Uni-Klausur mit Fernüberwachung So einfach war Schummeln noch nie

Muss bei jeder Uni-Klausur ein Aufpasser im Raum sein? Nein, meint eine deutsche Fernuni - und setzt auf Fernüberwachung per Webcam und Rechnerzugriff aus den USA. Ein Selbsttest mit Spickzettel.

Adam S. (links) überwacht eine Klausur im SPIEGEL-ONLINE-Büro
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Adam S. (links) überwacht eine Klausur im SPIEGEL-ONLINE-Büro

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Eine Uni-Klausur zu Hause schreiben: klingt gut. An jedem beliebigen Tag zu jeder beliebigen Uhrzeit: das klingt noch besser. Genau das verspricht die Internationale Hochschule Bad Honnef (IUBH). Ein Aufpasser soll per Webcam dafür sorgen, dass nicht geschummelt wird. Funktioniert das? Das will ich testen.

Die IUBH hat eine Probeklausur im "Wer wird Millionär"-Stil zusammengestellt. Um diese zu absolvieren, muss ich die App "Megameeting" aufs Smartphone laden und das Programm "Bomgar" auf den Rechner. Die App verwandelt mein Handy in eine Überwachungskamera, das Programm erlaubt den Zugriff auf meinen PC. Der Aufpasser kann jedes Wort sehen, das ich tippe - aber auch jedes beliebige Dokument öffnen, jedes Programm starten oder in meinen Fotos stöbern. Keine schöne Vorstellung.

"Alles freizugeben klingt beunruhigend, aber Sie sehen ja jeden Klick des anderen", sagt die bei der IUBH zuständige Projektleiterin Carmen Thoma zu meinen Sicherheitsbedenken. Nach der Klausur lösche sich "Bomgar" automatisch. "Die Daten sind sicher, es kann nichts passieren."

Dennoch: Die Verbindung zum "Proctor", so die Bezeichnung des Aufpassers im Fernuni-Sprech, starte ich mit einem unguten Gefühl.

Neun von zehn Prüflingen würden innerhalb von fünf Minuten mit einem "Proctor" verbunden, verspricht die IUBH. Nach 20 Minuten Wartezeit solle man eine E-Mail auf Englisch an den "Proctorsupport" schicken. Oder es später erneut probieren.

Nach dreieinhalb Minuten bekomme ich die erste Rückmeldung in einem Chatfenster:

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Die Rückmeldung kommt von BVirtual, einem Dienstleister mit Sitz in einem Gewerbegebiet in Alpharetta im US-Bundesstaat Georgia. Es ist dort 10 Uhr morgens. Ich hätte mich auch um 10 Uhr deutscher Zeit einwählen können, das wäre 4 Uhr nachts in Alpharetta.

BVirtual wirbt damit, an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr Aufpasser zur Verfügung zu stellen. Sie sitzen vor ihren Rechnern und warten darauf, dass irgendwo auf der Welt jemand eine Klausur schreiben will. Die Firma kooperiert nach eigenen Angaben mit mehr als 250 Hochschulen weltweit. Wählt sich jemand ein, schauen die Aufpasser ihm oder ihr bis zu drei Stunden beim Tippen zu - im Zweifelsfall in einer Sprache, die sie nicht verstehen. Wer macht so einen Job?

Der Gründer von BVirtual antwortet auch Tage nach meiner Testklausur nicht auf diese Frage und auch auf alle anderen zu seinem Unternehmen nicht. Er ist nicht gut auf mich zu sprechen. Denn ich habe geschummelt. Und mein Aufpasser hat nicht darauf reagiert.

"Hallo, ich bin dein Proctor"

Er heißt Adam S., trägt ein weißes Hemd, hat braune Haare und einen struppigen Bart. Ich schätze ihn auf Mitte 20.

13 Minuten nach meiner Einwahl meldet er sich, zunächst per Chat: "Hallo, ich bin dein Proctor." Er schreibt auf Deutsch, aber es sind vorgestanzte Sätze des Computers.

Als die Verbindung per "MegaMeeting"-App nicht klappen will, schreibt er: "Können Sie schließen Sie Ihre Anwendung und öffnen Sie die ID erneut und versuchen Sie es erneut."

Als nächstes liefern wir uns einen Wettstreit um die Hoheit des Cursors. Ich will ins Chatfenster schreiben, dass die App auf meinem Handy eingefroren ist, er klickt wild herum, um Programme zu schließen.

