Italiens zornige Akademiker Keine Lust mehr auf Wohnen bei Mama

Vetternwirtschaft, Filz, Korruption: Italiens Studenten beklagen, dass Leistung an der Uni und auf dem Arbeitsmarkt kaum etwas zählt. Nur wer Beziehungen habe, komme voran. Schuld ist Ministerpräsident Silvio Berlusconi, sagen sie - er habe das Land infiziert mit dem Virus der Mauschelei.

REUTERS

Aus Neapel und Rom berichtet


Viel gebracht hat es Mario Arcucci, 24, nicht, dass er ein Vorzeigestudent war. Seinen Ingenieursabschluss hat er zwar mit Auszeichnung in der Regelstudienzeit geschafft, acht Monate Praktikum inklusive, seine Forschungsergebnisse wurden veröffentlicht. Doch jetzt ist er arbeitslos, wohnt noch immer bei seinen Eltern, schlägt sich mit Kellnerjobs durch, für vier Euro die Stunde.

"Ohne Beziehungen ist es in Italien sehr, sehr schwer einen Job zu kriegen oder eine akademische Laufbahn zu verfolgen", sagt er. Er erzählt von einem Dozenten an seiner Uni in Neapel, der seine Stelle nur bekommen habe, weil er mit der Tochter eines Professors verheiratet sei.

Die Macht der Beziehungen, verfilzte Hochschulen, Vetternwirtschaft - viele italienische Studenten erzählen solche Geschichten; manche sprechen ganz offen von Korruption. Wer sich anstrenge und es ehrlich versuche, der habe kaum eine Chance, klagen sie. Verantwortlich dafür ist aus ihrer Sicht vor allem ihr Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der mit Unterbrechungen seit 17 Jahren regiert und von einem Skandal in den nächsten taumelt - und der, so das Gefühl bei vielen jungen Italienern, das Land infiziert hat mit dem Virus der Mauschelei.

Erst zürnten die Studenten dem Regierungschef, protestierten immer wieder, auch gegen umstrittene Hochschulreformen. Doch längst ist die Wut einem anderen, beklemmenderen Gefühl gewichen: Scham. Italienische Hochschulen genießen im internationalen Vergleich sowieso kein sonderlich hohes Ansehen, immer wieder spotten Zeitungen etwa über den Fächer-Wildwuchs, der Studiengänge wie Katzenkunde gebiert. Doch in den letzten Jahren, so fürchten die Studenten, hat Berlusconi das Land gänzlich der Lächerlichkeit preisgegeben - und ihre Zukunftschancen verspielt.

Die Regierung Berlusconi als Korruptionsbekämpfer?

Mario Arcuccis Vater arbeitet in der Lokalverwaltung, seine Mutter hilft sonntags als Spülhilfe in einem Restaurant. Die Familie wohnt im Haus der Großmutter. Für den Weg zur Uni brauchte Mario ein bis zwei Stunden, denn das Bahnnetz ist marode, und Streiks sind häufig.

An der Uni sind die Wände der Flure voll mit Graffiti, Überbleibsel des letzten Studentenstreiks. In ramponierten Regalen türmen sich Papiere, alte Schreibmaschinen und Müll. Die Aushänge in den Infokästen sind zum Teil Jahre alt. Wenn sich Mario all das anguckt, muss er nicht lange darüber nachdenken, wer daran schuld ist: "Jedes Mal, wenn eine konservative Regierung gewählt wird, kümmern die sich nicht um das Wohl des Landes." Ihnen gehe es nur um die Wiederwahl.

In den vergangenen drei Jahren strich die Regierung das Budget der Universitäten massiv zusammen. Die Kürzungen waren Teil eines Reformpakets, das auch die Korruption an den Hochschulen bekämpfen sollte. Doch zu spüren ist davon wenig. Zumal es vielen Studenten wie Hohn vorkommt, dass ausgerechnet die Regierung Berlusconi sich als Korruptionsbekämpfer geriert.

