Iraker in New York Flirt mit der Macht

Mit 16 wurde Haider Hamza Teil der Propagandamaschinerie Saddam Husseins. Dann: Übersetzer, TV-Producer, Broadway-Tänzer. Nun ist der Iraker 24 Jahre alt, Fulbright-Stipendiat in New York und findet die Amerikaner "süß in ihrer Naivität" - Porträt eines Grenzgängers.

von Silvia Feist


Haider Hamza wurde in der Schule bei einer Talentsuche für Saddam Husseins Geburtstag entdeckt. Er war 14 Jahre alt und konnte Gitarre spielen. Was er denn am liebsten spiele, fragte man ihn. "Etwas von Abba." Damit war die Chance auf einen Auftritt im Palast vertan.

Doch anderthalb Jahre später kontaktierte ihn das irakische Informationsministerium wegen seiner Englischkenntnisse: "Ich sollte vor ausländischen Besuchern die irakische Jugend repräsentieren", erzählt Hamza. So wurde der Diplomatensohn mit 16 Jahren Mitglied von Saddam Husseins Teenager-Propaganda-Brigade.

Seitdem sind acht Jahre vergangen, aber man könnte meinen, Haider Hamza habe inzwischen mehrere Leben gelebt. Er sitzt auf einem Kissen in seinem New Yorker Einzimmer-Apartment. Über 1,80 Meter groß, Jeans, Turnschuhe, der gestutzte Bart überspielt die Andeutung eines Doppelkinns. Er ist mittlerweile Fulbright-Stipendiat an der Universität "The New School" und an der Columbia University. Junge Akademiker wie er sollen nach dem Willen der Amerikaner den neuen, demokratischen Irak mit aufbauen helfen.

Im Dezember wird er seinen Master in Internationaler Politik machen, Schwerpunkt Globale Sicherheit und Konfliktlösung. Danach muss er eigentlich zurück nach Bagdad. Er bliebe lieber.

"Sprecht mit einem Iraker"

Das US-Studium macht ihn zu Hause verdächtig, als Spion Amerikas. "Todesdrohungen habe ich in den vergangenen Jahren im Irak für weit weniger bekommen", sagt er. Denn aus dem Teenager, der seine Englischkenntnisse im Auftrag Saddams einsetzte, um der Welt einen Irak jenseits von Kurden, Kuwait und Massenvernichtungswaffen zu zeigen, war inzwischen ein Übersetzer für internationale Medien geworden und danach TV-Produzent für den US-Sender ABC.

Er liebt sein Land. Und er liebt New York. Doch als er in der ersten Euphorie nach seiner Ankunft vor knapp zwei Jahren per Instant Messenger genau das verkündete, "Loving New York", blinkten bald wütende Nachrichten auf seinem Rechner. "Ein paar Leute hielten das für unangebracht", erzählt er. Wer wie Haider Hamza ein Grenzgänger zwischen den Kulturen ist, findet sich schnell im Niemandsland wieder.

Ja, er mag die Amerikaner. Auch wenn er manche "wirklich süß in ihrer Naivität" findet. Im vergangenen Jahr bereiste er in sechs Wochen 35 US-Bundesstaaten, vor allem im Mittleren Westen und im Süden. Überall, wo er Station machte, baute er einen Stand mit dem Schild auf: "Talk to an Iraqi" ("Sprecht mit einem Iraker"). Er will das tun, was er schon für Saddam Husseins Regime getan hat: "Der Welt klarmachen, dass Iraker ganz normale Menschen sind".

Am erstaunlichsten fand er auf seiner Amerika-Tour, dass ihm die Leute häufiger etwas über sein Land erzählen wollten, als Fragen zu stellen. "Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, hatten nie gewählt, weder wussten sie, wie das US-Wahlsystem funktioniert, noch hatten sie den Eindruck, dies Wissen sei nötig", sagt er. "Es war ein Amerika in der Endphase eines Imperiums, das ich auf dieser Reise gesehen habe."

Hamza glaubt nicht an den Demokratie-Import

Hamza macht keinen Hehl daraus, dass er den Krieg und die Besatzung durch die Amerikaner im Irak für falsch hält. Der sofortige Truppenabzug sei der einzig richtige Weg. "Das ist, als ob man eine Kugel entfernt", sagt er, "im ersten Moment blutet es mehr, aber nur so kann die Heilung beginnen."

Noch zu Zeiten des Diktators hatte ihm eine Vertraute einmal gesagt, Saddam sei vielleicht nicht der Beste, aber die Alternativen seien schlimmer. Das glaubte er damals. Und heute? "Heute weiß ich, dass die Alternative schlimmer ist", sagt er.

Wenn er sich in Fahrt redet, bricht seine Stimme manchmal, als wäre er wieder ein Teenager. "In den letzten fünf Jahren sind eine Million Iraker getötet worden", rechnet Hamza vor, eine Zahl, mit der er sich an den obersten Schätzungen einer Studie der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität orientiert. Vielleicht wäre es besser gewesen, argumentiert er, den damals 65-jährigen Saddam Hussein die acht, vielleicht zehn Jahre zu ertragen, die er sich noch an der Macht hätte halten können, als solch ein Desaster zu riskieren.

Und die Demokratie? Der Übergang zu einer freien Gesellschaft? Dieses Ziel so hochzuhalten, dass sich damit stets die blutige Besatzung rechtfertigen lässt, entlarve die westliche Hybris, findet er. "Das ist so, als würde ich dir ein phantastisches Auto versprechen, aber zuerst deine Beine abschneiden", sagt er. Bitter deutet er, was der Westen mit dem Irak getan hat: "Wir nehmen euch eure Sicherheit, euer Zuhause, ihr könnt eure Kinder nicht mehr zur Schule schicken, es gibt kein Gesundheitssystem mehr und kein heißes Wasser - aber dafür könnt ihr nun wählen." Hamza glaubt nicht an den Demokratie-Import: "Wandel kann nicht verordnet werden, er muss von innen heraus passieren, sonst führt er ins Chaos."



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