Interview mit Uwe Wesel "Der alte Pomp ist lächerlich"

Die FU Berlin findet Geschmack an akademischem Pomp, der neue Präsident führt die Amtskette wieder spazieren. Davon hält der Jurist Uwe Wesel, ehemalige Vizepräsident, wenig. Im Gespräch mit UniSPIEGEL ONLINE erinnert er an die Studentenproteste der sechziger Jahre.


UniSPIEGEL ONLINE:

Herr Wesel, als Vize-Präsident der Berliner FU haben sie 1969 die Amtskette samt Talar ins Museum verbannt. Jetzt wurde dem neuen Präsidenten Dieter Lenzen bei einer feierlichen Amtseinführung die Kette wieder übergeben. Was halten Sie davon?

Uwe Wesel: Hat die Amtskette im Archiv versenkt
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Uwe Wesel: Hat die Amtskette im Archiv versenkt

Uwe Wesel: Wir haben das 1969 im Zuge der großen Hochschulreform abgeschafft. Denn da wurde die alte Ordinarienuniversität von den Gruppenuniversitäten ersetzt, die wir bis heute haben. Die Unis wurden völlig neu organisiert, sowohl was den Aufbau der Fachbereiche angeht als auch in ihrer Form der demokratischen Mitbestimmung. Da passte das einfach nicht mehr. Und das gilt bis heute.

UniSPIEGEL ONLINE: Trotzdem will die FU diese Tradition jetzt wieder aufleben lassen.

Wesel: Das ist einfach Quatsch. Das wäre ein Anknüpfen an Traditionen, die es so schon lange nicht mehr gibt. Die gesamte Hochschulorganisation hat sich mit der Reform verändert. Es gibt keine Ordinarien mehr, keinen Rektor, und wir haben damals sogar den ersten Präsidenten gewählt, der nicht promoviert war. Die Amtskette gehört zur alten Ordinarienuniversität, sie ist wirklich der Muff von 1000 Jahren. Wer sie jetzt wieder herausholt, betreibt Etikettenschwindel.

UniSPIEGEL ONLINE: Warum dann die Rückbesinnung auf die überholten Symbole?

Wesel: Ich glaube, viele Kollegen haben keine Ahnung vom Hochschulrecht. Dazu kommt, dass die Reform von 1969 eine soziale Deklassierung von Professoren bedeutet hat, die ständig fortgesetzt wird. Das versuchen sie auszugleichen, indem sie auf alten Pomp und alte Symbolik setzen - was lächerlich ist.

UniSPIEGEL ONLINE: Haben heute nicht auch Studenten das Bedürfnis nach mehr Tradition?

Wesel: Ja, und das durchaus berechtigt. Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass es beispielsweise Examensfeiern oder Fachbereichstage gibt. Denn Studenten und Professoren müssen miteinander ins Gespräch kommen. Aber man muss neue Formen dafür finden. Wir haben nun mal keine ungebrochenen Traditionen wie etwa die angelsächsischen Universitäten. Oder die Universitäten in Heidelberg oder Tübingen, die bis ins 14. Jahrhundert reichen. Da würde ich eine solch feierliche Amtseinführung sogar noch verstehen.

UniSPIEGEL ONLINE: Befürchten Sie, dass die Professoren der FU sich nach der Amtskette auch wieder an die Talare erinnern?

Wesel: Das traue ich denen auch noch zu, dass sie die wieder herausholen.

Das Interview führte Susanne Amann



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