Informatikerinnen unter sich Männer? Wozu?

Frauen und Technik - manche Männer haben damit ein Problem. Deshalb verzichten die Studentinnen in Deutschlands erstem Frauenstudiengang Informatik einfach ganz auf sie.

Von Marion Schmidt


In der Informatik herrscht Frauenmangel
GMS

In der Informatik herrscht Frauenmangel

In Deutschland fehlen Informatiker und andere IT-Fachkräfte, Tausende von Stellen bleiben unbesetzt, Computer-Inder werden angeworben. Da entdeckt man plötzlich eine bislang völlig vernachlässigte Ressource - die Frau. Ja, auch Frauen können mit Computern umgehen. Manuela Schumann etwa hat schon als kleines Mädchen mit ihrem Vater, einem Elektrotechniker, vor dem guten alten "Amiga" gesessen oder den Videorecorder programmiert. "Berührungsängste vor der Technik hatte ich nicht", sagt die 22-Jährige. Wohl aber vor Menschen, die sich professionell damit befassen: bleiche, kontaktscheue Tüftler, so glaubte sie.

Das denken offenbar viele. An den Hochschulen meiden Frauen technische und naturwissenschaftliche Studiengänge. Manche trauen sich nicht an die Technik, andere haben keine Lust auf dumme Sprüche von Technik-Freaks. So sind lediglich 4,6 Prozent der Studierenden in der Technischen Informatik weiblich, in der Wirtschaftsinformatik immerhin gut 18 Prozent.

Die "Bindestrich-Informatiken" sind attraktiver

Doch das soll sich ändern: Bis zum Jahr 2005 soll die Initiative D21 den Frauenanteil in IT-Berufen auf 40 Prozent steigern, so das Ziel der Bundesregierung. Um junge Frauen in technische Fächer zu locken, richten die Universitäten verstärkt interdisziplinäre Studiengänge ein. So genannte "Bindestrich-Informatiken" wie Medieninformatik oder Wirtschaftsinformatik werden von Frauen weit besser angenommen als die klassische Informatik.

"Sobald zur Technik ein gesellschaftlicher Anwendungsbezug kommt, zieht das Fach auch Frauen an", erklärt Gabriele Winker, Professorin an der FH Furtwangen und Leiterin einer Frauen-Arbeitsgemeinschaft des Bundeswirtschaftsministeriums.

Oder die Frauen bleiben gleich unter sich. Zum letzten Wintersemester hat die Hochschule Bremen den ersten deutschen Informatik-Studiengang nur für Frauen gestartet. Pate standen einige Frauenstudiengänge in den Ingenieurwissenschaften. "Gerade in männer-dominierten Fächern wie Informatik ist es wichtig, Frauen auch eine andere Lernumgebung anzubieten", bewertet Gabriele Winker das Angebot. Nach der letzten Bremer Sommeruniversität "Informatica Feminale" wollten sich 91 Frauen für den neuen Studiengang einschreiben, 31 wurden schließlich genommen.

"Keine Mädchen-Informatik"

Manuela Schumann ist eine von ihnen. Das Studium reizte sie, weil Technik und Praxis kombiniert werden, weil es international ist und neue, auch virtuelle Lehrformen gibt. Und auch, weil dort keine technischen Tüftler sitzen. Das Fach sei aber kein weiblicher Elfenbeinturm und "keine Mädchen-Informatik", betont Professor Axel Viereck. Der Wirtschaftsinformatiker es derzeit zusammen mit einer - weiblichen - Lehrkraft. Die Studentinnen erhalten ein breites fachliches Fundament und lernen die mathematischen Grundlagen ebenso wie Programmieren und Software Engineering.

Studienanfängerinnen nehmen die Rechner zunächst gründlich unter die Lupe
DPA

Studienanfängerinnen nehmen die Rechner zunächst gründlich unter die Lupe

Mit kleinen, aber wichtigen Unterschieden: Der Lehrplan ist strikt anwendungsbezogen, alle fachwissenschaftlich-abstrakten Strukturen werden auf konkrete Probleme in der Praxis abgeklopft und in Gruppenarbeit gelöst. Hinzu kommen Projekte mit IT-Unternehmen, im 5. Semester geht es ins Ausland. Und der Stoff wird in der Form vermittelt, in der sich Frauen Wissen am besten aneignen - richtig praktisch. So setzen die Erstsemesterinnen erst einmal einen Schraubenzieher an und nehmen einen Computer auseinander. Um zu schauen, woraus so ein Gerät eigentlich besteht. Im Stundenplan heißt das dann "Konfigurieren von Rechnersystemen".

Ohne Cliquenwirtschaft und Intrigen

Nicht nur die Methoden sind etwas anders, auch der Umgangston ist gelassener und toleranter als an mancher Massenuni. Es sei eine "starke Gemeinschaft unter den Studentinnen", sagt Manuela Schumann, die zuvor in Trier Innenarchitektur studierte, "keine Cliquenwirtschaft, keine Intrigen". Viele Frauen sind schon älter, haben bereits ein anderes Studium oder eine Ausbildung abgeschlossen.

Wie Ilka Thiedemann, die in Hamburg Betriebswirtschaft studiert und danach im Rechnungswesen gearbeitet hat. Sie wollte sich einfach noch mal mit einer neuen Thematik befassen und fand es schon immer faszinierend, "was sich mit Computern alles ´erschaffen´ lässt, wenn man denn weiß wie". Programmieren werde nicht vorausgesetzt, sagt Axel Viereck: "Das lernt man an der Hochschule."

Und wenn die Studentinnen dann richtig fit sind, dürfen sie ihr Wissen auch mit männlichen Kommilitonen teilen. Im Hauptstudium werden die Wahlpflichtfächer gemeinsam absolviert. "Wir bereiten schließlich auf einen Berufsalltag vor, in dem Männer und Frauen zusammen arbeiten", sagt Viereck.



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