Mai seine Abiturprüfung - mit einem Stempel der Schulbehörde und einem Notendurchschnitt von 2,5. "Ich war extrem aufgeregt", sagt er, "und ich bin froh, dass es vorbei ist."

Es ist Ende August, der hartnäckigste Schulverweigerer der Republik sitzt in einem Lokal in Bremen, vor sich eine Dose Red Bull und ein Schnitzel. Es ist eine Art Bilanzgespräch. Darüber, wie er sich am Ende gegen alle Zweifler durchsetzte - und bewies, dass man keine Schule besuchen muss, um Wissen anzuhäufen und Freunde zu finden.

Neubronner war in der zweiten Klasse, als er beschloss, ab dem nächsten Tag zu Hause zu bleiben. Ihn störte der Lärm im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof, er bekam Bauchschmerzen davon. Seine Eltern taten etwas Ungewöhnliches: Sie akzeptierten den Wunsch und begannen, Moritz und später auch seinen Bruder Thomas daheim zu unterrichten. Für dieses Recht zogen sie bis vor den Europäischen Gerichtshof. So wurden die Mitglieder der Familie Neubronner zu Symbolfiguren der deutschen Homeschooling-Bewegung.

Zur Person
  • Thomas Neubronner
    Moritz Neubronner, Jahrgang 1996, lebt in Bremen und ist der bekannteste Schulverweigerer der Republik. Lediglich die ersten beiden Grundschuljahre und ein Halbjahr in der zehnten Klasse besuchte er regulären Schulunterricht. Fast ohne fremde Hilfe schaffte er den Hauptschulabschluss und die Mittlere Reife jeweils mit einem Durchschnitt von 1,4. Seine externe Abitur-Prüfung schloss er 2015 mit 2,5 ab.
Im Gegensatz zu vielen anderen hatten die Neubronners keine religiösen Motive. Es ging ihnen nie darum, ihre Kinder von der Evolutionstheorie oder dem Sexualkundeunterricht fernzuhalten. Der Vater argumentierte, die "Schulbesuchspflicht" müsse überwunden werden, weil sie das Recht auf Freizügigkeit verletze. Nach einer Niederlage vor dem Gerichtshof und der Androhung von Zwangsgeldern meldete er einen zweiten Wohnsitz in Frankreich an, wo Homeschooling erlaubt ist.

Die ersten Jahre hätten sie zu Hause noch Schule nachgespielt, sagt Neubronner. Mit einem Stundenplan, Arbeitsblättern, Pausen. Aber je länger er zu Hause lernte, desto mehr entfernte er sich von diesem System. Relativ schnell begann Neubronner, sich selbst zu strukturieren: "Ich war viel unterwegs, habe etwas mit Freunden unternommen, Kung-Fu gelernt. Und ich habe oft ausgeschlafen", sagt er. Trotzdem machte er in Baden-Württemberg einen externen Hauptschulabschluss. Note: 1,4. "Das war ein wichtiger Schritt. Ich konnte nachweisen, dass mein Weg nicht vollkommener Unsinn war", sagt er.

Mit 16 Jahren sah es kurz so aus, als würde Neubronner doch wieder in die Schule gehen. Für ein halbes Jahr besuchte er die 10. Klasse der Oberschule Lesum in Bremen. "Das war eine Phase, in der ich gezweifelt habe." Neubronner wollte kein schräger Vogel werden. Er hatte durch den Sport genügend soziale Kontakte, aber er wollte wissen, ob er auch in einer Klassengemeinschaft funktioniert. "Ich habe dort viele Freunde gefunden. Aber man lernt in der Schule nicht zwangsläufig Sozialkompetenz, dafür habe ich viele Beispiele gesehen", sagt Neubronner. Insgesamt sei sein Gastspiel in der Schule wie ein Urlaub in der Ferne gewesen: "Das findet man zwei Wochen cool, wohnen will man da aber nicht."

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Lernen ohne Schule: Fünf gegen die Pflicht
Neubronner unterrichtete sich wieder zu Hause, und nach dem Abschluss zur mittleren Reife entschied er, außerhalb der Schule auch noch sein Abi zu machen. Da er keine Leistungskurse vorweisen konnte, musste er vier schriftliche und vier mündliche Prüfungen ablegen. Hatte er vorher relativ unstrukturiert gelernt, musste er sich nun jeden Tag an den Schreibtisch setzen. Er nutzte dafür fast ausschließlich Bücher aus der Stadtbibliothek und Erklärvideos im Internet. Für Spanisch hatte er einige Stunden einen Nachhilfelehrer. "Mit meinen Eltern habe ich dann vorher eine mündliche Prüfungssituation simuliert und auch geübt, längere Texte am Stück zu schreiben."

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Neubronner spürte Druck: "Oft waren die Erwartungen an mich als Homeschooler völlig überzogen. Ich hatte den Eindruck, ich müsste besser sein als der Rest." Es sei gut gewesen zu merken, dass man kein Genie sein müsse, um es trotzdem zu schaffen. Er sagt: "Es reicht, am Tag ein paar Momente zu haben, an denen man konzentriert lernt."

