Ideenwettbewerb Küss die Uni wach

Protest über miserable Studienbedingungen genügt nicht, gute Ideen sind gefragt. Carla Cederbaum, 22, hat beim Wettbewerb "Küss die Uni wach" gewonnen. Im Interview spricht die Freiburger Mathe- und Physikstudentin über Spaß an der Wissenschaft, zweigeteilte Studiengänge und studentisches Engagement.


Wenn Studenten etwas nicht passt, gehen sie auf die Straße oder in die Kneipe; wenn Studiengebühren drohen, protestieren sie lautstark oder schlucken es stillschweigend. Aber Vorschläge, was man besser machen könnte, kommen selten. 90 Prozent der Studenten, schätzt Detlef Müller-Böling, Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), interessieren sich null für hochschulpolitische Themen, weitere fünf Prozent seien sowieso immer gegen alles - und dann gebe es etwa fünf Prozent, die was zu sagen hätten, aber nicht wüssten, wo und wie.

Ideen gesucht: 117 Vorschläge, um die Hochschulen zu verbessern

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Mindestens die wollte der CHE-Wettbewerb "Küss die Uni wach" ansprechen. Immerhin über 200 Studenten hat er erreicht. Aus ihren 117 Ideen wählte eine Jury vorab sechs Konzepte aus, ließ darüber erst im Internet diskutieren und dann am Donnerstag in Bochum Teilnehmer eines Bildungskongresses der Studentenorganisation Aiesec abstimmen.

Den ersten Platz - dotiert mit 5000 Euro - belegte dabei die 22-jährige Studentin Carla Cederbaum aus Freiburg. Sie regt an, ein Ausbildungs- und ein Wissenschaftsstudium anzubieten (s. Interview). Auf Rang 2 landete Sandra Wenz mit einem "Uni-Puzzle". Die Trierer Geographiestudentin, 26, schlägt einen Pflicht-Einsatz aller Studenten an ihrer Hochschule vor, um die Servicewüste Uni zu beleben. Den dritten Platz eroberte Kai Thum, 27. Der Jurastudent aus Gießen plädiert für ABC-Professoren, die entweder nur forschen (A), nur lehren (B) oder ausnahmsweise beides dürfen (C). Müller-Böling fand alle Ideen "ganz wunderbar und kreativ" und versicherte, sie würden nicht in seiner Schublade verstauben.

Siegerin Carla Cederbaum studiert in Freiburg Mathematik und Physik und hat gerade in Cambridge ihren Masterabschluss absolviert.

UniSPIEGEL ONLINE: Ihr Konzept "Ausbildung oder Wissenschaft" klingt ja zunächst ziemlich trocken. Wie kamen Sie auf die Idee?

Carla Cederbaum: "Es läuft zu viel ins Leere"
Marion Schmidt

Carla Cederbaum: "Es läuft zu viel ins Leere"

Carla Cederbaum: Ich habe ein paar Semester in der Fachschaft Mathe mitgearbeitet, Tutorien für Studienanfänger gegeben und dabei gesehen, wie viele Studenten mit diesem Studiensystem nicht klarkommen, weil sie nicht wissen, was sie damit machen sollen. Andererseits werden die, die sich für Wissenschaft interessieren, nicht vernünftig gefördert. Mir selbst macht Wissenschaft richtig Spaß, ich bin extrem neugierig und habe den Drang, die Welt verstehen zu wollen. Darauf wird aber an deutschen Hochschulen zu wenig eingegangen. Da heißt es dann immer nur schnell, schnell studieren. Aber gleichzeitig soll man tausend andere Dinge tun, Praktika, Sprachen, verschiedene Fächer - das sind teilweise total widersprüchliche Anforderungen, die an Studenten gestellt werden. Das können die Hochschulen, aber auch die Studenten nicht leisten. Dann wäre es besser, gleich mit zwei unterschiedlichen Richtungen zu studieren.

UniSPIEGEL ONLINE: Sie schlagen vor, das Studium in Ausbildung und Wissenschaft aufzuspalten. Was heißt das konkret?

Cederbaum: Ich habe mich gefragt, ob Hochschulen in einem Studium für die Praxis und die Wissenschaft ausbilden sollen und können. Und ich finde: Nein. Nach einem gemeinsamen Grundstudium von ein bis zwei Jahren und einer Orientierungsprüfung soll sich das Studium auffächern in eines mit einem Ausbildungsprofil, das zwei Jahre dauert, und eines mit einem Wissenschaftsprofil, das drei Jahre dauert. Die Lehrpläne sollen in Modulen und alle Veranstaltungen für alle Studenten angeboten werden, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten und unterschiedlichen Prüfungsanforderungen. Die Studenten mit Wissenschaftsprofil sollen sich unter Anleitung ihre Seminare selbst zusammensuchen, spezialisieren und ihre Prüfungsordnung quasi selbst schreiben.

UniSPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst diese Freiheit in Ihrem Studium vermisst?

Cederbaum: Ja, und mit mir auch viele Kommilitonen. Will man zum Beispiel in den Naturwissenschaften mal über den Tellerrand des eigenen Fachs hinaus schauen - was ja immer gefordert wird -, muss man gleich zwei Studiengänge belegen. Deshalb studiere ich Mathe und Physik auf Diplom. Aber die meisten Scheine aus dem einen Fach werden im anderen nicht anerkannt. Es ist echt schwierig, Fächergrenzen aufzubrechen. Die Hochschule sollte da mehr Freiheit lassen, für die, die das wollen. Da muss man echt dicke Bretter bohren. Vielleicht bringt der Preis bei diesem Wettbewerb was.

UniSPIEGEL ONLINE: Warum engagieren sich so wenige Studenten für ihre Hochschule?

Cederbaum: Bei vielen Studenten gibt es schon so eine Tendenz zum Konsumieren von Bildung. Die denken nur an die berufliche Verwertbarkeit von Wissen und studieren, ohne rechts und links zu schauen. Allerdings gibt es auch keine vernünftigen Kanäle, um Ideen anzubringen. In Baden-Württemberg, wo ich studiere, wird hochschulpolitisches Engagement ja fast schon verboten. Und schreibt man einen Brief an den Prorektor für Lehre, kriegt man ein Jahr lang keine Antwort. Es läuft einfach zu viel ins Leere - das frustet.

UniSPIEGEL ONLINE: Trotzdem haben Sie schon einige Dinge anschieben können...

Cederbaum: Ja, wir haben beispielsweise in Freiburg den Verein "Studieren ohne Hürden" gegründet, der sich für behinderte Kommilitonen einsetzt. Da haben wir den Leiter des Bauamts mal im Rollstuhl durch die Uni gefahren, um ihm zu zeigen, wo er damit überall nicht hinkommt. Daraufhin wurden Rampen und Lifte eingebaut. Und in der Uni-Bibliothek gibt es jetzt einen Hiwi für Behinderte, der Buchtitel vorliest und raus sucht. Das zeigt doch, dass was passiert, wenn man sich bewegt.

Das Interview führte Marion Schmidt



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