Ja sagen auf Akademisch Die erste Hochzeit im Hörsaal

Wo sonst Studenten brüten, schlummern oder leiden, hat erstmals ein Paar geheiratet - im Hörsaal B 305 der Uni Hannover. Absolvent Ralf und Braut Bente von der Heide überzeugte die Aussicht auf eine Schlosshochzeit zum Nulltarif und ein Termin mit Lizenz zum Ausschlafen.

Von Steffen Eggebrecht


Das Foyer der Universität Hannover ist leer. An übervollen Pinnwänden hängen verwaiste Zettel. Es riecht nach Spinat vom Mittagessen in der Kantine, wo in den Semesterferien nur eine Handvoll Studenten speist. Im Hörsaal B 305 im ersten Stock kauerten vor ein paar Tagen noch die Mathestudenten über ihren Prüfungsblättern. Festlich sieht es nicht gerade aus - obwohl hier gleich der Bund fürs Leben geschlossen werden soll.

An diesem Tag gehört das Auditorium für kurze Zeit zum Standesamt Hannover. Ralf Rokitta und Bente von der Heide geben sich als erstes Paar das Jawort in einer deutschen Uni. 165 schwarze Klappsitze, vier Tafeln und eine W-Lan-Funkstation an der Wand - spartanischer als an einer staatlichen Uni geht es kaum.

Nur die zwei Dutzend roten Luftballons in Herzform lassen ahnen, was hier passieren soll. Und auch wenn der Hörsaal unscheinbar wirkt, das Hauptgebäude ist umso prächtiger. Es ist ein Teil des Welfenschlosses, in dem die Universität seit 1879 residiert, Mitte des 19. Jahrhunderts aus gelblichem Sandstein gebaut, umgeben von einer weitläufigen Parkanlage.

Mondän heiraten zum Nulltarif

Hier heiraten die beiden Sprachtherapeuten in romantischer Schlosskulisse - und bis auf die üblichen Gebühren des Standesamts kostet der mondäne Auftritt keinen Euro. Schick heiraten zum Bafög-Tarif, sozusagen.

Die Hochzeit: Gäste und Brautpaar treffen sich auf dem Vorplatz der Uni an der bronzenen Statue, die ein scheuendes Pferd darstellt - eigentlich nicht direkt ein gutes Omen für eine Hochzeit. Dann geht es mit beiden Familien und vielen Freunden hinein in den Hörsaal, geschmückt mit roten Luftballons in Herzform. Betont locker läuft die Trauung ab, das Paar gibt sich ganz gelassen und tuschelt während der Prozedur mit den Freunden in der ersten Reihe - ein bisschen viel nach dem Geschmack der Standesbeamtin, die mit leichtem Unmut reagiert.

Ein Jawort im Hörsaal, dafür muss man die Uni mögen. Sonst verbinden Studenten mit Hörsälen eher ermüdende Vorträge oder angstschweißtreibende Massenklausuren. Bräutigam Ralf Rokitta sieht das weniger düster. "Die Klausuren habe ich schon verdrängt, der Blick verklärt sich allmählich", sagt er und lacht. Bis 1992 studierte er an der Universität Diplom-Pädagogik. Die Braut studierte von 1994 bis 1999 in Potsdam.

Zueinander fanden die beiden Sprachtherapeuten vor dreieinhalb Jahren an einem Ort, ähnlich unromantisch wie ein Hörsaal: eine Sitzung des Vorstandes der akademischen Sprachtherapeuten. Derzeit kümmern sich beide um Sprachtherapien für Unfallopfer oder Schlaganfallpatienten, er als Abteilungsleiter in einem Krankenhaus bei Hannover, sie im Zentrum für ambulante Rehabilitation in Berlin. Bislang pendelten sie abwechselnd, jedes Wochenende rund 260 Kilometer zwischen den beiden Städten.

Hochzeitstermine auch für Langschläfer

Zu Ostern machte Ralf Rokitta seiner Freundin den Antrag, bis zur Hochzeit wollten sie dann nicht mehr lange warten. "Jedoch hätten wir beim Standesamt nur noch Termine um 8.30 Uhr bekommen", sagt Bente von der Heide - das war beiden deutlich zu früh. In der Uni geht's auch später, schlug ein Mitarbeiter des Standesamtes vor, und das Paar sagte zu. Außerdem sollte es keine steife Zeremonie werden. Die Planungen richteten sich nach dem wichtigsten Programmpunkt, einem Picknick mit Freunden und Familien.

Die Idee zur Trauung im Hörsaal kam Monika Wegener vom Alumni-Verein der Universität Ende vergangenen Jahres. Für die vorlesungsfreie Zeit im Februar und März fand sich noch kein Paar. Viele "Kinnladen fielen runter", sagt Wegener, als sie das Projekt der Unileitung vorschlug. Im zweiten Moment empfanden die meisten es aber als charmanten Einfall.

Für Standesbeamtin Elke Brandt war das "Pilotprojekt" Hörsaal-Hochzeit dennoch gelungen. Anders als auf dem Amt, wo Trauungen oft wie am Fließband durchgeführt werden, nehmen sich die Beamten für eine Trauung an einem unüblichen Ort mehr Zeit als im eigenen Haus.

Möglichst bald will das Brautpaar jetzt in Hannover zusammenziehen, damit die Pendelei ein Ende hat. "Bente bringt das Opfer und gibt ihren Wohnort auf, ich gebe dafür meinen Namen auf", sagt der frisch gebackene Herr von der Heide nach der Trauung.

Ihre Hochzeitsreise treten die von der Heides Mitte September an. Das Ziel: Boston und New York. Und ihrer neu erwachten Leidenschaft für Universitäten wollen sie auch dort folgen, verspricht der Bräutigam. "Mit Sicherheit werden wir uns Harvard anschauen."



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