Spricht man mit Moritz' Mutter, dann wirkt diese erleichtert: "Ich wusste damals, wenn wir das durchziehen, kommen harte Jahre." Zu Beginn schickten aufgeregte Eltern ihr noch wütende Briefe. "In zehn Jahren werden Sie und Ihre Söhne diese Entscheidung bereuen", stand zum Beispiel darin. Es ist anders gekommen. "Heute fühlt es sich so an, als habe ich beim Thema Homeschooling den Staffelstab an Moritz weitergegeben."

Tatsächlich ist Neubronner zu einem smarten Botschafter der Homeschooling-Bewegung geworden. Auch, weil er es anscheinend mühelos zum Abitur schaffte. Neubronner ist schlau, nicht missionarisch, und er weiß sich gut zu verkaufen.

Man kann das auch daran beobachten, wie seine Sprache sich in den vergangenen Jahren verändert hat. Seine Sätze sind klar, fast druckreif geworden. Fragt man ihn nach einem Interview, dann antwortet er: "Das macht Sinn. Der UNI SPIEGEL hat eine Zielgruppe, die das interessieren könnte." Neubronner sagt nicht: Das Konzept des Lernens zu Hause ist das Beste. Er sagt: "Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass es eine super Alternative ist." Und: "Ich will nicht ständig Argumente suchen, weshalb man nicht zur Schule muss. Man sollte mir besser einen Grund nennen, warum ich nicht auch zu Hause wie in der Schule lernen kann."

Im Frühling will Neubronner erst mal für ein halbes Jahr nach Kanada reisen, sein Englisch verbessern und etwas sehen von der Welt. Bis dahin werde er jobben und überlegen, welches Fach er studieren soll.

Fragt man ihn, ob er auch schon einmal gescheitert sei, berichtet er von seiner ersten Fahrprüfung: "Da bin ich durchgefallen." Es sei neblig gewesen damals, und Menschen, die in dunkler Jacke über die Straße rannten, hätten ihn so verwirrt, dass der Fahrlehrer die Prüfung kurz darauf abgebrochen habe. Später stellte sich heraus: Es waren Kinder, die ihn abgelenkt hatten. Sie waren unterwegs zur Schule.

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andjessi 30.10.2015
1. Schulpflicht ist eher ein Service für die Eltern
Wenn das soziale Umfeld ind die Welt zu Hause intakt ist und(!) die Mutter oder Vater intellektuell und zeitlich in der Lage sind, Homeschooling durchzuführen, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen. Aber auch nur unter diesen Rahmenbedingungen und natürlich auch nur wenn das Kind dafür grundsätzlich geeignet ist und nicht Gefahr läuft ohne Schule sozial zu verarmen. Man sollte die Schule nicht glorifizieren. Wenn man es schlau anstellt, bekommt man in 1-2 Stunden am Tag den Lernstoff eines Schultags vermittelt. Die meiste Zeit in der Schule wird heute vermutlich immer noch unproduktiv abgesessen.
xlabuda 30.10.2015
2. Schule kann sogar sozial inkompetent machen -
mein Sohn hat die 2. Klasse in der Grundschule übersprungen und kam in einen Klassenverband, der schon 2 Jahre festgefügt war. In den restlichen 2 Jahren hatte er dann nur noch 1 halbwegs angenehmen Freund - der Rest der Klasse hat ihn immer gemobbt. Er war teilweise 2 Jahre jünger als die Kinder der Klasse und hat trotzdem Zensuren im oberen Drittel geschrieben. Keine Einladung zu Geburtstagen - eigene Einladungen sofort oder kurz vorher abgesagt. Dieses Mobbing war auch teilweise von den Eltern gesteuert - ein Junge (sehr viel schlechter) hat vor der Klassenlehrerin geheult, dass mein Sohn die Klasse verlassen müßte, sonst würde er nicht mehr kommen. Die Klassenlehrerin selbst hielt ihre Klasse für sozial "unheimlich" kompetent, hat aber trotzdem mehrere Vermittlungsgespräche in der Klasse geführt. Nach 1 Jahr hat mein Sohn gestanden, daß er in den ersten 6 Monaten immer Angst hatte, die Klasse zu betreten. Jetzt in der 5. eines Gymnasiums ist alles wieder locker und unverkrampft, weil er nicht in einen geschlossenen Klassenverband gestoßen ist, sondern alle wieder ihre Rollen neu finden müssen.
liany 30.10.2015
3. Prüfungsfächer?
Interessant zu wissen wäre gewesen, welche Fächer denn geprüft wurden. Im Artikel steht vier schriftliche und vier mündliche Prüfungen. Aber nur Spanisch wird erwähnt und da nichtmal ob schriftlich oder mündlich. War das ein wischiwaschi Abitur bei dem man alle Fächer wählen kann wie man will? Gab es Pflichtfächer wie beim bayerischen Abitur?
jeger866 30.10.2015
4. Wenn das Schule macht
Viel Glück weiterhin.
open.eyes 30.10.2015
5.
Eine nette anekdotemhafte Einzelfallschildung. Mehr nicht. Vor allem keine Antwort darauf wie man als Gesellschaft mit unmotivierten, weil hoffnungslosen Jugendlichen umgeht, die in einer immer komplexer werdenden Welt den Anschluss verlieren, wenn sie nicht grundlegende Bildungsstandards ereichen.
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