Ingenieur-Bespaßung Schusstraining fürs Ei

"Flying Ei" heißt das kultige Spektakel, das die Tüftellaune Bochumer Maschinenbauer weckt. Im Zeichen der Fußball-WM beschossen Erstsemester eine Torwand und setzten Posterrollen, Plastikpullen, Papp-Panzerfäuste ein.

Von Almut Steinecke


Eier wollen nicht immer nur in die Pfanne gehauen werden. Bei ihrem traditionellen Konstruktionswettbewerb "Flying Ei" stellen die Maschinenbauer der Ruhr-Universität Bochum alljährlich unter Beweis, dass die wahre Berufung roher Keimzellen im Zurücklegen ungewöhnlicher Transportwege liegt - ohne dass ihre Schale dabei Schaden nimmt. Dabei war der Name des skurrilen Wettbewerbs diesmal Programm. In den Vorjahren waren die Eier noch Treppenstufen hinabgetickt oder an einer Seilbahn entlanggetuckert. Nun sollten Studenten des ersten Semesters sie nun richtig fliegen lassen: durch unterschiedlich große Löcher einer Torwand auf der Campuswiese, drei Meter Mindestabstand beim Schuss. 2006 steht schließlich im Zeichen des Fußballs.

Ralf Struzyna, 22, vom Fachschaftsrat Maschinenbau grinst. "Wir wollten die erste große WM in diesem Jahr ausrichten, als Ersatzdroge für alle, die keine Tickets mehr bekommen haben." Man habe kurz überlegt, die drei Teams "Rocket Egg", "Solid Egg" und "Inschöre" in klassischen Mannschaftstrikots aufmarschieren zu lassen. Bei den knackigen Minusgraden habe man jedoch davon wieder abgesehen.


Kurz bevor die ersten Eier fliegen, setzt das Wetter noch einen drauf, schickt Schneeflöckchen auf die Köpfe der zahlreichen fröstelnden Zuschauer, die ihre klammen Finger an Glühweinbechern wärmen. Die Teilnehmer indes sind mit so viel Eifer bei der Sache, dass sie bestimmt auch kurzärmelige Trikots in Kauf genommen hätten. Rotwangige Studenten schieben ihre Konstruktionen in Position, unter ihnen Sally Bartholomay-Thiel: Die 21-Jährige vom Team "Solid Egg" ist dieses Jahr die einzig weibliche Teilnehmerin an einem Wettbewerb, den sie ziemlich "geschlechtsneutral" findet.

Die Transportideen der Maschinenbauer ähneln sich: Das Ei soll durch ein Rohr in die Luft und durch das Tor geschossen werden. Über einen Ständer wird das Rohr in eine leichte Schräglage gekippt, so dass es sanft nach oben zeigt. "Rocket Egg", als erste Team am Start, bettet das rohe Ei in transparente Polsterfolie, schiebt es in eine zusammengebaute Plastikflasche mit einer Trinköffnung an jeder Seite. Dann füllen die Studenten die Flasche mit etwas Wasser und bugsieren sie in das Rohr. Mit einer Fußpumpe kommt Luft in die Flasche, der erzeugte Unterdruck und rasches Abziehen von der Pumpe sollen dem Behälter ordentlich Tempo verleihen - das Publikum spendet begeisterten Beifall für den originellen Antrieb.

Maschinenbauer in Gefahr

Leider bleibt's bei der Originalität: Die Flasche düst durchs Rohr, trudelt durch die Luft, fällt an der Torwand zu Boden und spritzt von dort in die johlende Menge, wie eine selbständig umherkreiselnde Sektflasche. Beim nächsten Versuch verabschiedet sie sich ganz - das Plastik platzt mit einem ohrenbetäubenden Knall. Jan Seewald, 21, schwankt zwischen Lachen und Nervosität, als er und seine Teamkollegen den dritten Schuss vorbereiten: "Mann, Leute, wir haben nur noch eine Pulle..." Statt der Torwand trifft ein Schuss beinah den Fakultätsdekan Viktor Scherer. Der setzt sich gern solchen Gefahren aus: "Bis zum Vordiplom müssen die nur pauken. Da macht das hier Lust auf mehr Praxis im Hauptstudium."

"Rocket Egg" kann keinen Treffer landen, lediglich die Innenseite des Plastiks verfärbt sich gelb durch das angeknackste Ei. Bernhard Gebhardt, 56, wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Fachbereich Maschinenbau, hebt bedauernd die Schultern und hat gleich eine Erklärung: "Die Luft beim Rückstoß verwirbelt zu stark und mindert die Zielstrebigkeit der Flasche, die hätte vielleicht noch ein paar zusätzliche Flügelchen gebraucht..." Für den Sonderpreis in der Kategorie "Kreativste Konstruktion" hat's aber allemal gereicht. Und Gebhardt lobt ohnehin alle Teilnehmer für ihren Einsatz: "Die Leute, die hier mitmachen, die sind grundsätzlich engagierter und deshalb besser."

Chancen auf einen echten Sieg räumt der Experte dagegen den anderen beiden Teams ein: "Solid Egg" beschleunigen ihr in einer Grablicht-Dose eingepacktes Ei mit Hilfe eines Expanders. Den ziehen die Studenten durch zwei Löcher in der Wand einer Posterrolle und spannen das Gummi nach beiden Seiten auseinander, bevor sie es loslassen, so dass es gegen das Grablicht schnellt.

Es winken Ruhm und Unsterblichkeit

Und auch die "Inschöre" setzen auf das Pfeil-und-Bogen-Prinzip mit einem Expander. Jedoch verwenden sie anstelle einer Posterrolle ein Abflussrohr, an das sie den Griff einer Wasserpistole befestigt haben. Das sieht mächtig martialisch aus und erinnert an eine Panzerfaust. Der 21-jährige "Inschör" Marcel Bartz erntet anerkennende Lacher, als er sich mit einer Fliegerbrille am Abzug postiert. Das Ei hatten die fünf Mannschaftskameraden mit viel Kräuter-Kurbad in eine Plastikkugel gesteckt.

Schöne Idee, nützte aber nichts. Aller Show zum Trotz hat die Konkurrenz doch die Nase vorn. Anders als den "Inschören", die nur einen Treffer durch die Torwand schaffen (den das Ei nicht überlebt), gelingen Elmin Fatic, 20, aus Bosnien und seinem kroatischen Kollegen Darko Miletic, 19, vom "Solid Egg"-Team zwei satte Tore durch das größte Rund an der Wand mit 50 cm Durchmesser, aus drei Metern Entfernung. Und dank viel Gelatine bleibt das mit einer Art Schleuder geschossene Ei sogar heil.

Vielleicht liegt es doch am weiblichen Feingefühl ihrer dritten Mitstreiterin Sally. "Die ganze Nacht haben wir wie verrückt Gelatine gekocht", erzählt sie. Sally ist eine der wenigen Studienanfängerinnen im Fachbereich Maschinenbau, der in Bochum einen Frauenanteil von gerade mal 19 Prozent hat. Umso stolzer ist die Studentin, nun im Siegerteam zu sein. Wobei die schicken Graphik-Taschenrechner, die sie und ihre Kommilitonen als Preise absahnen, wahrlich nicht das Wichtigste sind. Immerhin geht es um Ruhm und Unsterblichkeit. Vor dem Zimmer der Fachschaft hängt eine Tafel mit den Gewinnern der letzten Jahre. Die Namen des "Solid Egg"-Teams werden jetzt ergänzt - und Sally ist die zweite Frau.



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