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30. November 2006, 08:46 Uhr

Interview zur Lehre

"Durch Neugier entsteht Spaß"

Studenten einfach nur eineinhalb Stunden vollzutexten, bringt gar nichts, sagt Johannes Wildt. Der Bundesorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik spricht im Interview über Professoren, die eine neue Rolle in der Lehre suchen.

Frage: Muss sich ein Professor, der noch eine traditionelle Vorlesung hält, für seine Didaktik schämen?

Audimax (in Halle): "Ich bin doch kein Showmaster"
DPA

Audimax (in Halle): "Ich bin doch kein Showmaster"

Johannes Wildt: Das kommt darauf an. Auch Vorlesungen können mehr oder weniger gut sein. Sie gehören zur Lehre dazu. Allerdings gibt es in der Didaktik den Trend zur Formel "Shift from Teaching to Learning". Das heißt, ich betrachte alles, was ich in der Lehre tue, aus dem Blickwinkel des Studierenden. Das große Problem ist, dass Vorlesungen häufig weder in Bezug zu dem stehen, was Studierende für ihren Lernprozess brauchen, noch in einem Zusammenhang mit den anderen Lehraufgaben.

Frage: Aber es ist doch von einem Boom der Hochschuldidaktik die Rede. Sind deutsche Professoren immer noch nicht fit darin?

Wildt: Die Nachfrage nach Hochschuldidaktik wächst heute weit über das Häufchen der sowieso Engagierten hinaus. Besonders der Nachwuchs nimmt Weiterbildung und Beratung immer öfter in Anspruch. Allerdings gibt es auch viele, die wenig interessiert sind. Die Nachfrage würde sicherlich steigen, wenn die Güte der Lehre größere Bedeutung für die Karriere besäße.

Frage: Erfordert der Bachelor eine neue Didaktik?

Wildt: Man benötigt eine zweite Welle der Reform, damit aus der Strukturreform des Studiums eine neue Qualität des Lehrens wird. Einiges, was neu ist, könnte helfen: etwa die Betrachtung der gesamten Lerntätigkeiten der Studierenden über die einzelne Lehrveranstaltung hinaus. Auch die Orientierung an Lernergebnissen, insbesondere an Kompetenzen, führt dazu, die Aufmerksamkeit auf das Lernen der Studierenden zu richten. Das erfordert eine Lehre, die nicht nur den Erwerb, sondern auch den Umgang mit dem Wissen zum Thema macht.

Frage: Viele Professoren sagen: "Ich bin doch kein Showmaster."

Wildt: Das wäre auch ein problematisches Rollenverständnis. Trotzdem muss man in der Lehre die Aufmerksamkeitsleistung der Studierenden berücksichtigen. Insofern ist es ein Unding, eine Gruppe anderthalb Stunden vollzutexten, ohne Pause, ohne Methodenwechsel.

Frage: Ist Didaktik-Erfolg überprüfbar?

Wildt: Durchaus. Es gibt ein breites Spektrum von Evaluationsmethoden. Am wirksamsten ist eine gute Beziehung zu den Studierenden, die eine offene Rückmeldung ermöglicht. Der weit verbreitete Einsatz schriftlicher Befragungen erzeugt häufig nur Datengräber. Wenn man solche Erhebungen macht, müssen sie in eine Kommunikationskultur an der Hochschule eingebunden werden.

Frage: Nun lernen Professor neue Didaktik und stehen anschließend wieder in einem Hörsaal vor 400 Studenten. Ist dann alles verloren?

Wildt: Vorlesungen können wie gesagt mehr oder weniger gut sein. Die miserable Ausstattung haben aber nicht die Hochschulen zu verantworten. Man muss da den Ball an die Hochschulpolitik zurückgeben. Allerdings gibt es nicht nur Massenveranstaltungen. Wenn man im Hauptstudium oder bei Spezialmodulen vor fünf Leuten die gleiche Vorlesung hält wie vor 500 Leuten, dann ist mit kleineren Gruppengrößen nichts gewonnen.

Frage: Was wünschen Sie sich von Ihren Kollegen?

Wildt: Die größte Antriebskraft in der Wissenschaft ist die Neugier. Ich würde mir wünschen, dass sich die Neugier auch darauf richtet, wie Studenten lernen und welche Fortschritte sie dabei machen. Durch diese Neugier entsteht Spaß an der Lehre, ohne sie wird die Lehre ein mühseliges Geschäft.

Das Interview führte Frank van Bebber

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