 Kampf um den Cursor: Adam S. beendet Programme , ich will ins Chatfenster
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Kampf um den Cursor: Adam S. beendet Programme , ich will ins Chatfenster

Nachdem ich die App zweimal deinstalliert und neu geladen habe, klappt es endlich. Auf dem Handybildschirm sehe ich zwei Mini-Bildchen. Zwei Menschen, die in Kameras starren. Links Adam S. mit Kopfhörern auf den Ohren, rechts ich selbst.

Ich solle meinen Reisepass ins Bild halten, zur Identifikation, sagt Adam S. Zum ersten Mal redet er mit mir, auf Englisch. Ich will ein bisschen mit ihm plaudern, aber er blockt ab. Kein Lächeln, nichts.

Per Kamera soll ich ihm den Raum zeigen. Hinter dem Vorhang habe ich einen Ausdruck versteckt, unter dem Tisch ein Buch. In meinem Ärmel steckt ein Spickzettel. Bei "Wer wird Millionär"-Fragen kommt man damit zwar nicht weit, aber Adam S. weiß ja nicht, was für eine Klausur ich schreibe. Ich will ja nur wissen: Wird er meine Betrugsversuche bemerken? Den Artikel hinter dem Vorhang kann ich vom Schreibtischstuhl aus problemlos lesen. So, wie ich den Raum für ihn filme, sieht man ihn nicht.

Adam S. ist zufrieden. Das Handy positioniere ich auf seine Anweisung hin so auf dem Tisch, dass es meine Hände, meinen Oberkörper und mich im Profil zeigt. Die Konstruktion ist wacklig, das Festnetztelefon muss als Stütze herhalten.

Ich klicke mich durch die ersten Multiple-Choice-Fragen und schiele auf das Überwachungsbild. Adam S. starrt geradeaus und verzieht keine Miene. Ich ziehe den Spickzettel aus meinem Ärmel. Adam S. starrt immer noch geradeaus.

"Schaue nicht im Raum umher"

Ich lehne mich zurück und angle mit dem linken Fuß nach dem Buch unter dem Tisch. Keine Reaktion.

"Du darfst deinen Blick nicht vom Bildschirm abwenden, außer du blickst auf ein erlaubtes Hilfsmittel. Schaue nicht im Raum umher", lautet eine der Prüfungsregeln der IUBH. Ich betrachte eindringlich den Artikel links hinter dem Vorhang. Adam S. starrt geradeaus.

Demonstrativ blättere ich in meinem Schreibblock, der direkt vor meiner Handykamera liegt. Die obere Seite ist leer, alle anderen sind eng beschrieben. Das muss Adam S. auffallen. Aber er starrt noch immer frontal in seine Kamera.

In der Klausur bin ich jetzt bei den offenen Fragen angekommen. In welchem Märchen spielen lange Haare eine zentrale Rolle? Rapunzel. Aus welchem stammt die Herzkönigin? Alice im Wunderland.

Ich rutsche mit meinem Stuhl ein Stück zurück. Weiter und weiter - bis ich aus dem Überwachungsbild komplett verschwunden bin. Ich bücke mich, hebe das Buch auf und blättere darin. Adam S. verzieht keine Miene.

"Du darfst nicht aufstehen", lautet eine weitere Regel der IUBH. Ich stehe auf. Adam S. kann mich ja nicht sehen, der Bildausschnitt zeigt meinen verwaisten Rechner. Ich laufe umher. Wäre das eine echte Klausur, könnte ich in aller Ruhe die Lösungen sonstwo suchen. So komfortabel war Schummeln noch nie.

Regeln der IUBH für Onlineklausuren
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So solle es auf keinen Fall laufen, versichert mir Carmen Thoma anschließend. Adam S. selbst will sich nicht dazu äußern, sein Chef nur per E-Mail. Das sei ja gar keine richtige Klausur gewesen, so Rick Beaudry. Adam sei von Anfang an klar gewesen, dass es sich um einen Übungstest gehandelt habe - zum einen, weil die Zugangsdaten der IUBH zur Probeklausur das Wort "Test" beinhalten, zum anderen, weil ich auf eine Frage mit "Alice im Wunderland" geantwortet habe.

