Islam an der Uni Wenn sechs sich streiten

Die islamische Theologie fasst an deutschen Unis Fuß - doch in Münster schwelt weiterhin ein Streit zwischen Religionsverbänden, Uni-Leitung und dem Hochschullehrer Mouhanad Khorchide. Islam-Theologen kritisieren, es fehle an konstruktiver Streitkultur.
Islamwissenschaftler Khorchide: Mit seinen Thesen hat er sich Feinde gemacht

Islamwissenschaftler Khorchide: Mit seinen Thesen hat er sich Feinde gemacht

Foto: Caroline Seidel/ dpa

Er bildet die jungen Menschen aus, die in Deutschland dringend gebraucht werden: Mouhanad Khorchide lehrt an der Universität Münster Islamische Theologie, seine Studenten können später unter anderem als Imame arbeiten. Macht er seine Arbeit gut? Darüber ist ein Streit zwischen den vier großen Islam-Verbänden und der Uni-Leitung entbrannt, der bundesweit Aufsehen erzeugt.

Die Politik schaut genau hin: Wie der WDR berichtete , kommentierte der Bundespräsident den Fall bei seinem Besuch der Uni Münster, Minister schalteten sich ein, Religionswissenschaftler veröffentlichen Stellungnahmen. Khorchide selbst und die Uni Münster wollen sich aktuell nicht zu dem Streit äußern. Die Frage ist: Handelt es sich um einen sinnvollen wissenschaftlichen Diskurs oder um den Kampf um die Deutungshoheit des Islam?

Zwei Konflikte sind miteinander verwoben: Der Wissenschaftsrat regte 2010 an, an deutschen Hochschulen Islamische Theologie zu etablieren. In Tübingen eröffnete die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) das erste Zentrum offiziell Anfang 2012, weitere Standorte gibt es neben Münster/Osnabrück in Frankfurt/Gießen und Erlangen/Nürnberg. Während die anderen Zentren mehr oder weniger lautlos arbeiten, knirscht es in Münster von Beginn an.

Die zwei Streitpunkte: Beirat und Khorchide

Das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) an der Uni Münster arbeitet seit seinem Start 2011 mit einem Handicap: Zur Kontrolle der Lehre und Ausbildung hatte der Wissenschaftsrat einen Beirat vorgeschlagen. In dem sollten die Islam-Verbände ihren Einfluss gelten machen und mitgestalten. Vier Islam-Experten sollten die Verbände vorschlagen, die andere Hälfte darf die Uni in das Gremium schicken. Das Problem: Bisher hat sich dieser Beirat nicht konstituiert. Immer wieder war ein Treffen an einem von den Islam-Verbänden vorgeschlagenen Kandidaten gescheitert. So hatte das Bundesinnenministerium gegen einen Bewerber sein Veto eingelegt, da es ihn der vom Verfassungsschutz beobachteten Islamischen Gemeinschaft Milli Görus (IGMG) zurechnete.

Der zweite Konflikt ist ein Streit um die Person Khorchide. Die Islam-Verbände hatten seine Berufung zum Leiter selbst abgesegnet, inzwischen aber lehnen sie ihn ab. Khorchide ist ein Verfechter einer liberalen Interpretation des Islam. Er kritisiert es, wenn der Koran wörtlich ausgelegt wird, und wirbt für einen freundlichen, aufgeschlossenen Islam, gibt dazu auch zahlreiche Interviews.

Mit seinen Thesen hat er sich viele Feinde gemacht. Engin Karahan vom Islamrat sagt über Khorchide: "Für eine weitere Zusammenarbeit dürfte es keine Grundlage geben." Und über die Zusammenarbeit mit der Uni: "Es kann noch funktionieren, wenn die Uni einsieht, dass die Islamische Theologie ohne Beteiligung der islamischen Gemeinschaften keinen Boden hat und keinen Sinn ergibt."

"Nachhaltig zerrüttet und irreparabel beschädigt"

Im vergangenen Jahr hatte der Koordinationsrat der Muslime (KRM) ein Gutachten in Auftrag gegeben, um die von Khorchide veröffentlichten theologischen Thesen ("Islam der Barmherzigkeit") zu bewerten. Das Ergebnis: Khorchides Äußerungen stimmten weder mit einem wissenschaftlichen Anspruch noch seiner Selbstverpflichtung zur bekenntnisorientierten Islamtheologie überein. Im Dezember 2013 beschrieb der KRM als Fazit des Gutachtens das Verhältnis zum Islamlehrstuhl-Inhaber Khorchide als "nachhaltig zerrüttet und irreparabel beschädigt".

In der Wissenschaft schlug das hohe Wellen. So bezeichnete der Freiburger Theologe und Uni-Professor Bernhard Uhde das Gutachten in einer Stellungnahme als dilettantisch. Er wies schwere handwerkliche Fehler nach und geht davon aus, dass das Gutachten eine bereits feststehende Meinung stützen sollte. Nach Uhdes Einschätzung geht es bei dem Streit auch um einen Machtkampf. "Die türkischen Verbände stehen da im Konflikt mit Muslimen anderer Prägung und fordern für sich die Deutungshoheit über den Islam." Die türkischen Verbände, so Uhde, vertreten aber nur rund 25 Prozent der Muslime in Deutschland.

Serdar Günes, Islamwissenschaftler an der Uni Frankfurt, glaubt, dass sich die Islamische Theologie in Deutschland in einem Selbstfindungsprozess befindet. "Es finden in kürzester Zeit so viele Entwicklungen gleichzeitig statt, die bei der Verankerung der christlichen Theologie länger gedauert haben", sagt Günes. Er glaube aber, dass alle Beteiligten gute Absichten haben.

Nach seiner Ansicht sind die Verbände in einer paradoxen Situation: Die Verbände könnten keine normativen Antworten geben wie die Kirchen, sagt er. "Die Verbände versuchen das zu kompensieren durch überlieferte theologische Ansichten und reagieren auch deswegen gereizt, wenn sie extravagante Thesen hören." Den Streit um Khorchide hält er für nötig. "Er zeigt aber leider, dass die Muslime in puncto produktiver Streitlust hinter ihre Vorgänger aus frühen Zeiten zurückfallen".

Carsten Linnhoff/dpa/fln
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