Das Hobby zum Job gemacht Student übersetzt japanische Zeichentrickserien

Andre Podzierski schaut sich eine japanische Zeichentrickserie nach der anderen an - früher aus Spaß, heute verdient er damit Geld: Er übersetzt sie ins Deutsche.

Japanologiestudent Andre Podzierski
Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Services

Japanologiestudent Andre Podzierski

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Podzierski, warum sind Sie so verrückt nach japanischen Zeichentrickserien?

Podzierski: Ich habe als Kind schon viele Anime gesehen. Das setzt sich bis heute fort. Eine meiner Lieblingssendungen war damals "Captain Tsubasa". Aber ich würde nicht sagen, dass ich verrückt danach bin.

SPIEGEL ONLINE: Damals hat Ihre Japan-Begeisterung also begonnen?

Podzierski: Ich wollte zumindest damals schon Programmierer werden. Und weil ich wusste, dass viele Computerfirmen aus Japan kommen, habe ich mich für das Land interessiert und wollte unbedingt dorthin.

SPIEGEL ONLINE: Wann waren Sie das erste Mal da?

Podzierski: Ich war zum Schüleraustausch in der elften Klasse dort. Vorher hatte ich zwar ein, zwei Japanischkurse an der Volkshochschule belegt, aber eigentlich konnte ich mich kaum verständigen. In Japan habe ich dann gemerkt, wie sehr mich die Sprache fasziniert. Und da war mir klar, dass ich das auch studieren will.

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Naoko Takeuchi/ PNP/ Kodansha/ Toei Animation

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SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie dazu gekommen, Zeichentrickserien zu übersetzen?

Podzierski: Ich habe einige Anime geschaut, später dann auch im Original mit deutschen Untertiteln. Dabei fiel mir auf, dass vieles schlecht übersetzt wurde. Entweder die Untertitel waren zu lang und der Zuschauer kam nicht mit, oder es wurde vieles wörtlich übersetzt. Das wollte ich besser machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie an Ihre ersten Aufträge?

Podzierski: Ein Freund von mir hatte bereits mit einer Firma zusammengearbeitet. Er hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass sie wieder neue Übersetzer suchen.

SPIEGEL ONLINE: Als Übersetzer hatten Sie aber keine Erfahrung?

Podzierski: Das stimmt. Zumindest nicht für Anime. Ich hatte mir Übersetzungsliteratur ausgeliehen und bin jemand, der im Allgemeinen eher Autodidakt ist und gern ins kalte Wasser springt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Serien übersetzen Sie in der Woche?

Podzierski: Ungefähr drei Folgen in der Woche. Für eine 20-Minuten-Episode brauche ich drei bis sechs Stunden. Wie viel Geld ich dafür erhalte, möchte ich nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie die Arbeit?

Podzierski: Sehr kreativ, eben weil sich nicht alles wörtlich übersetzen lässt. Ich muss mitdenken und überlegen, worum es dem Autor geht, was er damit sagen will.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Podzierski: Zum Beispiel das Wort Koi: Im Japanischen bedeutet Koi Karpfen. Im Deutschen verbindet man mit Koi lediglich die Zuchtform. Im Japanischen gibt es zudem viele verschiedene Höflichkeitsformen, nicht nur "Du" oder "Sie". Es gibt eine Respektssprache, mit der man das Gegenüber höher als sich selbst stellt, und eine Bescheidenheitsansprache, mit der man sich selbst niedriger stellt. So etwas ist schon herausfordernd.

SPIEGEL ONLINE: Vor welchen Herausforderungen stehen Sie noch, wenn Sie Animes übersetzen?

Podzierski: Wenn ich zum Beispiel die richtigen Ausdrücke für einen Samurai finden muss oder für einen japanischen Rapper. Wenn man in die andere Richtung denkt, ist das wie wenn man Kiezdeutsch ins Japanische übersetzen müsste.

SPIEGEL ONLINE: Welche Serie übersetzen Sie am liebsten?

Podzierski: Es gibt zwar immer mal Serien, die nicht so spannend sind, zum Beispiel welche für Kinder. Aber es sind auch Anime dabei, die mich total begeistern. Zum Beispiel "The Perfect Insider". Die Serie basiert auf einem Thriller und handelt von einer genialen Programmiererin, die angeblich in einem verschlossenen Raum ermordet wurde.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Untertan 2.0 18.05.2016
1. schlechte Übersetzungen
---Zitat--- Dabei fiel mir auf, dass vieles schlecht übersetzt wurde. ---Zitatende--- Das ist mir sogar aufgefallen, ohne ein Wort japanisch zu können...
naklar261 18.05.2016
2. guter job
da hat jemand einen coolen job gefunden, ich wuensche noch viel Freude!
hansgustor 18.05.2016
3. Kein Traumberuf
Ich kenne ein paar Übersetzer und wirklich glücklich sind sie nicht damit. Die Aufträge kommen sehr kurzfristig rein und müssen dann so schnell wie möglich erledigt werden. Danach dann 2 Wochen nichts zu tun. Die Bezahlung ist auch sehr schlecht. Die einzige Chance ist in einem Großkonzern eine Festanstellung zu bekommen, z.B. für die Übersetzung von technischen Anleitungen oder Beipackzettel für Medikamente.
demophon 18.05.2016
4. Schwierige Sprachen
Das Problem beim Studium asiatischen Sprachen wie Japanisch oder Chinesisch ist, dass man sie auch nach Abschluss nur sehr mäßig beherrscht. Ein Japaner, der fünf Jahre lang Chinesisch studiert hat, erklärte mir einmal, dass er trotzdem nur ca. ein Drittel des Dialogs in einer chinesischen Fernsehserie versteht. Für Europäer sind diese Sprachen sogar noch schwieriger zu beherrschen.
markusob 18.05.2016
5. Kein Job fürs Leben
Ich glaube nicht, dass er das dauerhaft macht, zumindest nicht als Vollzeitjob. Auf den ersten Blick mögen die 20-30 Euro pro Stunde, die man für solche Aufträge angeboten bekommt, gar nicht schlecht aussehen. Aber wenn man erst mal realisiert hat, dass man davon die eigene Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Rentenversicherung zahlen muss. Dass die Auslastung mit Aufträgen mies ist, dass die Arbeit oft länger dauert, als geplant, und man im Urlaub und bei Krankheit gar kein Geld verdient, dass viele Kunden gar nicht zahlen oder nicht 100%, was vereinbart war, hört man relativ schnell damit auf. Zumindest wenn man auf Geld angewiesen ist und keinen gut verdienen Ehepartner hat. Wirtschaftlich gesehen sind solche Jobs auf Hartz-IV-Niveau entlohnt. Irgendeine Hausfrau übernimmt solche Aufträge immer für einen Spottpreis. Da lässt sich kein guter Preis herausfanden. Ich wollte das früher auch mal machen, bin aber schnell wieder davon abgekommen. Der Markt für Übersetzungen ist einfach unterirdisch.
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