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Ethnologen-Austausch: Heilige Mülltrennung!

Foto: Anett Keller

Indonesier erforschen Deutsche Zu Besuch bei strenggläubigen Veganern

Es war eine ethnologische Studie der etwas anderen Art: Indonesische Studenten haben für ein Austauschprogramm die Religiosität der Deutschen erforscht. Dabei stießen sie wider Erwarten auf durchaus glaubensfeste Leute: bei der Grünen Jugend, Geisterbeschwörern und Veganern.
Von Anett Keller

Fasziniert sitzt Ethnologiestudentin Fitria Yuniarti, 23, dem Grüppchen Veganer gegenüber. Zusammen mit ihrem Studienpartner Moritz Heck interviewt sie drei Vertreter der veganen Bewegung vor dem Freiburger Bürgerzentrum, zu fünft sitzen Forscher und Beforschte im Stuhlkreis. Fitria will wissen, warum die Veganer kategorisch alle tierischen Produkte ablehnen, sie fragt, hört zu, notiert. Moritz assistiert ihr, übersetzt und erklärt. Zwischen ihnen auf dem Boden hat es sich ein Hund gemütlich gemacht.

Die indonesische Muslimin Fitria, schlank und mit schwarzem Kopftuch, hört den Veganern zu, die in rudimentärem Englisch von ihrem langen Kampf gegen die Ignoranz erzählen. Sie berichten von Mahnwachen und Kampagnen gegen den Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten. Von der Häme der Fleischesser, der Inkonsequenz der Vegetarier, die lediglich auf Fleisch und Fisch verzichten, nicht aber auf Eier oder Milch.

"Deutschland ist berühmt für gute Milchprodukte", sagt Fitria. "In Indonesien sind sie sehr teuer. Solltet ihr darauf nicht stolz sein?" Die Veganer winken ab. "Diese Produkte sind das Resultat systematischer Tierquälerei", sagt einer.

Fitria studiert an der Gadjah-Mada-Universität im indonesischen Yogyakarta, Moritz an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Hier in Freiburg forschen die Nachwuchs-Ethnologen gemeinsam. Seit sieben Jahren gibt es das interkulturelle Lehrforschungsprojekt der beiden Hochschulen. In diesem Jahr sind die Indonesier mit einem Besuch in Deutschland dran. Ihr Thema: Religion und Politik.

Sie wollen erforschen, ob ein gängiges Klischee in ihrem Heimatland stimmt: dass Europäer nicht religiös und deshalb oft auch nicht moralisch sind. Allerdings haben die Gäste den Begriff Religion weit ausgelegt. So kam Fitria zu den Veganern.

Forschungsgegenstand: die Welt vor der Haustür

Am Ende des Interviews streichelt die gläubige Muslimin den Hund, der vor ihr auf dem Boden liegt. "Ich habe noch nie einen Hund angefasst", sagt sie. Im Islam gilt das Tier als unrein. Fitria ist vor allem von der moralischen Haltung der deutschen Veganer beeindruckt. "Sie treffen eine bewusste Wahl, essen nicht einfach, was seit Generationen auf den Teller kommt. Sie sorgen sich um die Umwelt und um Tierrechte." In Indonesien gebe es Veganer kaum. "Höchstens ein paar Vegetarier, die einer Mode folgen", sagt sie.

Projektleiterin Judith Schlehe, Ethnologieprofessorin an der Universität Freiburg, ist stolz auf ihr interkulturelles Tandemprojekt. "Die Ethnologie hat ein schweres Erbe zu überwinden", sagt Schlehe. Jahrhundertelang war es den Ethnologen der westlichen Welt vorbehalten, "primitive Kulturen" zu erforschen und dafür in "die Fremde", also vornehmlich in die damaligen Kolonien, zu reisen. Inzwischen wird zwar viel vom globalen Lernen gesprochen, und es gibt eine Menge studentischer Austauschprojekte, aber häufig bleiben Gaststudenten auch in der Fremde unter sich. Tandemprojekte sollen genau das verhindern, die Studenten sollen vom Perspektivwechsel profitieren. Im Ausland lernen sie einen neuen Kulturraum kennen, daheim lernen sie gemeinsam mit ihren Gästen die Welt vor der eigenen Haustür ganz anders kennen. Er wäre nie auf die Idee gekommen, Veganer zu erforschen, sagt der deutsche Tandemstudent Moritz.

Nach vier Wochen Forschung können die indonesischen Gäste das Vorurteil der Areligiosität der Deutschen nicht bestätigen. So fand Fitria, dass die Veganer durchaus missionarische Züge trugen und dass der Schutz der Umwelt für sie quasi-religiösen Charakter annimmt. Inda Marlina ging es bei ihrem Forschungsgegenstand, der Jugendorganisation der Partei die Grünen, ganz ähnlich. Der konsequente Umweltschutz und der Enthusiasmus der jungen Aktivisten sei beeindruckend. "Für sie ist es eine Art Religion. Sie wollen damit die Welt verändern," sagt sie.

Schamanen, Farbheiler und Alkohol zur Weihnachtszeit

Die indonesische Studentin Putri Fitria, 24, lacht, während sie Klischees schildert, die auch sie über Deutsche im Kopf hat: säkularisiert, realistisch, logisch. Sie befragte für ihre Arbeit zu Mystik und Esoterik Meditationsgruppen, Schamanen und Farbheiler. Mit ihrer Tandempartnerin Mona Arnreich traf sie die Macher des Magazins "News Age" und besuchte Parapsychologen. Sie begegnete Menschen, die auf einer Suche sind und Antworten in der Spiritualität finden. Dennoch stimme das Klischee für die Deutschen schon, findet Putri, zumindest dem Spirituellen stünde die Mehrheit skeptisch gegenüber.

Beim Abschluss-Workshop prallen dann auch die unterschiedlichen Sichtweisen deutscher und der indonesischer Jungforscher aufeinander. Als eine Indonesierin, die das Trinkverhalten untersuchte, ihre Erklärung für die hohe Zahl von Alkoholikern in Deutschland präsentierte, staunen die Freiburger Studenten. Das sei doch kein Wunder, wenn sich die Deutschen nicht einmal am Heiligen Abend davor scheuten, vor den Augen ihrer Kinder Alkohol zu konsumieren.

Putri provoziert mit der Feststellung, die neuen Spirituellen würden eine Art Konsumhaltung an den Tag legen. "Neue Religionen sind für sie wie ein Kleid, das sie sich zulegen und es ausmustern, wenn es nicht mehr gefällt", sagt sie. Außerdem würden sich ihre Forschungssubjekte passiv verhalten: "Sie lesen nur Bücher und hören, was ihr Guru sagt." Rituale wie in den klassischen Religionen habe sie dagegen keine gefunden. Ihre Tandempartnerin Mona hält aufgebracht dagegen, Lesen sei durchaus eine aktive Tätigkeit, zum Gottesdienst zu gehen, sei dagegen viel passiver.

Nachdem Fitria ihre Ausführungen zu den Veganern beendet hat, sagt Putri, die bislang davon überzeugt war, den Deutschen sei Spirituelles eher fremd: "Vielleicht sind die Deutschen doch weniger rational, als ich dachte. Die glauben sogar, dass Hunde Gefühle haben." An dieser Stelle wird es Ethnologiestudentin Mona zu bunt, sie beugt sich vor und ruft ihrer indonesischen Tandempartnerin zu: "Das ist wissenschaftlich bewiesen!"