Interview mit Anika Frischwasser "Sex verkauft sich"

Die Berliner Studentin Anika Frischwasser, 22, riss sich die Kleider vom Leib, um gegen Studiengebühren zu demonstrieren. Wie denkt sie heute darüber? Der UniSPIEGEL hat Anika ausfindig gemacht.


Millionen Zeitungslesern rannte die 22-Jährige im vergangenen Dezember auf Fotos ziemlich nackt entgegen. Anika Frischwasser studiert im sechsten Semester Wirtschaftsmathematik an der Technischen Universität (TU) Berlin. Die gebürtige Berlinerin lebt in einer WG im Arbeiterviertel Wedding, bezieht Bafög und jobbt bei einem Juwelier.

UniSPIEGEL: Ausgezogen vor den Augen der Republik - wie fühlt sich das an?

Flitzte durch Berlin: Demonstrantin Frischwasser
DPA

Flitzte durch Berlin: Demonstrantin Frischwasser

Frischwasser: Halb nackt über den Weihnachtsmarkt zu rennen war ziemlich lustig, alle drei Meter stand ein Journalist mit Kamera, das war alles organisiert. Kalt war es nicht so sehr, die Rennerei war ziemlich anstrengend. Als ich danach auf den Titelseiten und im Fernsehen war, war das schon ein gutes Gefühl, irgendwie aufregend, wenn man sich selbst so in den Medien sieht. Als studentisches Pin-up hab ich mich dabei nicht gefühlt. Der "Playboy" hat doch auch eine Geschichte über die so genannte Uni-Elite gemacht.

UniSPIEGEL: Du würdest also auch für den "Playboy" strippen, um gegen Bildungs-Kahlschlag zu demonstrieren?

Frischwasser: Ich bin sehr zufrieden mit meiner Figur und meinem Aussehen, deshalb hätte ich auch kein Problem, mich "oben ohne" ablichten zu lassen, aber noch weiter - da müsste ich schon überlegen.

UniSPIEGEL: Wie kam es denn zu deinem berühmten Lauf?

Frischwasser: Politisch hatte ich mich noch nie engagiert. Ich bin nicht der Typ, der auf jede Demo geht, sondern eher ein Mädel, das gern zeigt, was es hat, und auch tief ausgeschnittene Shirts trägt. Aber als an der TU die Gebäude besetzt wurden, lernte ich ein paar "Flitzer" kennen. Kurz darauf rannte ich selbst halb nackt über den Ku'damm.

UniSPIEGEL: Und was haben deine Eltern und dein Freund dazu gesagt?

Die Berliner Proteste im letzten Semester

Fotostrecke

14  Bilder
Protest-Bilder: Studenten nackt und nass

Frischwasser: Meiner Mutter hab ich die Fotos sogar selbst gezeigt, sie fand das in Ordnung. Es gab nur eine Freundin, die ein bisschen schockiert war, aber die meisten wussten ja, dass ich im Streik aktiv war und für jeden Spaß zu haben bin. Auch mein zwischenzeitlicher Freund, den ich erst kurz vorher beim Streiken kennen gelernt hatte, fand's lustig.

UniSPIEGEL: Meinst du, deine Botschaft ist angekommen?

Frischwasser: Ich habe mich zum Verkauf angeboten und mir "For Sale" auf die Haut malen lassen, denn ich brauche ja Geld für die Bildung. Provokante Slogans auf nackter Haut ziehen eben. Die Leute haben hingeguckt, die Sprüche gelesen und verstanden, worum es geht. Sex verkauft sich.

UniSPIEGEL: Und wofür steht der Slogan "For Sale"?

Anika Frischwasser: "Irgendwie aufregend"
Nicole Maskus

Anika Frischwasser: "Irgendwie aufregend"

Frischwasser: Ich bin nicht grundsätzlich gegen Studiengebühren, aber wir haben die Ablehnung des Berliner Studienkonten-Modells gefordert, weil das Geld an das Land Berlin gehen sollte, um Haushaltslöcher zu stopfen. Wenn ich wüsste, dass die Gebühren meiner Uni zufließen, könnte ich zustimmen. Natürlich nicht in Höhe von 500 Euro wie in NRW oder Baden-Württemberg. Aber vielleicht maximal 250 Euro pro Semester. Für Leute wie mich wäre das zwar hart, aber zu leisten.

UniSPIEGEL: In Berlin hat die mitregierende PDS den Plänen ihres eigenen Senators Thomas Flier zur Einführung des Modells eine klare Absage erteilt. Hat sich deine Aktion also gelohnt?

Frischwasser: Das war ein kleiner Sieg für uns. Auch die TU ist teilweise auf unsere Forderung eingegangen, ihre alten Hochschulverträge beizubehalten und nicht noch weiter zu kürzen. Die anderen Berliner Unis haben Teile der Streichungen erst einmal verschoben. Aber das wissen die meisten gar nicht. Die waren sich schon vorher sicher, dass es nichts bringt, auf die Straße zu gehen. Jetzt können sie staunen.

UniSPIEGEL: Vor kurzem hat die Vollversammlung deiner Uni das Ende des Streiks beschlossen. Was bleibt?

Frischwasser: Ein gewisser Stolz, etwas bewegt zu haben. Sowieso ist der Streik schon halb tot. Die Ausweitung der Proteste auf den gesamten Sozialabbau hat unsere Ziele verwässert. Forderungen wie "Alles für alle, und zwar umsonst" sind Unsinn. Ich habe meine Probleme, mich als Studentin für mehr Sozialhilfe einzusetzen, die ist hoch genug.

UniSPIEGEL: Würdest du noch mal die Hüllen fallen lassen?

Frischwasser: Ja, für einen sinnvollen Zweck.

INTERVIEW: HILMAR POGANATZ

© UniSPIEGEL 3/2004
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