Interview mit Comic-Autobiograf Flix "Dann hab ich das gleich erledigt!"

Weil seine Eltern keinen Fotoapparat besaßen, schenkte sich Felix Görmann alias Flix seine Vergangenheit einfach selbst - und seine Zukunft gleich dazu. Mit dem Comic "Held" räumte der 27-Jährige die Höchstnote beim Diplom ab. Und erzählt im Interview, wie Freunde und Professoren auf die gezeichnete Autobiografie reagierten.


Der Comic entstand ursprünglich als Diplomarbeit an der Hochschule für Bildende Künste in Saarbrücken, wo Felix Görmann mit "sehr gut" abschloss. Unter dem selbstironischen Titel "Held" schildert das Buch auf über 100 Seiten seinen Lebensweg und ist mittlerweile beim Carlsen Verlag erschienen. Flix hat derzeit einen Lehrauftrag an der Saarbrücker Kunsthochschule und wechselt im April nach Berlin.


SPIEGEL ONLINE: Ziemlich ungewöhnlich, seine Karriere mit der Autobiografie anzufangen.

Flix: Das stimmt. Aber dann hab ich das gleich erledigt!

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SPIEGEL ONLINE: Wie war denn das Feedback im Berufsleben?

Flix: Eigentlich durchweg sehr gut, gerade weil es diese Schwemme von Biografien in letzter Zeit gab. Ich erzähle ja nicht nur, was passiert ist, sondern auch, wie es weitergehen könnte. Dadurch ist "Held" auf jeden Fall eine Spur origineller.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es inzwischen Abweichungen zwischen deiner realen und fiktiven Biografie?

Im Leerlauf der eigenen Biografie: Zeichner Flix

Im Leerlauf der eigenen Biografie: Zeichner Flix

Flix: In der Geschichte ist ein Zeitsprung an der Stelle direkt nach der Diplomprüfung. Zwei Seiten später sind auf einmal schon Kinder da. Die Kinder gibt es noch nicht. Ich befinde mich sozusagen gerade im Leerlauf meiner eigenen Biografie.

SPIEGEL ONLINE: Die Stelle, als Du im Comic Deine Diplomarbeit präsentierst - wie real ist das?

Flix: Den Prüfungsraum hatte ich doch recht ähnlich der Comicsituation dekoriert, und dass die Freunde davor standen, hat auch gestimmt. Nur einer meiner Professoren fand sich zeichnerisch nicht so gut getroffen. Im Gegensatz zu meinem eitlen Hauptprofessor. Der schätzt es durchaus, wenn irgendwo sein Gesicht zu sehen ist.

SPIEGEL ONLINE: War es nicht ziemlich frech, ein Bestehen der Diplomprüfung quasi vorab zu erzählen?

Flix: Ich habe es auch extra als "mit respektablem Ergebnis" beschrieben. Dass ich bestehe, davon bin ich frecherweise ausgegangen. Dass es ein "sehr gut" werden würde, davon konnte ich natürlich nicht ausgehen. Es wäre mir auch ein bisschen zu dreist erschienen, das so reinzuschreiben.

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SPIEGEL ONLINE: "Held" ist ja ein sehr privates Werk. Hattest Du keine Bedenken, dass es als wissenschaftliche Diplomarbeit durchfallen könnte?

Flix: Das ist das Schöne an der Kunsthochschule. Man darf spinnen und sich ein Stück aus dem Fenster lehnen. Und da es neben den Comics zur Diplomarbeit auch ein Theorieheft gab, in dem ich mich mit dem Themen Biografie, Menschenleben und Zukunftsvisionen auseinander gesetzt habe, war das Ganze durchaus fundiert.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Buch lehnst Du Dich recht weit aus dem Fenster, gerade wenn es um Dein Privat- und Intimleben geht.

Flix: Das denken viele. Ich empfinde das gar nicht so. Zu allem, was in "Held" steht, kann ich voll und ganz stehen. Noch viel mehr eigentlich, seit ich es erzählt habe. Weil der Comic erst gar nicht zur Veröffentlichung geplant war, hab ich auch gar nicht groß darüber nachgedacht.

SPIEGEL ONLINE: Hat "Held" Dein Privatleben beeinflusst?

Flix: Ich höre häufig bei meinen Freunden Fragen wie "Ist das wirklich so passiert?". Weil ein paar Dinge an den Tag kamen, die vorher keiner wusste, à la "Hat dich deine Freundin wirklich betrogen?".

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SPIEGEL ONLINE: War jemand enttäuscht, nicht erwähnt zu werden?

Flix: Einige. Nach dem Motto "Bin ich dir nicht wichtig genug, haben wir nicht auch schon tolle Sachen erlebt?". Denen habe ich dann versucht zu erklären, dass es nicht eine Abwertung der einzelnen Personen ist, sondern dass "Held" eine Dramaturgie hat. Und dass sie zwar einen wichtigen Teil in meinem Leben spielen, aber leider nicht in die Dramaturgie passen.

Erster "Held"-Band: Die Eltern gerührt, nicht geschüttelt
Zwerchfell Verlag

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SPIEGEL ONLINE: Hat sich jemand geärgert, in Deinem Werk aufzutauchen?

Flix: Habe ich bisher noch nicht gehört. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass eine der Ex-Freundinnen, die eine nicht wirklich rühmliche Rolle hat, sich beschweren würde. Aber weil ich zu der Dame keinen Kontakt mehr habe, weiß ich es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was wirst Du in absehbarer Zukunft machen?

Flix: Zwei Projekte, die mit "Held" zusammen hängen. Zum einen eine Geschichte, die in der Lücke zwischen Diplom und Kinder kriegen spielt. Es geht um Liebe und Musik und Abschied und Tod - große Themen also. Zum anderen eine Art Comic-Tagebuch, um das Leben mal in voller Länge zu zeigen. Diese Themen sind für mich einfach fällig.

SPIEGEL ONLINE: Deine Eltern haben ja wahrscheinlich auch den "Held" im Regal stehen. Was sagen die denn?

Flix: Ich habe mich erst gar nicht getraut, ihnen das zu schicken. Gerade meiner Mutter, weil sie meiner Meinung nach nicht so gut weg kommt im Comic. Da habe ich gedacht, sie sind beide bestimmt traurig. Am Ende waren sie sehr, sehr gerührt und meinten, es würde ihren Horizont ein Stück erweitern zu sehen, wie ich bestimmte Sachen damals erlebt habe. Dass sie das für sich als Bereicherung erfunden haben, fand ich sehr schön.

Das Interview führte Stefan Pannor

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