Der SPIEGEL

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16. Juni 2004, 17:09 Uhr

Illegal studieren

"Was mache ich schon Schlimmes?"

Ali ist ein Musterstudent - und hat sich in Deutschland Asyl erschlichen. An einer Berliner Universität steht er kurz vor seinem Traumziel, einem Diplom als Volkswirt. Doch Ali hat seine Zukunft auf einer Lüge aufgebaut. Ständig drohen Exmatrikulation und Abschiebung.

Wenn es so etwas gibt wie den Duft der Heimat, dann ist es für Ali* der Geruch von frischem Erdöl. Dort, wo er herkommt, irgendwo in der ehemaligen Sowjetunion, sticht dieser Geruch manchmal bis in die Stirnhöhlen. Wenn er daran denkt, packt ihn die Sehnsucht. Ali lebt in Berlin, und sein Ziel ist nahe: ein Uni-Diplom in VWL. Für diesen Traum hat er sich in einem fremden Land Asyl erschlichen. Ali ist ein "legal Illegaler", wie das Migrationsexperten nennen. "Wie ein Krimineller fühle ich mich nicht. Was mache ich schon Schlimmes?", fragt der 23-Jährige. Fliegt sein Schmu auf, ist er draußen. Studium ade, Abschiebung. Die Angst ist Alis steter Begleiter.

"Legal Illegaler": Ali in Berlin
Sabine Sauer / DER SPIEGEL

"Legal Illegaler": Ali in Berlin

15 ist er, als er in Frankfurt am Main aus dem Zug steigt, legal eingereist in Begleitung seines Vaters. Ali hat einen Plan, er will eine ordentliche Hochschulausbildung, fern seines korrupten Heimatlandes, in dem man Diplome kaufen kann. In Frankfurt wohnt ein Bekannter, der für Ali bürgen soll. Denn eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt, wenn kein Asylgrund vorliegt, nur, wer es sich leisten kann. Entweder der Zuwanderer weist genügend Geldmittel vor, oder es gibt jemanden vor Ort, der finanziell für ihn geradesteht.

Alles scheint glatt zu laufen. "Mein Vater fuhr wieder, und ich war heiß auf Schule und Zukunft." Keine fünf Wochen später sitzt Ali an einer Mainbrücke und stiert den Fluss entlang, einen Hundertmarkschein in der Hosentasche, neben sich die pralle Sporttasche. Der vermeintliche Helfer "wollte auf einmal Geld haben von meiner Familie. Da hab ich Leine gezogen".

Abitur mit einem Schnitt von 1,6

Ali geht aufs Jugendamt und erzählt zum ersten Mal nicht ganz die Wahrheit. Keine Papiere, keine Sprachkenntnisse, was wollen sie da mit so einem Halbwüchsigen schon machen? Er kommt in ein Heim. Die Erzieher stecken den 15-Jährigen in der Schule zu den zwei Jahre jüngeren Achtklässlern, er ist der einzige Ausländer, fühlt sich völlig deplatziert, ein Fremdkörper. Aber er beißt sich durch. Er büffelt jeden Tag vier Stunden deutsche Vokabeln und Grammatik. Heute spricht er akzentfrei. In Mathe ist er seinen Klassenkameraden von Anfang an überlegen.

Ali integriert sich schnell. Er darf von der Gesamtschule aufs Gymnasium wechseln, wo er ein grandioses Abitur hinlegt, Schnitt 1,6. Vorher bereits hat ihm das Jugendamt zur Volljährigkeit eine eigene Wohnung zugewiesen. Und mit den Klassenkameraden kommt er bestens klar.

Ein Anwalt hilft Ali, die Zukunft abzusichern. Zusammen denken sie sich eine hanebüchene Geschichte für einen Asylantrag aus: Ali erfindet eine neue Identität, eine neue Familie, eine neue Vita. Zu Hause wurde er angeblich politisch verfolgt. Zupass kommen ihm dabei innenpolitische Unruhen in seiner Heimat, die in einem gescheiterten Staatsstreich gipfeln. "Ich habe mir fast in die Hose gepisst, bis der Antrag durch war", sagt Ali, "das war schlimmer als später beim Vordiplom." Schließlich die Erlösung: eine auf zwei Jahre befristete Aufenthaltsbefugnis, die mittlerweile schon dreimal verlängert wurde. "Kleines Asyl" nennt sich das im Fachjargon.

Ali kann seinen Traum vom Studium weitertreiben. Sein Ehrgeiz wird auf eine harte Probe gestellt, als ihn die ZVS an eine hessische Uni schickt. Kein gutes Pflaster für einen Typen wie ihn mit arabischem Aussehen. Eines Tages marschiert eine Horde Glatzen auf und demonstriert für einen inhaftierten Kumpel. Als Ali an ihnen vorbeiläuft, beschimpfen sie ihn: "Scheiß Kanake." Ali beantragt noch am selben Tag einen Wechsel in die Hauptstadt.

Auch bei der Heimreise muss Ali schummeln

Berlin. Acht Monate ist er nun hier und fühlt sich wohl in seinem Kiez. Zum ersten Mal habe er wieder das Gefühl, "irgendwo ansässig zu sein", sagt Ali. Doch er vermisst die offene, spontane Art seiner Leute daheim. Andererseits hat er fast nur deutsche Freunde, in Deutschland, sagt er, sei er viel liberaler geworden. "Heute denke und träume ich ja sogar in Deutsch."

Seine Wandlung bemerkt er vor allem, wenn er alle Jubeljahre mal wieder nach Hause kommt. Auch dabei muss er schummeln. Er trifft sich in einem Nachbarland mit seinem Vater, der ihm einen heimischen Pass mitbringt. Die deutschen Behörden würden blöd gucken, hätte er plötzlich in seinem Ausweis einen Stempel des Landes, in das er angeblich nicht zurückkehren kann. Daheim führt er sich auf, wie es früher undenkbar gewesen wäre: Er streitet mit seinen Eltern über die traditionellen Werte, und seine alten Freunde sind ihm plötzlich seltsam fremd.

Was aus ihm einmal werden soll? "Klar würde mich ein lukrativer Job in der Wirtschaft reizen", sagt er. Doch sein Traumjob wäre eine Stelle bei den Vereinten Nationen. Oder doch lieber eine Uni-Laufbahn? Je näher das Diplom rücke, umso mehr verlasse ihn seine Zielstrebigkeit, sagt Ali. Vielleicht ist es auch die Angst, plötzlich sein Ziel nicht mehr vor sich zu haben, für das er so lange gekämpft hat. Dass er seine Zukunft auf einer Lüge aufgebaut hat, wissen nur wenige.

CHRISTOPH WÖHRLE


* Name geändert.

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