Mario Arcucci war von den Kürzungen ebenfalls betroffen: "In unserem Labor wurde vor ein paar Jahren ein Gerät zur Analyse von Schadstoffen im Wasser angeschafft. Doch wir können es nicht benutzen, da der Betrieb zu teuer ist."

"Die schlechteste Regierung, die wir je hatten"

Auch Marcello Felsani, 24, kennt solche Probleme. Er studiert Meeresbiologie, beziehungsweise er versucht es: Sein Studiengang soll abgeschafft werden. Jetzt muss er schauen, wie er seinen Abschluss doch noch schafft. "Die Uni bietet keinen Botanikkurs mehr für uns an." Den aber brauche er. "Deswegen muss ich mir jetzt alles selber aus Büchern beibringen und dann am Ende des Semesters einfach die Klausur schreiben."

Seine Pausen verbringt er mit Freunden im Aufenthaltsraum der Uni. Außer ein paar sperrmüllreifen Tischen und Stühlen gibt es nur einen kleinen Verkaufsstand in dem Raum. Getränkedosen stecken einzeln in einem Eimer voll Eis. Doch das ist noch eins der kleineren Probleme. "Unser Labor wurde vor einiger Zeit stillgelegt. Irgendein Konstruktionsfehler bei den Gas- und Wasserleitungen. Das heißt de facto, dass ich keinerlei Praxisübungen habe." Wann das Labor repariert wird, wissen sie nicht.

Hin- und hergerissen zwischen Wut und Scham ist ebenso Cecilia Tinto, 25, wenn sie über Berlusconi spricht. Sie studiert Psychologie in Rom und protestiert seit Monaten gegen den Ministerpräsidenten. "Die derzeitige Regierung ist die schlechteste, die wir seit langem hatten. Sie sind nicht nur selbst korrupt, sondern fördern die Korruption im ganzen Land", sagt sie. Wie jemand, der schnell laut wird, wirkt sie nicht, doch wenn ihre Mitdemonstranten zum Sprechchor ansetzen, brüllt auch sie: "Wacht auf! Wacht auf! Es ist Zeit, sich zu empören!"

Ihre Freundin Giulia Ferruzzy, 23, studiert Literaturwissenschaft und geht ebenfalls auf der Demo mit. "Wenn du einen PhD machen willst, musst du irgendeinen Professor kennen oder dich über Jahre bei ihm einschleimen. Sonst geht gar nichts." Sie hat sich damit abgefunden, dass sie die Uni nach ihrem Abschluss verlassen wird, obwohl sie ihr Fach liebt. Jetzt möchte sie gerne als Journalistin arbeiten. Doch selbst dort gehe es nicht ohne Schmiermittel, sagt sie: Wenn man als Journalistin akkreditiert werden wolle, müsse man mehrere Artikel vorweisen, sagt Giulia. Einige Zeitungen würden das ausnutzen und Geld von jungen Journalisten verlangen, um ihre Artikel zu veröffentlichen. Kollegen aus der Branche bestätigen das.

Vorzeige-Absolvent Mario sagt: "Wir machen uns Sorgen um das internationale Ansehen Italiens." Er würde gerne einen Doktor machen und weiter daran forschen, wie man Fabriken umweltschonender gestalten kann. In Italien sieht er dafür jedoch nicht die Voraussetzungen. "Wir lesen immer wieder Meldungen über wissenschaftliche Durchbrüche italienischer Wissenschaftler. Doch diese Nachrichten kommen für gewöhnlich aus dem Ausland."

