Interview zum Zahlensprech Zwanzigeins statt einundzwanzig

Die Deutschen sollen in Zukunft ihre Zahlen streng von links nach rechts aussprechen, fordert Mathematikprofessor Lothar Gerritzen. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Bochumer Zahlenverdreher über das dekadische Stellwertsystem, Kopfrechnen in der Schule und die komplizierten Franzosen.

SPIEGEL ONLINE:

Was stört Sie an der Art, wie wir in Deutschland zählen?

Lothar Gerritzen: Sie ist unlogisch. Wir lesen normalerweise von links nach rechts. Wenn wir an eine Zahl wie die 364 geraten, dann lesen wir zuerst die 3, dann die 4 und müssen schließlich die 6 von rechts aus lesen. Dadurch können Missverständnisse auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Man kann doch einfach die Ziffern aussprechen und etwa bei 64 "sechs vier" sagen.

Gerritzen: Das ist natürlich möglich. Manchmal muss aber der Charakter der Zahl gewahrt werden, etwa wenn es um eine Zahl als Größenordnung geht.

SPIEGEL ONLINE: Und das leistet die gültige Zählweise nicht?

Gerritzen: Nein. Wir verwenden ein dekadisches Stellwertsystem, das heißt, es werden Ziffern nebeneinander geschrieben und je nach ihrer Position hat die Ziffer einen gewissen Wert. Dieses System wird aber zerstört, wenn man die Reihenfolge bei der Aussprache umstellt.

SPIEGEL ONLINE: So schlimm kann unsere Zahlensprechweise nicht sein. Schließlich haben Generationen von Kindern damit das Rechnen erlernt.

Gerritzen: Lehrer haben mir aber berichtet, dass es Kinder gibt, die diese Ziffernumstellung nicht beherrschen. Sie können im Deutschen nicht Kopfrechnen, im Englischen schon. Das Rechnen könnte also wesentlich einfacher werden. Und denken Sie einmal an die Ausländer in Deutschland. Für die meisten sind die deutschen Zahlen ein großes Problem. In Zeiten der Globalisierung und der europäischen Einigung sollten wir uns an eine Sprechstruktur anpassen, die international üblich ist.

SPIEGEL ONLINE: Nicht alle unsere Nachbarn sprechen von links nach rechts. Und manche machen es noch komplizierter: Die Franzosen sagen beispielsweise für 79 "Soixante-dix-neuf", also "Sechzig zehn neun".

Gerritzen: Das stimmt. Auch die Niederländer und die Dänen sprechen ihre Zahlen wie wir aus. Aber es gibt Bestrebungen, das zu ändern. In einigen französischsprachigen Teilen Belgiens und der Schweiz ist man schon recht weit fortgeschritten. Da sagt man für 80 "octante" und für neunzig "nonante".

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie den Menschen wirklich vorschreiben, wie sie Zahlen aussprechen?

Gerritzen: Wir wollen ja nicht, dass die traditionelle Sprechweise abgeschafft wird. Es soll nur möglich sein, beide Sprechweisen nebeneinander zu verwenden.

SPIEGEL ONLINE: Führt das nicht zu zusätzlichen Missverständnissen?

Gerritzen: Das könnte man annehmen. Es gibt aber Erfahrungen aus dem Tschechischen, die dagegen sprechen. Obwohl dort beide Sprechweisen angewandt werden, gibt es keine Berichte über Probleme. Man sollte sich aber schon je nach Kontext für die eine oder die andere Sprechweise entscheiden. In Schulen, Universitäten oder am Arbeitsplatz sollte man die Zahlen unverdreht sprechen, weil es dort wichtig ist, dass keine Missverständnisse auftreten. Im privaten Bereich ist vielleicht eher die traditionelle Sprechweise angebracht.


SPIEGEL ONLINE: Wie würden sie denn die Zahlen 11 bis 19 aussprechen? Ist 11 dann "zehneins" oder "zigeins"?

Gerritzen: Aus meiner Sicht wäre es vernünftig, auch die elf als "zehneins" auszusprechen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Ordnungszahlen? Wäre der Sommeranfang in Zukunft am zwanzigersten Juni? Oder am zwanzigeinten?

Gerritzen: Für eine genaue Festlegung ist es in solchen Fällen noch zu früh. Aber ich will mir da gerne Gedanken machen, wenn es aktuell wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern, eine reformierte Sprechweise an Schülern auszuprobieren. Wie soll das aussehen?

Gerritzen: In der DDR gab es schon einmal einen längeren Schulversuch mit der unverdrehten Zahlensprechweise, der von Schülern und Lehrern sehr positiv beurteilt wurde. Der Versuch wurde allerdings aus politischen Gründen eingestellt. Man hatte in der DDR einfach kein Interesse daran, mit der Bundesrepublik einen Konflikt dieser Art auszutragen.

SPIEGEL ONLINE: Eltern und Kinder könnten dann über die richtige Zählweise aneinandergeraten, denn die Eltern werden auf dem beharren, was sie gelernt haben.

Gerritzen: Es soll den Kindern ja nicht eingetrichtert werden, dass sie jetzt anders sprechen müssen. Sie sollen nur lernen, dass es eine weitere Variante gibt, die man verwenden kann, wenn keine Fehler passieren dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange würde die Umstellung dauern?

Gerritzen: Man muss davon ausgehen, dass das eine oder zwei Generationen dauert. Aber ich finde, wir sollten einen Anfang machen.

Das Interview führte Kristina Patschull

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