Interview zum Kopftuch-Streit "Wir müssen Tabus brechen"

"Musliminnen, legt das Kopftuch ab", forderte die Grüne Ekin Deligöz - und erhielt prompt Hass-Mails und Morddrohungen. Im Interview spricht sie über muslimische Studentinnen, einen aufgeklärten Islam und die Debatte um das Kopftuch.


"Frauen, legt das Kopftuch ab"!, forderte die Grünen-Politikerin <b>Ekin Deligöz</b>, 35, im Oktober 2006. Seither lebt sie unter Polizeischutz - Islamisten schickten Morddrohungen. Die nach eigenen Angaben gläubige Muslimin wurde in der Türkei geboren und kam im Alter von acht Jahren nach Deutschland. In Konstanz studierte sie Verwaltungswissenschaften; 1998 zog sie in den Bundestag ein.
AP

"Frauen, legt das Kopftuch ab"!, forderte die Grünen-Politikerin <b>Ekin Deligöz</b>, 35, im Oktober 2006. Seither lebt sie unter Polizeischutz - Islamisten schickten Morddrohungen. Die nach eigenen Angaben gläubige Muslimin wurde in der Türkei geboren und kam im Alter von acht Jahren nach Deutschland. In Konstanz studierte sie Verwaltungswissenschaften; 1998 zog sie in den Bundestag ein.

UniSPIEGEL: Frau Deligöz, warum wollen Sie muslimischen Frauen vorschreiben, wie sie sich zu kleiden haben?

Deligöz: Ich kann und will niemandem vorschreiben, wie er oder sie sich anzuziehen hat, aber ich kann eine Meinung dazu haben. Und beim Kopftuch steht für mich fest, dass es ein politisches Symbol ist, das ich ablehne. Es steht für eine bestimmte Haltung, die den Frauen eine bestimmte Rolle zuweist und auch politisch instrumentalisiert wird. Dagegen verwahre ich mich - gerade als Muslimin, weil ich nicht nur für mich das Kopftuch ablehne, sondern auch die Symbolik, die dahintersteckt.

UniSPIEGEL: Aber die Frauen, die das Kopftuch tragen, sagen, es sei für sie ein religiöses Symbol.

Deligöz: Der Umkehrschluss darf aber nicht sein, dass diejenigen, die das Kopftuch nicht tragen, schlechte Musliminnen sind. Und diese Freiheit zu sagen, ich bin keine schlechte Muslimin und auch gläubig, wenn ich kein Kopftuch trage, gehört für mich zu einem aufgeklärten europäischen Islam dazu, für den ich stehe. Außerdem fordere ich kein Verbot, sondern möchte die Debatte über die Kopftuch-Frage voranbringen. Das muss möglich sein, das muss die Gegenseite ertragen können - sie kann ja auch argumentieren.

UniSPIEGEL: Eine Studentin, die - zum Beispiel - Staatsanwältin werden will, und das mit Kopftuch, wird sich kaum Vorschriften machen lassen.

Deligöz: Sie sprechen von Frauen mit einer akademischen Ausbildung, die ein Kopftuch tragen. Es handelt sich um eine sehr, sehr kleine Minderheit, weil der Anteil an Akademikerinnen, wenn ich jetzt mal die türkischen Migranten nehme, gering ist. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung bestätigt, dass immer mehr akademische Frauen aus ihrem Glauben heraus ihr Kopftuch tragen. Das klingt zunächst einmal gut. Dort steht aber auch, dass mehr als zehn Prozent der akademisch ausgebildeten Musliminnen einen Gottesstaat für richtig halten. Das ist mit der Verfassung nicht vereinbar - und dann ist es gut und richtig, so etwas offen zu thematisieren.

UniSPIEGEL: Sie haben das getan - und erhielten Morddrohungen. Wie sieht es denn mit der politischen Unterstützung hierzulande für Sie aus?

Deligöz: Ich habe breite Unterstützung erfahren von allen möglichen Seiten. Es geht darum, den Diskurs weiterzubringen: Wenn Migranten mit der Mehrheit der Gesellschaft zusammenwachsen wollen, dann müssen wir auch Tabus brechen und über Tabus reden.

UniSPIEGEL: Bekommen Sie auch Unterstützung von Muslimen?

Deligöz: Ja, sehr viel. Es gibt viele aufgeklärte Frauen, die nicht nur das Kopftuch ablehnen, sondern die damit verknüpften patriarchalischen Gesellschaftsformen. Das Kopftuch wird als Instrument eingesetzt. Und die wenigsten Frauen tragen es wohl vollkommen freiwillig. Wenn sie das tun könnten, dann wären wir schon einen Schritt weiter.

UniSPIEGEL: Es gibt mehrere muslimische Dachverbände. Haben Sie von denen Unterstützung bekommen?

Deligöz: Alle Verbände haben sich hinter mich gestellt, als es darum ging, sich von Gewaltdrohungen abzuwenden. In der Sache selber gibt es da natürlich intensive Debatten.

UniSPIEGEL: Sie sprachen vorhin von einem aufgeklärten Islam, den Sie befürworten. Wer ist da an Ihrer Seite?

Deligöz: Unterscheiden Sie zwischen den Menschen, die in Verbänden und Vereinen organisiert sind, und den Menschen, die es nicht sind. Die Masse der Migranten hier in diesem Land ist eben nicht in diesen Verbänden und Vereinen organisiert, sondern sie leben längst das, worüber wir reden - einen aufgeklärten Islam, der mit universellen Menschenrechten im Einklang ist und der die deutsche Verfassung akzeptiert hat.

Das Interview führte Per Hinrichs



© UniSPIEGEL 1/2007
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