Interview Von der Bea-Aktie zur Keksbank

Geht das Geld aus, braucht man gute Ideen. Beate Westphal hatte eine: Vor einigen Jahren gab sie "Bea-Aktien" aus und finanzierte damit ihr Studium. Inzwischen ist sie selbstständig und will jungen Leuten bei der Berufsfindung helfen. Im Interview erzählt die 34-jährige Berlinerin, was die "Deutsche Keksbank" damit zu tun hat.


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: In der DDR waren Sie Leistungssportlerin und haben dann an der FU Berlin studiert. Wie kamen Sie darauf, 1995 die "Bea Aktiengesellschaft - Butterfly Company" zu gründen und Aktien für Ihre Karriere auszugeben?

Selbstgemachte Aktien statt Bafög: Bea Westphal

Selbstgemachte Aktien statt Bafög: Bea Westphal

Beate Westphal: Ich hatte mir damals vorgenommen, mein Doppelstudium der Wirtschaftswissenschaft und des Kultur- und Medienmanagements in genau 1000 Tagen zu beenden. Die ersten vier Studienjahre hatte ich über Nebenjobs finanziert. Da habe ich überlegt, was Unternehmen in der gleichen Situation tun würden, wenn sie ein schönes Ziel haben, aber die liquiden Mittel noch fehlen: Sie würden Aktien herausbringen! Also habe ich eine Aktiengesellschaft gegründet, aber nur zum Spaß, keine richtige Rechtsform. Ich habe alles wie eine AG gemacht, und die Leute haben sozusagen mitgespielt.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat die Bea-Aktien gekauft?

Westphal: Bekannte, die immer wieder fragten: Wie weit bist du mit dem Studium? Da dachte ich, dass von denen bestimmt einige mitmachen. In der Tat fanden sie die Idee toll. Sie kannten die Regeln, wie ihr Geld verwendet und zurückgegeben wird, das stand in der Satzung der AG und im 1000-Tages-Plan. 40 Leute haben zwischen 50 DM und 10.000 DM eingezahlt. Die Gesamtsumme war 50.000 DM.

SPIEGEL ONLINE: Was geschah nach dem Studium mit der AG?

Westphal: Dann hieß es erstmal: Geld verdienen, um das Geld zurückzuzahlen - ähnlich wie beim Bafög. Ich habe mich als Fundraising-Beraterin mit dem Schwerpunkt Bildung und Kultur selbstständig gemacht, Projekte organisiert und Sponsoren gesucht. Dabei habe ich meinen Investoren das Geld peu à peu zurückgezahlt oder abgearbeitet oder aber andere Lösungen gefunden, wie wir das nachher abrechnen. Das war sehr individuell. Für manche "Aktionäre" habe ich zum Beispiel kostenlos Events organisiert.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Bea-AG schon abgewickelt?

Westphal: Viele wollten ihre Anteile behalten und haben gesagt, ich soll das Geld in meine späteren Projekte stecken. Die Bea-AG ist jetzt eher ein Freundeskreis, die Leute bekommen regelmäßig einen Infobrief von mir.

SPIEGEL ONLINE: Und was machen Sie heute?

50, 250 oder 500 DM kosteten die Bea-Aktien: Das Logo ist eine kleine grüne Raupe, hungrig nach Wissen und Ideen

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Westphal: Seit 2001 produziere ich feines Buttergebäck, das ich an Berliner Unternehmen für ihre Konferenztische verkaufe. Mir geht es aber nicht um die Kekse an sich, sondern um ein Ziel. Mein Herz schlägt für junge Menschen, die herausfinden wollen, in welchem Beruf sie 30 oder 40 Jahre lang glücklich sein können. Dafür gibt es besondere Trainings, aber das braucht Kapital. Damit sind wir wieder beim Fundraising.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Westphal: Man braucht für das Fundraising oft ein greifbares Etwas. Dann kann man erklären: Ich mache das, um meine Berufsberatung zu finanzieren. Der Aufhänger ist der Keks, den kann man sogar schmecken. Ich nenne das "Deutsche Keksbank Berlin". Mit dem Geld von den verkauften Keksen werden die Trainings finanziert und Darlehen vergeben.

SPIEGEL ONLINE: Wer bekommt ein Keksbank-Darlehen?

Westphal: Manchmal können sich junge Menschen die 240 Euro für das Training nicht leisten. Oder jemand hat seinen Traumjob bereits entdeckt, muss aber sechs Monate warten, bevor er die Stelle antreten kann. In dieser Zeit ist es meist klüger, noch etwas zu lernen, zum Beispiel eine Fremdsprache, statt sie mit einem Gelegenheitsjob zu überbrücken. Wer keine Ansprüche auf Arbeitslosengeld hat, muss von irgendetwas leben und den Kurs bezahlen. Da geben wir eben ein Darlehen.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Höhe?

Westphal: Das hängt vom Einzelfall ab: Wie viel kostet der Kurs, wie hoch sind die Lebenshaltungskosten? Die Jugendlichen können die Summe ähnlich wie Bafög später zurückzahlen - oder aber bei der Keksbank eintauschen gegen zu backende Kekse. Man kann sich also an den Herd stellen und das Darlehen "abbacken".

SPIEGEL ONLINE: Aha, ähnlich wie bei der Bea-AG?

Westphal: Ja, das durfte ich damals selber erfahren: dieses Netzwerk an Menschen, die es gut mit einem meinen, interessiert sind, einem zuhören und Vertrauen schenken. Das gibt sehr viel Kraft.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst viele Berufe erlernt oder ausgeübt: Sportlerin, Trainerin, Lehrerin, Medienmanagerin, Fundraiserin, Bäckerin... Interessiert Sie deshalb Berufsberatung?

Westphal: Ganz ursprünglich wollte ich ja Chirurgin werden - Herzchirurgin. Was ich jetzt mache, nämlich Beratung für die Berufswahl, kommt dem sehr nah: Wenn ein Mensch seinen Traumjob gefunden hat und mit dem Herzen bei der Sache ist, dann ist das ein sehr glückliches und gesundes Herz.

Das Interview führte Matilda Jordanova-Duda



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