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Ungarn: Studenten sympathisieren mit rechtsextremer Partei

Foto: Dániel Róna

Rechtsruck unter Ungarns Studenten Jung, gebildet, antisemitisch

Die ungarische Partei Jobbik ist rechtsextrem und verursacht immer wieder Eklats, jetzt hat eine Umfrage gezeigt: Jeder dritte Student des Landes würde sie wählen. Anhänger der Partei sollen auch Listen über Erstsemester angefertigt haben. Darin vermerkten sie unter anderem, wer Jude ist.
Von Kata Kottra

Ausgerechnet jene Partei kommt bei Ungarns Studenten gut an, die Hitler in ihrem Internetfernsehen schon als einen der "größten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts" bezeichnet hat. Eine Partei, die in dem Land immer wieder durch Rassismus und antisemitische Eklats auffällt. Zuletzt hatte der Abgeordnete Márton Gyöngyösi im Parlament Juden als "Sicherheitsrisiko" bezeichnete, die landesweit in Listen registriert werden sollte.

Jetzt zeigte eine neue Umfrage unter ungarischen Studenten: Jeder dritte von ihnen würde die rechtsextreme Partei Jobbik wählen. Damit ist die Zustimmung unter den angehenden Akademikern etwa doppelt so hoch wie in der gesamten ungarischen Bevölkerung.

Was viele schockiert, überrascht den Politikwissenschaftler Dániel Róna, 28, kaum. Der Dozent der renommierten Corvinus-Universität in Budapest hatte zusammen mit anderen Wissenschaftlern 1700 Studenten befragt. "Je jünger die Befragten sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie für Jobbik stimmen würden", sagt er.

Besonders beliebt sei die rechtsextreme Partei an kleineren, ländlicheren Universitäten abseits der Metropole Budapest. Dort seien es vor allem männliche Studenten von Informatik-, Ingenieurs- oder Agrarstudiengängen, die sich von der aggressiv-nationalistischen Ideologie angezogen fühlten. "Akademiker der ersten Generation sind unter den Jobbik-Anhängern überrepräsentiert, aber es sind nicht die ärmsten Studenten, die sie unterstützen", sagt er. "Das spricht gegen die These, dass das Erstarken der Rechtsextremen eine Folge der Wirtschaftskrise ist."

Jüdische Herkunft von Erstsemestern in Listen notiert

Als Brutstätte von Jobbik gilt allerdings keine ländliche Hochschule, sondern die geisteswissenschaftliche Fakultät der angesehenen Eötvös-Loránd-Universität in Budapest. Studenten gründeten dort 1999 zunächst eine national-konservative Jugendorganisation, die seit 2003 auch als Partei auftritt. Die gewählte Studierendenvertretung der Fakultät gilt bis heute noch als Kaderschmiede von Jobbik. Allerdings wurde sie Ende Februar vom Rektor der Universität suspendiert.

Es waren Dokumente aufgetaucht, die nahelegten, dass Studentenvertreter Listen von mehreren hundert Erstsemestern angelegt hatten. Darin waren nicht nur persönliche Daten wie Adresse oder Handynummern verzeichnet, sondern auch Vermutungen darüber, welche Partei die neuen Studenten wohl unterstützen. Zudem gab es eine eigene Rubrik: Darin wurde verzeichnet, ob der Erstsemester womöglich eine jüdische Herkunft hat. Ergänzt wurde die Liste mit Kommentaren wie: "kleiner liberaler Schwulenjunge", "hat einen hässlichen jüdischen Kopf" oder "sie ist wohl ein Halbblut und ein Flittchen".

Insider vermuten, dass mit den Listen systematisch Erstsemester identifiziert werden sollten, die der Ideologie von Jobbik nahestehen. Diese sollten später selbst Ämter in der Studentenvertretung übernehmen und für die Partei rekrutiert werden.

Sind die Listen tatsächlich echt? Der suspendierte Vorsitzende des Gremiums dementiert das. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit unter anderem wegen möglicher Datenschutzverstöße, auch die Universität hat einen internen Untersuchungsausschuss eingerichtet, wie tagesschau.de  meldet.

"Viele sind von den traditionellen Eliten desillusioniert"

Es sind mehrere Faktoren, die Jobbik laut Beobachtern attraktiv für den akademischen Nachwuchs machen: "Viele junge Ungarn sind von den traditionellen Eliten desillusioniert", sagt Experte Róna. "Die Generation der 30- bis 40-Jährigen hat den heutigen Ministerpräsidenten Viktor Orbán noch als rebellischen jungen Mann erlebt, der 1989 den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn gefordert hat", sagt Róna. Die heutigen Studenten kennen ihn nur noch als Vertreter des Establishments und Befürworter unpopulärer Hochschulreformen. Sie wenden sich deshalb anderen Parteien zu.

Zudem nutze Jobbik das Internet sehr geschickt, sagt Róna. Auch dadurch hätten sie in den zehn Jahren seit ihrer Gründung viele junge Wähler für sich gewonnen. In diesen Kreisen sehr beliebt ist das rechtsradikale Nachrichtenportal kuruc.info - die Ressorts heißen hier unter anderem "Zigeunerkriminalität" oder "Judenkriminalität". Zur rechten Subkultur gehören auch nationalistische Rockbands, auf den Konzerten kommen häufig schon Jugendliche erstmals in Kontakt mit Jobbik oder zumindest mit deren Befürwortern. Viele junge Menschen hätten außerdem das Gefühl, dass die Rechtsextremen Themen auf die Agenda setzten, die von den anderen Parteien tabuisiert würden, die fehlende Integration der Roma beispielsweise.

"Sie formulieren furchtbar einfache Botschaften, das kommt aber bei manchen an", sagt Andrea Kóbor. Die Wirtschaftsstudentin von der Corvinus-Universität kann mit der Ideologie von Jobbik allerdings genauso wenig anfangen wie die Mehrheit der ungarischen Studenten. Vor zwei Jahren hat sie deshalb zusammen mit anderen eine alternative Studentenorganisation gegründet, die als liberal gilt und sich gegen die Hochschulreformen der Regierung Orbán engagiert.

Bei der Studie der Corvinus-Universität wurde die links-alternative LMP zweitbeliebteste Partei - gleich hinter Jobbik. Fast 30 Prozent der Studenten würden der Partei, die sich für mehr Mitbestimmung, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz einsetzt, ihre Stimme geben. Allerdings rekrutiert die Partei ihre Wähler und Anhänger vor allem unter den Intellektuellen in Budapest; auf dem Land hat sie mit ihren insgesamt 800 Mitgliedern nur wenig Rückhalt. Jobbik hat landesweit 15-mal so viele Aktivisten.