Jemenitische Studentin in Deutschland Aufbruch in eine fremde Welt

Den Konjunktiv kann sie, Brecht-Gedichte verstehen auch - so gut, dass Ferial, 20, ein Stipendium für einen Sprachkurs in Mainz bekam. Noch nie hat die Studentin ihre Heimatstadt Sanaa im streng muslimischen Jemen verlassen. Wie kommt sie in Deutschland zurecht?

Von Susanne Sporrer


Am Tag vor der großen Reise ist Ferials Stimme am Telefon ganz dünn vor Nervosität. "Ich habe Angst", sagt sie. Seit ihrer Geburt hat sie jede Nacht in immer derselben Drei-Zimmer-Wohnung in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa verbracht, die sie sich mit ihren Eltern und sieben Geschwistern teilt. Seit drei Jahren geht sie jeden Morgen bis auf die Augen schwarz verschleiert zur Uni, um Deutsch zu studieren. Sie kann den Konjunktiv bilden und Brecht-Gedichte verstehen - der Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) belohnte sie mit einem Stipendium. Aber die 20-Jährige hat ihre Stadt im verarmten Jemen noch nie verlassen, saß nie in einem Flugzeug, war nie länger als ein paar Stunden allein.

Studentin Ferial (an der Uni in Sanaa): Warum ist es am Rhein so schön?
Klaus Heymach

Studentin Ferial (an der Uni in Sanaa): Warum ist es am Rhein so schön?

In der streng religiösen Verwandtschaft gibt es Widerstand gegen die Reisepläne: Wie kann man eine so junge Frau allein ins ungläubige Europa schicken? Die meisten jemenitischen Frauen müssen bei Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Um zu arbeiten oder zu reisen, brauchen sie die Erlaubnis vom Ehemann oder Vater. Schon mehrere Germanistikstudentinnen in Sanaa wollten oder durften ihr Stipendium nicht annehmen.

Doch Ferials Eltern sind anders. Der Vater steckt seine ganze Zeit und viel Geld in die Ausbildung der Töchter; die achtfache Mutter, eine studierte Islam-Theologin, sagte den Skeptikern ihre Meinung. Und gab ihrer ältesten Tochter den Rat mit auf den Weg: "In Deutschland brauchst du dich nicht zu verschleiern."

Auf dem Flug nach Frankfurt wird noch die Gebetsrichtung nach Mekka auf den Bildschirmen angezeigt, doch auf dem Weg nach Mainz fehlt Ferial die Orientierung. Als sie mit ihrem großen Koffer aus der S-Bahn steigt, steht "Wiesbaden" auf den Schildern. Der erste Test, ob das in Sanaa studierte Deutsch auch alltagstauglich ist. Ja, es klappt! Ein freundlicher alter Mann erklärt den Weg, trägt das Gepäck zum richtigen Zug. Eine halbe Stunde später ist es geschafft: Ferial steht vor dem Studentenwohnheim Mainz-Hechtsheim, ihrem neuen Zuhause für einen Monat.

Das Kopftuch bleibt auch in Deutschland auf

"Ich vermisse meine Familie so. Es ist schön hier, aber nie wieder fahre ich allein weg", sagt Ferial ein paar Tage später. Allmählich gibt es einen deutschen Alltag für sie, den sie weiterhin mit Kopftuch bestreitet: Vormittags Sprachkurs, nachmittags ein Zusatzkurs in Zeitmanagement, danach geht sie zum Türken in der Altstadt einen Döner essen. Nur da ist sie sicher, dass auch wirklich kein Schweinefleisch drin ist. Höhepunkt des Tages ist das Eis im Eiscafé in der Fußgängerzone. Abends traut sie sich nicht aus dem Studentenwohnheim. Bis nach Mitternacht sitzt sie an ihrem Schreibtisch, macht Hausaufgaben, lernt, schreibt Tagebuch, das sie seit ihrem ersten Deutschkurs in der fremden Sprache führt.

"Ich bin völlig zerstört", steht in dem mit kitschigen arabischen Ornamenten verzierten Heft. Das war einer der schweren Abende, allein in diesem Land, von dem sie nur die Sprache kennt. Alles andere ist fremd. Es gibt Dinge, die es im ganzen Jemen nicht gibt. Flüsse zum Beispiel. Stundenlang geht Ferial auf der Rheinpromenade spazieren, schaut fasziniert auf diese Unmengen braun und träge fließendes Wasser und denkt an ihr Sanaa, in dem jeder Tropfen kostbar ist, weil er aus 800 Metern Tiefe hoch gepumpt werden muss.

Vertrautes entdeckt sie in der Mainzer Stephanskirche. In den von Marc Chagall gestalteten Fenstern sind doch tatsächlich Figuren aus dem Koran abgebildet: Adam und Eva, Mose und Noah. Ferial ist verwundert, dass sie die Kirche als Muslima selbst mit Kopftuch betreten darf - im Jemen haben Nicht-Muslims keinen Zugang zu Moscheen.

Der erste Kinofilm ihres Lebens

"Konzert, Kino und alles ansehen." Das sind Ferials Erwartungen für ihren dreitägigen Besuch in Berlin. Im bordeauxfarbenen Rock, bodenlang und glänzend, steigt sie aus dem ICE am neuen Hauptbahnhof, schon sehr souverän nach vier Wochen in der fremden Welt. Ein passendes Konzert - das erste in ihrem Leben - ist leicht zu finden: Barockmusik klingt für Ferial spannend, denn über die Literatur der Epoche, das Thema des letzten Semesters, kann sie aus dem Stegreif Referate halten. Aber welcher Kinofilm soll der erste nach 20 Jahren werden? Gibt es einen Film, der jemenitischen Vorstellungen von Moral und Anstand entspricht? "Thank You for Smoking" klingt amüsant und harmlos - Zensoren im Jemen hätten dennoch einige Szenen herausgeschnitten.

Ferial erklimmt die Reichstagskuppel, spaziert stolz durchs Brandenburger Tor, ist schockiert von den Fotos zur Berliner Mauer. Den Bildern zum Massenmord an den Juden in der Ausstellung beim Holocaust-Denkmal will sie sich hingegen gar nicht erst aussetzen, die anti-israelische Propaganda in ihrer Heimat zeigt Wirkung: "Ich will nicht, dass ich Sympathie mit Juden empfinde, mit den Leuten, die jetzt den Palästinensern so Schreckliches antun", sagt sie, kehrt um und läuft zum Ausgang.

Den Vorsatz der ersten Tage, nie wieder allein zu reisen, hat Ferial nach sechs Wochen in Deutschland vergessen. Sie reist zurück in ihr jemenitisches Leben, mit Büchern von Marie-Luise Kaschnitz im Gepäck. Über die Dichterin will sie ihre Abschlussarbeit schreiben.

Und dann? Dann möchte sie - "so Gott will" - wieder in Mainz studieren. "Weil ich mich dort jetzt auskenne. Und weil dort der Rhein fließt."



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