So richtig überzeugend findet auch Carmen Thoma diese Argumentation nicht. "Wir werden da auf jeden Fall noch mal nachhaken, so etwas darf auch bei einer Probeklausur nicht passieren", versichert sie. "Aber wir schauen uns auch sehr viele Videoaufzeichnungen der Prüfungen an. Und hätten wir Ihre gesehen, wären Sie nachträglich disqualifiziert worden."

Mama kauert unterm Schreibtisch

Seit dem 1. Dezember sind die Onlineklausuren für alle Erstsemester der IUBH freigeschaltet. Damit die Prüflinge sich nicht die Fragen verraten können, stelle ein Algorithmus jede einzelne Klausur neu zusammen, so Thoma. Mehrere hundert Studenten haben schon teilgenommen, drei Betrugsversuche seien bisher entdeckt worden.

Wie erfinderisch Studenten beim Schummeln in Onlineklausuren werden, verrät eine Analyse der Firma Examity, eines Konkurrenten von BVirtual, der unter anderem Klausuren der University of Cincinnati und der University of Arizona fernüberwacht.

In einem Fall kauerte eine Mutter unter dem Schreibtisch. Ein Helfer vor der Tür morste mit Husten die richtigen Antworten. Ein Spickzettel war unter einem Baby in einer Wiege versteckt. Und ein Student engagierte einen Doppelgänger, um den Test zu schreiben.

Die beliebtesten Tricks laut Examity: Spickzettel im Schmierpapier oder unter der Tastatur verstecken oder an die Wand hängen, heimlich die Googlesuche starten und Fragen kopieren, um sie weiterzugeben. Insgesamt seien in 4000 von 63.000 Onlineklausuren Betrugsversuche entdeckt worden.

Bleibt die Frage, in wie vielen Fällen sie nicht entdeckt wurden.



insgesamt 35 Beiträge
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elizar 20.01.2017
1. Hahaha!
Sorry, aber mit solchen Maßnahmen macht sich diese deutsche Fernuni lächerlich. Wenn die der Meinung sind Geld bei der Prüfung sparen zu wollen, also auf finale Evaluierungen, dann sind die ausgedruckten Zeugnisse doch nichtmal das Papier wert, auf dem die "Zensuren" zu finden sind.
ruediger 20.01.2017
2.
Wenn ich bei einer Studienprüfung einen Aufpasser brauche, der Spickzettel verhindert, dann kann das "Studium" nur aus auswendig lernen bestehen. Also intellektuell eher minderwertig
no-phone 20.01.2017
3. Danke für die Recherche. Virtualisierung?
Wie wird denn verhindert, dass der Kandidat nicht einfach nur einen virtuellen PC frei gibt und dann außerhalb der virtuellen Instanz fröhlich im Imternet recherchiert?
Denkt mal selber nach 20.01.2017
4. Kein Problem
In Zeiten, in denen Bildung zu Ware verkommen ist, zählt auch nicht das wissen, sondern die Kaufkraft. Ich hatte Prüfungen, in denen war jedes Hilfsmittel erlaubt, solange man alleine arbeitete. Es waren von allen die schwersten. Die Aufgaben müssen eben entsprechend angepasst werden. Das Problem, solche Prüfungen lassen sich nicht maschinell auswerten, und fordern ebenfalls mehr Aufwand beim Prüfer. Mit sowas lässt sich kein Geld verdienen.
ja.nee.is.klar 20.01.2017
5. Wie dilettantisch...
Buch untern Tisch? Zettel hinterm Vorhang? Es geht darum zu Betrügen, für das Risiko würde ich dann lieber einen Profi fragen. Mit fallen auf Anhieb zig ECHTE Maschen ein das System professionell auszutricksen und wenn ich ein paar Tage nachdenke bestimmt noch viel bessere. Aber z.B: Ein Software schreiben, die den Screen captured (und zu einem anderen PC schickt..da können dann belibig viele Freunde mit belibig vielen Hilfsmitteln (weitere PCs mit Wikipedia, o.ä.) sitzen. Maus und Tatstatur ebenfalls per Software aus Nachbarraum steuern lassen. Wenn es nicht möglich ist eine Capture-Software als Dienst im Hintergrund laufen zu lassen, kann man immer noch ganz profan das Moonitorsignal extern am Kabel abgreifen, weiterleiten an z.B: Raspi und dann an bel. PCs versenden. Und, und, und.. Das System kann man zu 100% umgehen und 100% unerkannt bleben! Das sowas erlaubt ist, erschließt sich mir nicht.
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