Interview zu menschlichen Schutzschilden "Ich würde wieder fahren"

Maik Neudorf, 25, war einer von sechs Berlinern, die sich am 12. März nach Bagdad aufgemacht hatten, um als "menschliche Schutzschilde" die Iraker Bürger zu unterstützen. Schon knapp eine Woche später war der Student von der Friedensinitiative "Last Minute to Bagdad" wieder zurück - und zieht eine nüchterne Bilanz der Protestaktion.


UniSPIEGEL ONLINE:

Herr Neudorf, was machen Sie, wenn Sie nicht als menschliches Schutzschild unterwegs sind?

Seit Monaten in Bagdad im Einsatz: Friedensaktivisten als "human shields"
AP

Seit Monaten in Bagdad im Einsatz: Friedensaktivisten als "human shields"

Maik Neudorf: Ich studiere Sozialwissenschaften an der Humbold-Universität in Berlin und bin dort auch im Anti-Kriegs-Komitee aktiv.

UniSPIEGEL ONLINE: Und wie sieht Ihre Arbeit im Komitee aus?

Neudorf: Wir haben viele Aktionen durchgeführt, durchgehend Demonstrationen organisiert, Flyer verteilt und bei Infoveranstaltungen versucht, die Leute zum Mitmachen zu bewegen. Wir haben uns auch an den Schülerstreiks in Berlin beteiligt und werden auch weiterhin Montagsdemos organisieren. Es gibt noch viel zu tun.

UniSPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie dazu, sich auf diese Art und Weise zu engagieren?

Neudorf: Politik hat mich schon immer interessiert. Früher ging ich auf die Demonstrationen zum 1. Mai. Während meines Studiums ist das Interesse weiter gewachsen und so auch das Engagement. So kam ich zum Anti-Kriegs-Komitee.

UniSPIEGEL ONLINE: Vor gut einer Woche sind Sie dann mit großen Erwartungen in den Irak gefahren. Jetzt, da Sie zurück sind, ist die Enttäuschung groß, oder?

Neudorf: Unser Ziel war es ja, möglichst viele Leute zu mobilisieren, um in Bagdad humanitäre Einrichtungen zu beschützen. Wir mussten dann aber einsehen, dass wir zu spät dran waren. Wir hätten schon Ende letzten Jahres anfangen müssen, Tausende zu mobilisieren. Der Krieg war nicht mehr zu verhindern. Viele Botschaften bereiteten sich schon auf die Abreise vor.

UniSPIEGEL ONLINE: War die Reise gefährlich?

Neudorf: Es ging ja nicht nur um die Bombardements. Es herrschte auch die akute Gefahr, dass die fundamentalistischen Schiiten ganze Stadtteile Bagdads besetzen, und diese Leute sind nicht nur anti-amerikanisch, sondern anti-westlich eingestellt. Man hat uns gewarnt, dass die Schiiten uns wirklich umbringen könnten. Auf der anderen Seite spielten aber die Kinder weiter Fußball, der Verkehr rollte, und die Menschen waren erschreckend gefasst und ruhig: Sie hätten den letzten Krieg überstanden und würden auch diesen überstehen.

UniSPIEGEL ONLINE: Glauben Sie nach dieser Erfahrung noch immer, dass sich solche Aktionen lohnen?

Neudorf: Ich bin immer noch von der Idee überzeugt, allerdings nur unter der Bedingung, dass viel mehr Menschen mitfahren. Zu dem Zeitpunkt, als die Verhandlungen darüber, wo wir eingesetzt werden sollten, scheiterten, waren etwa 400 Menschen dort. Über die Hälfte ist abgereist, weil wir nicht nur humanitäre Einrichtungen bewachen sollten. Man kann nur mit einer viel größeren Masse politischen Druck auf ein diktatorisches Regime ausüben, um dann Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser zu beschützen.

Homepage der Friedensinitiative: "Der Krieg war nicht mehr zu verhindern"

Homepage der Friedensinitiative: "Der Krieg war nicht mehr zu verhindern"

UniSPIEGEL ONLINE: Zwei Freunde von Ihnen sind trotz Krieg im Irak geblieben. Warum?

Neudorf: Sie denken, dass man gerade jetzt im Krieg dort bleiben muss, um die Bevölkerung zu unterstützen. Reinhold Wassmann ist zur Zeit in einem Krankenhaus, und Fred Klinger leistet als Theologe geistlichen Beistand. Natürlich wollen beide nicht sterben. Sie hoffen, dass sie gesund von dort wiederkommen.

UniSPIEGEL ONLINE: Haben Sie Kontakt zu den beiden?

Neudorf: Wir haben per E-Mail und Telefon Kontakt. Sie berichten, dass es in Bagdad kein Trinkwasser mehr zu kaufen gibt, dass die Hotels jetzt sehr teuer sind und dass die Stimmung sich geändert hat. Am Samstag vor einer Woche waren alle noch freundlich, jetzt sind alle sehr besorgt.

UniSPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie für sich beschlossen, Bagdad zu verlassen?

Neudorf: Wir wollten das vor Ort entscheiden und uns dann untereinander austauschen. Geplant war, mit den UNO-Inspektoren und den Botschaftern das Land zu verlassen. Trotzdem ist mir der Entschluss dann sehr schwer gefallen. Es gab kaum zerbombte Häuser in Bagdad, und auf den Krankenstationen lagen lauter Neugeborene. Ich dachte schon, dass es wichtig wäre, dort zu bleiben und das eigene Leben zu riskieren.

UniSPIEGEL ONLINE: Würden Sie wieder fahren, wenn sich die Gelegenheit bieten würde?

Neudorf: Wenn in Nordkorea oder im Iran Krieg ausbrechen würde, würde ich wieder eine Initiative starten. Diesmal aber früher.

Das Interview führte Katrin Gröschel

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