IT-Studiengänge Abiturienten drängen in die Technik-Fächer

Alles, was mit Informatik zu tun hat, ist bei Studieninteressenten wieder enorm gefragt. "Schotten dicht", heißt es an manchen Fakultäten - der Ansturm ist so groß, dass sie die Notbremse ziehen und einen Numerus clausus verlangen.

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Informatiker: Der Zustrom ist ungebrochen
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Informatiker: Der Zustrom ist ungebrochen

Soviel Aufmerksamkeit war nie. Als die "Generation @" in den letzten Jahren bizarre Erfolgsgeschichten schrieb, erfuhren die Informatik-Fakultäten mehr öffentliche Beachtung als je zuvor. Bald ächzten und knarzten sie unter dem Andrang der Abiturienten. Und während die Softwarefirmen ihre Späher auf dem Campus ausschwärmen ließen, erklärte der Kanzler den Informatikermangel flugs zur Chefsache und startete ein 100 Millionen Mark schweres Sonderprogramm, wenn auch verteilt auf fünf Jahre.

Mit dem Internet-Goldrausch ist es vorerst vorbei. Doch Lethargie kann man den Informatik-Fakultäten kaum vorwerfen. Sie hatten die Gunst der Stunde genutzt und in aller Eile reihenweise neue Studiengänge zusammengezimmert, mitunter im Hau-Ruck-Verfahren. Das zahlte sich aus: Allein im Jahr 2000 schrieben sich über 38.000 Erstsemester für Informatik ein - rund dreimal so viel wie 1995, wie das Institut der deutschen Wirtschaft ermittelte.

Aufwärtstrend auch in den Ingenieurwissenschaften

Ob die Krise der IT-Branche die Begeisterung der Studieninteressenten inzwischen wieder dämpft, geht aus den Zahlen noch nicht hervor, denn die Studenten-Statistiken werden erst mir reichlich Verspätung veröffentlicht. Die große Talfahrt setzte erst vor einem Jahr richtig ein und riss zahllose Unternehmen in den Abgrund. "Nie wieder Dotcom", schwören auch etliche ehemalige Mitarbeiter der New Economy. Derweil klettert die Zahl der Absolventen in IT-Fächern allmählich bergauf: Rund 7000 Informatiker schafften im vergangenen Jahr ihr Diplom; für 2006 werden sogar über 15.000 Berufseinsteiger erwartet.

Auch andere technische Disziplinen haben die Talsohle durchschritten. Jahrelang ließen Schulabgänger die Ingenieurwissenschaften links liegen. Für das Jahr 2000 jedoch meldet das Kölner Institut 25.000 Frischlinge im Maschinenbau und 15.000 bei den Elektroingenieuren - ein deutlicher Aufwärtstrend gegenüber 1995. Bis sie mit dem Diplom in der Tasche auf den Arbeitsmarkt kommen, wird es aber noch dauern. Deshalb rechnen die Unternehmen mit anhaltenden Rekrutierungsproblemen.

In der Informatik mussten einige Universitäten schon vor knapp zwei Jahren die Notbremse ziehen. Landauf, landab griffen die jahrelang ausgezehrten Fachbereiche zum Numerus clausus, um den Studenten eine halbwegs vernünftige Lehre zu garantieren - Informatik ohne genügend Rechner mit Internet-Anschluss und ohne qualifizierte Dozenten ist schließlich schwer vorstellbar. So führten die drei großen Berliner Universitäten im Frühjahr 2000 Zulassungsbeschränkungen ein; andere Hochschulen zogen nach.

Wolle mer se reinlasse?

Die so jäh überrannten Fakultäten melden immer noch volle Häuser, und manche geben im Notbetrieb die Parole "Schotten dicht!" aus. Die Ruhr-Universität Bochum zum Beispiel hat beschlossen, zum kommenden Wintersemester den neuen Studiengang "Angewandte Informatik" zu starten und dort ihr vielfältiges Informatik-Angebot zu bündeln. Vorsorglich will sie aber einen Numerus clausus beantragen.

Den verlangt jetzt auch die Universität Bonn wegen der vielen Informatik-Anmeldungen. Mit diesem Anliegen war sie im letzten Herbst bereits einmal gescheitert. Zulassungsbeschränkungen seien wegen des hohen Absolventenbedarfs "kontraproduktiv", begründete das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium die Ablehnung. Nun nimmt die Uni einen neuen Anlauf: Am auf 245 Studenten ausgelegten Fachbereich hätten sich im Wintersemester 500 neue Studenten eingeschrieben, berichtete sie. Dozenten und Assistenten seien an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt.

Grafik zu Studenten und Absolventen in technischen Fächern:

Mehr Studienanfänger und Absolventen
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