Interview zu Schavans Titelentzug "Schusseligkeit ist hinnehmbar, Täuschung nicht"

Schavans Titel ist weg - oder? Im Interview erklärt Wolfgang Löwer, Promotionsexperte der Uni Bonn, warum Schavan sich mindestens noch ein paar Wochen Doktor nennen kann und warum die Klage der Ministerin gegen den Titelentzug kaum Aussicht auf Erfolg haben wird.
Jurist Löwer: "Fast überall hat Zeit heilende Kraft"

Jurist Löwer: "Fast überall hat Zeit heilende Kraft"

Foto: Volker Lannert/Uni Bonn

SPIEGEL ONLINE: Annette Schavan, ist zu lesen, steht nach der Entscheidung des Rats der philosophischen Fakultät nur noch als einfache Abiturientin da, weil ihre Promotion ihr einziger akademischer Abschluss ist. Ist der Titel der Ministerin jetzt schon weg?

Löwer: Nein, die Klage, die Schavans Anwälte anstrengen wollen, hat aufschiebende Wirkung, die Aberkennung kann also nicht als vollzogen gelten. Damit ist die Ministerin noch Dr. Schavan.

SPIEGEL ONLINE: Hat Schavan vor dem Verwaltungsgericht eine Chance, ihren Grad zu retten?

Löwer: Bislang kenne ich kein Verfahren, bei dem ein Verwaltungsgericht die Entscheidung einer Fakultät beanstandet hätte. Also statistisch gesehen sind die Erfolgsaussichten gering. Man muss sich ganz allgemein darüber klar sein, dass etwa 90 Prozent der Verwaltungsgerichtsklagen abgewiesen werden.

SPIEGEL ONLINE: War das harsche Urteil der Universität Düsseldorf über Schavans 33 Jahre alte Doktorarbeit richtig?

Löwer: Ich kenne die Arbeit nicht so gut wie die Düsseldorfer Ratsmitglieder, darum erlaube ich mir kein Urteil. Bei der Begründung des Dekans hatte ich allerdings den Eindruck, dass die Fakultät von einer großen Zahl an Unstimmigkeiten ausgeht. Trotzdem geht eine Vielzahl von Beobachtern davon aus, dass der Entzug ein Fehler sei.

SPIEGEL ONLINE: Und, ist er es?

Löwer: Es war eindeutig, dass der Dekan von einer großen Zahl von Ungenauigkeiten spricht. Vorher war nur von einem Häufungspunkt an Fehlern die Rede, jetzt sollen diese Fehler über die ganze Arbeit verstreut sein. Dann kann eine Hochschule so entscheiden wie die Uni Düsseldorf.

SPIEGEL ONLINE: Ist es überhaupt vorstellbar, einerseits Plagiate zu attestieren und auf der anderen Seite den Titel nicht zu entziehen?

Löwer: Es wird immer vom Plagiat geredet, das ist aber kein Rechtsbegriff. Der springende Punkt ist die Versicherung des Doktoranden, dass man alle Quellen benannt hat und dass Übernahmen hinreichend kenntlich sind. Die Universität prüft dann, ob diese Versicherung verletzt worden ist und warum. Es kann dafür hinnehmbare Gründe geben, etwa Schusseligkeit oder Fahrlässigkeit. Es kann aber auch vorsätzlich geschehen, dann bin ich bei der Täuschung und die ist nicht entschuldbar.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben schon früher dafür plädiert, dass auch eine akademische Täuschung irgendwann verjähren können soll.

Löwer: Fast überall hat Zeit heilende Kraft, nur und ausgerechnet bei der Täuschung nicht. Die vielbeschworene eidesstattliche Versicherung als wesentliche Prävention gegen Schwindelei in der Wissenschaft ist schon nach fünf Jahren juristisch nichts mehr wert. Die Täuschung jedoch verjährt nie.

SPIEGEL ONLINE: Wäre Nachsicht im Fall Schavan also angesagt?

Löwer: Der Faktor Zeit spielt eine Rolle, das hat auch das Verwaltungsgericht Köln beim Fall Chatzimarkakis so gesehen, die Aberkennung dann aber trotzdem bestätigt. Wie den Erwägungen des Dekans zu entnehmen war, hat die Universität im Fall Schavan das lange Zurückliegen und das Interesse der Wissenschaft an der eigenen Integrität abgewogen und sich für die Integrität entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Muss Schavan wegen ihres eigenen Integritätsverlusts jetzt zurücktreten?

Löwer: Der Ministerin Schavan würde eine Verjährung nicht helfen. Wenn ihnen als Politikerin fehlende Integrität nachgewiesen wird, geht es um die Glaubwürdigkeit einer Führungsperson im demokratischen Gemeinwesen. Freilich kann die Community wie bei Joschka Fischer entscheiden, dass Steinewerfen vor ein paar Jahrzehnten verzeihlich ist. So muss sie aber nicht reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Schavans Unterstützer haben angeführt, dass Anfang der achtziger Jahre anders wissenschaftlich gearbeitet wurde als heute. Stimmt das?

Löwer: Die heute gültigen Regeln gibt es spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts, die Zitierregeln waren 1980 nicht anders. Ob es redlich ist, dass ein Satz aus der Sekundärliteratur ohne erneute Quellennennung übernommen wurde, der schon anderswo zitiert ist, darüber kann man im Einzelnen nachgrübeln. Wenn aber von einer Vielzahl von Fällen die Rede ist, liegt der Fall sehr klar.

SPIEGEL ONLINE: Früher gab es die Schreibmaschine, da war alles schrecklich kompliziert. Arbeitet es sich heute einfacher?

Löwer: Die Zitierregeln sind unabhängig davon, in welcher Arbeitsweise die Texte produziert wurden. Unter dem Eindruck der Plagiatsdiskussion gibt es andere Sorgen als früher. Doktoranden fragen: Ab wie vielen übernommenen Wörtern des Bundesverfassungsgerichts muss ich Anführungszeichen setzen. Bestimmte Kleinteiligkeiten der Plagiatsdiskussion verwirren junge Doktoranden.

SPIEGEL ONLINE: Bislang entscheiden die Universitäten über die Aberkennung von Doktorgraden entsprechend ihrer eigenen Prüfungsordnung. Braucht es einheitliche Regeln für den Umgang mit Promotionen?

Löwer: Wir haben allgemeingültige Regeln. Technisch gesprochen ist eine Promotion ein begünstigender Verwaltungsakt, der zurückgenommen werden kann. Und es gibt Regeln, wie eine Arbeit auszusehen und wie man zu zitieren hat.

SPIEGEL ONLINE: Es hieß aus Politik und Wissenschaft, die Uni hätte externen Sachverstand hinzuziehen müssen, es werde nur nach einem Vier-Augen-Prinzip entschieden.

Löwer: Nirgends steht, dass eine Behörde Sachverständige hinzuziehen muss, wenn sie selbst das nötige Sachwissen hat. Die Forderung nach weiteren Gutachten ist fernliegend, die Sachverhaltsanalyse nimmt die zuständige Behörde, die Universität, vor. Und zum Vier-Augen-Prinzip: An der Universität Düsseldorf haben 16 Einzelpersonen entschieden, damit haben 32 Augen auf die Arbeit geschaut.

Das Interview führte Christoph Titz

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