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Phoenix2006 27.10.2011
1. Italiens zornige Akademiker: Keine Lust mehr auf Wohnen bei Mama
Zitat von sysopVetternwirtschaft, Filz, Korruption: Italiens Studenten beklagen, dass Leistung an der Uni und auf dem Arbeitsmarkt kaum etwas zählt. Nur wer Beziehungen habe, komme voran. Schuld ist Ministerpräsident Silvio Berlusconi, sagen sie*- er habe das Land infiziert mit dem Virus der Mauschelei. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,791805,00.html
Ich habe mal eine wissenschaftliche Frage (Politik) Wie sind nach italienischem Recht neue demokratische Parteien zu gründen (siehe Gründung Die Grünen in Deutschland)?
dachauerthomas 27.10.2011
2. Bimbesrepuplik
Wer Bimbeskanzler und Bimbesmi9nisterpräsidenten wählt bekommt kurz über lang auch eine Bimbesrepuplik, egal ob Italien oder Deutschland.
Chris_7 27.10.2011
3. Hochschule ist nicht gleich Hochschule
Auch wenn der Bologna-Prozess (vorwiegend auf Drängen nicht-deutscher "Ausbildungsstellen") versucht hat hier Sand in die Augen zu streuen. Aber es besteht schon noch ein gewaltiger Qualitätsunterschied zwischen einem Dipl.-Ing. einer deutschen technischen Hochschule und einer italienischen "Universität". Das war ja der Grund, warum man Deutschland unbedingt in den Bologna Unsinn pressen wollte. In den meisten europäischen Ländern (und auch in den USA) ist das duale Brufsausbildungssystem sowie weiterführende Bildungsgänge wie Meister oder Techniker schlicht unbekannt. Dort werden Fächer an "Hochschulen" ausgebildet, die bei uns Berufsausbildung sind. In D sind aber die Abschlüsse der Universität wesentlich hochwertiger als mit dem as im Ausland so studiert wird, trotzdem bekommt man da den selben Titel in Form des Master oder Bachelor. Am ehesten vergleichbar mit dem Ausland dürfte da noch unsere Berufsakademie (künftig: "Duale Hochschule") oder in Teilen die Fachhochschule (künftig "Hochschule für angewandte Wissenschaft") sein (wobei die neuen Bezeichnungen auch hier einen sinnlosen Höhenflug bescheinigen, denn akademisch waren beide Schularten nie). In vielen europäischen Rand-Ländern (GR, I, ES, P,...) werden "Akademiker" (was das oft ist s.o.) ausgebildet, die nachher keinen (für sie adäquaten) Job finden. Da ist dann die Ausbildung nur eine Art ABM die die Arbeitslosenstatistik bereinigt. Schon Gustave le Bon hat festgestellt, dass ein Überangebot von Studierten die nachher ohne angemessenen Job sind (der am besten auch noch sicher = staatlich oder staatsnah ist) gefährlich für den Bestand des Staates werden kann. Denn zum einen fehlen diese Personen dem Arbeitsmarkt als Arbeitskräfte für "nicht akademische" Tätigkeiten, die ja auch jemand ausüben muß. Zum anderen wird mit dem Studium oftmals die Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg verbunden, der sich dann nachher - mangels adäquat bezahlter (staatlicher) Stellen - nicht erfüllt und der zu Unruhen führen kann. Heute wirkt dann das Sozialsprestige. Oder eine falsche Einkommenserwartung. Motto: "Unser Kind soll es mal besser haben, deshalb soll es studieren". Dabei ist es heute doch oft schon so, dass eine solide Berufsausbildung die mit 16 Jahren begonenn wurde (mit ggf. einer Fortbildung wie Meister/ Techniker dazu) zu einem auf die Lebensarbeitszeit gerechnet erheblich höheren Einkommen führen kann, als ein Studium.
cassandros 27.10.2011
4. dt.-ital. Gemeinsamkeiten
Zitat von sysopVetternwirtschaft, Filz, Korruption: Italiens Studenten beklagen, dass Leistung an der Uni und auf dem Arbeitsmarkt kaum etwas zählt. Nur wer Beziehungen habe, komme voran. Schuld ist Ministerpräsident Silvio Berlusconi, sagen sie*- er habe das Land infiziert mit dem Virus der Mauschelei. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,791805,00.html
Also haargenau so wie bei uns! Vielleicht ist es den italienischen Leidensgenossen ein Trost.
BonChauvi 27.10.2011
5. Keine Lust mehr auf Wohnen bei Mama
Wer einen Mafioso zum Ministerpräsidenten wählt braucht sich nicht zu wundern wenn der Staat nach Mafia-Regeln funktioniert.
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