"Imagine Germany" Fremde Augen sehen schärfer

Was ist typisch deutsch? 15 Kinder und Jugendliche aus sieben Nationen begaben sich im September auf Foto-Safari durch ein unbekanntes Land - Deutschland. Auf ihren Stationen fotografierten sie Alltägliches und Außergewöhnliches. SPIEGEL ONLINE zeigt eine Auswahl der Bilder, die derzeit in Berlin ausgestellt werden.

Von Jörg Hackhausen


Die 15 Kinder waren noch nie zuvor in Deutschland, kannten es allenfalls vom Hörensagen. Ausgerüstet mit Kleinbildkameras sollten sie, in Farbe oder Schwarzweiß, alles festhalten, was ihnen auffällig, nachdenkenswert oder ansehnlich schien. Heraus kam ein Abbild der Nation - wie es Kinder aus Uganda, Ruanda, Russland, China, Israel, Paraguay oder der Dominkanischen Republik sehen. Naiv und unbefangen, gibt der Blick der Kinder Antworten auf die Frage: Wie sind die Deutschen, was ist typisch deutsch?

In ihren Fototagebüchern sammelten die Kinder Bilder von Menschen und Sensationen, von kleinen Besonderheiten des Alltags oder von Bier und Bratwurst. Manche gängigen Klischees bestätigten sich, andere wurden gesprengt - ein Projekt der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

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"Imagine Germany": Fremde Augen sehen schärfer

Geografisch reichte die Deutschlandreise von der beschaulichen Provinz über Vorstadt-Tristesse bis in die Hauptstadt. Mitten drin in Deutschland atmeten die Besucher das Idyll der grünen Wälder Thüringens, erlebten Hektik in der Bankenstadt Frankfurt und ahnten vielleicht etwas von katholischer Frömmigkeit im hessischen Fulda. Die Stationen: Königstein in der Sächsischen Schweiz, Rudolstadt, Wolfenbüttel, Eschborn, Frankfurt am Main, Mainz, Fulda, Heiligenstadt und schließlich Berlin.

An jedem Ort machten sich die jungen Fotografen auf eigene Faust auf die Suche nach Motiven. An einem Tag hielt der Bus mit den Jugendlichen auf dem Marktplatz im thüringischen Rudolstadt, von hier schwärmten die Jungen und Mädchen aus.

Milly suchte Essbares als Motiv, wanderte durch Supermärkte. "Ich habe noch nie Suppen in Tüten gesehen", die 16-jährige aus Uganda konnte sich beim Anblick deutscher Supermarktregale nur wundern. "Auch Früchte wie Ananas und Orangen sehen hier anders aus. Sie schmecken bei uns auch süßer."

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Imagine Germany: Fremde Augen sehen schärfer, Teil II

Ahmet aus Ägypten, Pascal aus Ruanda und Ingrid aus Paraguay wollten wissen, wie die Deutschen wohnen - sie staunten, dass die Häuser hier so steinalt sind. Jacqueline aus der Dominikanischen Republik und Ksenia aus Russland trafen in Rudolstadt deutsche Kinder und fotografierten sie. Cui-Yan versuchte die Unterschiede zwischen deutschen und chinesischen Schulen herausfinden.

Armut? Wo?

Viel zu knipsen hatte Jacob aus Uganda, sein Thema waren die verschiedenen Reklame- und Werbetafeln. Und Daniel hatte eigentlich vor, die Armut in Deutschland zu fotografieren. Schon bald kehrte der Junge aus der Dominikanischen Republik zur Betreuerin Ute Baumann zurück. Er könne keine Motive finden, sagte er. Arme Menschen, wie er sie aus seiner Heimat kennt, hatte er keine gesehen. Daniel suchte sich ein neues Thema: Sport.

Auf dem Weg nach Wolfenbüttel wurde die Reiseroute geändert, das KZ Buchenwald angesteuert - schon am ersten Tag hatten Dar und Keshet aus Israel gebeten, ein Holocaustmahnmal besuchen zu können. Wer sich mit Deutschland beschäftigt, für den sind auch die Schatten deutscher Vergangenheit, die Verbrechen der NS-Zeit gegenwärtig.

Nach drei Wochen endete die Tour durch Deutschland. Dann musste sich jeder Teilnehmer für sieben Lieblingsaufnahmen entscheiden, die ihm am Wichtigsten erschienen - und begründen, warum.

Foto-Duette mit deutschen Schülern

Bei einem Workshop trafen die ausländischen Kinder dann jeweils einen Austauschpartner von der Mahatma-Ghandi-Schule aus Berlin-Marzahn. Die jungen Berliner hatten zur gleichen Zeit und zum selben Thema wie ihre Safari-Partner fotografiert. Die Fotografen aus aller Welt und aus Berlin tauschten ihre Bilder aus, redeten über ihre Vorstellungen von Deutschland und über die erlebte Wirklichkeit - um Vorurteile im Kopf zu überprüfen. So entstanden 15 Foto-Geschichten, bei denen sich "vertraute Perspektive" und "fremder Blick" gegenüber stehen.

Ergebnisse der Foto-Safari werden ab jetzt in Berlin präsentiert. "Imagine Germany" ist das Motto der Ausstellung, der Anspruch ist fotografisch praktizierte Völkerverständigung. Die Idee dazu kam vom Berliner Journalisten Philipp Abresch. Er entwickelte das Foto-Projekt gemeinsam mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die normalerweise Entwicklungshilfe in aller Welt koordiniert. Zudem wird der weltweite Foto-Dialog gefördert durch das Auswärtige Amt; Schirmherr ist Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.

Ihre Erlebnisse und Fotos präsentieren alle Jugendlichen gemeinsam im Lichthof des Museums für Kommunikation Berlin. Außerdem werden ihre Bilder im Internet zur Diskussion gestellt. Darunter ist auch das Bild eines Pferdetransporters, über den sich Evelyn aus Uganda amüsierte: "Das Pferd hätte doch selbst zur Rennbahn laufen können."



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