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22. April 2005, 10:04 Uhr

Interview zu Elite-Unis

"Mit dieser Kleinkariertheit kommen wir nicht weiter"

Milliarden sollen in die deutsche Spitzenforschung fließen, doch Hessens Ministerpräsident Roland Koch mauert. Die Uni Heidelberg zählt zum engsten Favoritenkreis für die "Eliteförderung". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview macht Rektor Peter Hommelhoff seinem Ärger über das Gerangel zwischen Bund und Ländern Luft.

SPIEGEL ONLINE:

Sollten sich Bund und Länder bei der Exzellenzinitiative einigen, hat die Heidelberger Universität gute Chancen, Geld zu bekommen. Gibt es bereits Pläne, was Sie damit machen wollen?

Rektor Hommelhoff: "Da kann man schon in Depressionen verfallen"

Rektor Hommelhoff: "Da kann man schon in Depressionen verfallen"

Peter Hommelhoff: Wir haben schon insgesamt 80 Projektideen und warten eigentlich nur noch auf das "Go". Sobald der Startschuss kommt, werden wir diese ausarbeiten. Der Aufruf zur Exzellenz im vergangenen Jahr hat bei uns Aufbruchstimmung ausgelöst. Wir stehen seitdem mit angespannten Muskeln in den Startblöcken, aber es geht nicht los. Das ist auch für die Wissenschaftler demotivierend und von der Politik unverantwortlich. Mit dieser Kleinkariertheit, die sich da im Moment breit macht, kommen wir nicht weiter. Wir haben zurzeit alle denkbaren Chancen, in der Welt aufzurücken. Wir müssen sie nur nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Insgesamt 1,9 Milliarden Euro sollen für die Spitzenforschung bereitstehen, doch nach Intervention von Roland Koch wurde die Entscheidung letzte Woche abermals vertagt. Was steckt aus Ihrer Sicht dahinter?

Hommelhoff: Die Grundsatzfrage, um die es geht, scheint ein reines Luftgespinst zu sein. Hier geht es nicht um Wissenschaft, sondern allein um die Kompetenzen von Bund und Ländern. Dabei hat das Bundesverfassungsgericht den Ländern schon in zwei Urteilen, bei Juniorprofessuren und Studiengebühren, klare Kompetenzen zugesprochen. Das ist doch schon alles ganz wesentlich zugunsten der Länder entschieden. Und trotzdem geht es jetzt wieder um die Frage nach noch mehr Kompetenzen. Da frage ich mich wirklich, was das soll.

SPIEGEL ONLINE: Ist es für das Land Hessen nicht legitim, die Föderalismusreform höher zu bewerten als ein neues Projekt zur Forschungsförderung?

"In den Startblöcken": Uni Heidelberg
DDP

"In den Startblöcken": Uni Heidelberg

Hommelhoff: Diese Verknüpfung halte ich für falsch, denn auch ohne Präjudiz für die Föderalismusreform kann die Frage beantwortet werden, wie das Wissenschaftsland Deutschland wieder den Weltanschluss gewinnen kann. Da sind wir auf die Kooperation von Bund und Ländern angewiesen. In Deutschland gibt es eine strukturelle Besonderheit, denn wir haben universitäre und außeruniversitäre Forschungsexzellenzen. Die außeruniversitären sind vom Bund bestimmt, etwa die Max-Planck-Institute oder auch die Helmholtz-Einrichtungen. Bei den Hochschulen entscheiden die Länder. Dass die Forschung so geteilt ist, ist im internationalen Vergleich ein Nachteil, weil wir so unsere Forschungsressourcen nicht kompakt einsetzen können. Das kann man nur dadurch ausgleichen, dass Bund und Länder intelligent kooperieren.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich der Knoten überhaupt lösen?

Hommelhoff: Nach meiner festen Überzeugung: ja - mit Augenmaß und dem starken Willen, einen vernünftigen Kompromiss zustande zu bringen. Die Handlungsweise des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch dagegen halte ich für eine doktrinäre Überspitzung. Er verkennt die Situation in der deutschen Wissenschaftslandschaft ganz einfach. Kochs Verhalten hat mit Wissenschaft nichts mehr zu tun - das sind rein politische Karten, die da gespielt werden. Man stellt sich schon die Frage, ob die deutsche Wissenschaft wirklich von einem einzigen Politiker abhängen darf. Die Exzellenzförderung ist jetzt erst einmal an ihm vorläufig gescheitert und an den Regierungschefs, die sich von ihm haben beeinflussen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen die Hochschulen damit um?

Hält die Länderfahne hoch: Roland Koch
DPA

Hält die Länderfahne hoch: Roland Koch

Hommelhoff: Ich bin zutiefst enttäuscht. Und nachvollziehen kann ich das nicht. Roland Koch hat doch auch in Hessen mindestens zwei Hochschulen, die große Chancen haben, in die Spitzengruppe zu gelangen: die Universität Frankfurt und die TU Darmstadt. Ich möchte zurzeit wirklich nicht in der Haut meiner Kollegen stecken, die ihren Wissenschaftlern jetzt erklären müssen, dass der eigene Landesvater ihnen die Hände bindet. Da kann man schon in Depressionen verfallen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, die Exzellenzinitiative hat noch eine Chance?

Hommelhoff: Noch ist es nicht zu Ende. Ich setze darauf, dass der Föderalismus sich nicht zerstörerisch auswirkt, sondern konstruktiv entfaltet. Wir brauchen auch in der hohen Politik den Ehrgeiz, dass die Hochschulen in Deutschland auch international mitspielen können. Wenn uns das nicht gelingt, hat das auch Auswirkungen auf unser internationales Standing. Dann fragen sich unsere amerikanischen und chinesischen Kollegen, ob wir überhaupt die richtigen Partner sind. Da könnten Folgen drohen, die sich politisch zu Katastrophen auswachsen.

Das Interview führte Britta Mersch

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