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Zeltlager in Russland: Lernen mit dem Luftgewehr

Foto: Julia Jaroschewski

Jugendcamp in Russland Drill im Idyll

Zeltlager am See, Treffpunkt künftiger Führungskräfte, spannende Seminare - mit großen Versprechen lockten russische Veranstalter internationale Talente in ein riesiges Jugendcamp. 25.000 junge Menschen aus Russland und aus aller Welt kamen. Und gerieten in ein Drill-Camp.

Veronika findet es beeindruckend, wie Naschi sich für Russland einsetzt. "Naschi will Gutes und einen positiven Wandel für Russland", sagt sie, überlegt kurz und schiebt dann hinterher: "So wie Hitler für Deutschland." Als wollte sie damit den Vergleich zurechtrücken, sagt Veronika: "Hitler war bloß ein bisschen verrückt." Sie selbst sei zwar kein Naschi-Mitglied, habe aber Freunde unter den jungen Putin-Anhängern.

Anfang Juli kam die 20-Jährige aus Moskau an den rund 400 Kilometer entfernten Seliger See. Hier findet jedes Jahr ein riesiges Jugendcamp statt. Gegründet hatten es die Naschi ("Die Unsrigen"), eine Putin-treue Jugendorganisation, die vom Kreml finanziert wird.

Im Jahr 2005 gab es das erste Naschi-Camp. Wenige Monate zuvor hatten orange gekleidete Menschen auf den Straßen von Kiew erreicht, dass der westlich orientierte und russlandkritische Wiktor Juschtschenko Staatschef der Ukraine wurde. Eine ähnliche Entwicklung wollte der Kreml in Russland unbedingt vermeiden und unterstützte die Gründung der Naschi, deren junge Mitglieder in der See-Idylle ideell und körperlich getrimmt werden sollten.

Der Drill, das militärische Lagerleben, die Treue zu Wladimir Putin und der zuweilen gewalttätige Einsatz für dessen politische Ziele - das hat Kritiker schon öfter an totalitäre Jugendorganisationen denken lassen.

Manche Gäste zwicken bald Fluchtgedanken

Inzwischen ist Juschtschenko nicht mehr im Amt, der Kreml hält die Gefahr einer Revolution vorläufig für gebannt. Aus dem Drill-Camp ist ein von der staatlichen Jugendagentur organisiertes Forum geworden, auf dem sich strebsame junge Russen untereinander und mit Ausländern austauschen können. Offiziell zumindest.

Angelockt vom Versprechen auf ein "Lager für künftige junge Führungskräfte" in einem "einzigartigen gut erhaltenen und atemberaubenden Ökosystem von Seen" sind in diesem Jahr erstmals auch junge Leute aus aller Welt angereist. Ägypter, Franzosen, Inder, Polen - sie wollten über Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Medien in Russland diskutieren.

Und landeten doch wieder in einem Drill-Camp.

Insgesamt 25.000 junge Menschen zelten in Kiefernwäldern inmitten der weitläufigen Seenlandschaft, eine improvisierte Stadt aus Iglu-Zelten, bewacht von der campeigenen Sicherheitsmannschaft. Das Lager ist abgeriegelt: Niemand kommt rein, niemand kommt ohne Antrag und Begleitperson raus. Im vergangenen Jahr hatte Naschi-Funktionär Wassilij Jakimenko, Erfinder des Camps, angekündigt, die Besucher aus dem Ausland sollten "sich ein eigenes Bild von Seliger machen können". Nun löst das Bild bei den Gästen vor allem eines aus: Fluchtgedanken.

Pünktlich um acht Uhr morgens schallt der Weckruf durchs Lager, gefolgt von einer halben Stunde krachender Musik, samt russischer Hymne und anschließendem Zehn-Kilometer-Lauf oder Gymnastik.

Kritische Dozenten? Fehlanzeige

Wladimir Putin

Dmitrij Medwedew

Auf die Frage, ob sie von Naschi wüssten, sagen viele Ausländer hier: nie gehört. Die Organisatoren achten darauf, dass die Putin-Jugend das Camp nicht mehr offiziell dominiert. Das Logo des Seliger-Lagers ist allerdings noch immer ein Männchen mit Hut in den Naschi-Farben. Auf den Planen der Camp-Duschen und Kajaks prangt das Naschi-Logo. Und von haushohen Transparenten schauen Russlands Premier und Präsident auf die Lagerbewohner herunter, wenn die sich vor den Bühnen zum Frühsport versammeln.

Kritik an Russland äußert angesichts der allgegenwärtigen Propaganda kaum jemand öffentlich - auch nicht die internationalen Dozenten in Seminaren am Morgen. "Ich habe mir zur Gewohnheit gemacht, Länder, in denen ich Seminare halte, nicht zu kritisieren", sagt etwa Oxford-Professor Neil MacFarlane bei seinem Vortrag zur internationalen Politik.

Andere Referenten spielen russlandkritische Fragen ins Publikum zurück. Mit Erfolg: Die russische Jugend verteidigt ihr Land und bezeichnet den Zusammenbruch der Sowjetunion als herausragendsten Meilenstein der jüngeren Geschichte. Oder lenkt auf die Rolle der angeblich populistischen Medien ab, wenn es etwa um den Georgienkrieg geht.

Bei einer Debatte zum Islam und westlichen Werten greift ein junger Mann in Militärkleidung das Thema Homosexualität auf, erklärt diese für nicht akzeptabel - und wird mit Applaus und Jubel belohnt. Andernorts spricht ein russischer Funktionär des Ölkonzerns BP über die Bedeutung der Energie, ohne die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko zu erwähnen.

"Hätten wir alles detailliert beschrieben, wären wohl weniger gekommen"

Die Qualität der Debatten ist teilweise genauso enttäuschend wie die Infrastruktur im Camp. Die Veranstalter warben mit einer Kochstelle "mit eigenem Koch", einer Ausstattung mit "Bio-Toiletten" und "Warmwasserduschen". Tatsächlich sind die Teilnehmer schockiert von Plumpsklos und kaltem Wasser, das aus freistehenden Pumpduschen mit Wänden aus Plastikplanen tröpfelt. Einige Teilnehmer reisen nach drei Tagen ab.

Manche Campbewohner wollen sich nicht den strikten Regeln unterwerfen, deren Missachtung zum Camp-Ausschluss führen kann. Ordner kontrollieren, dass die Teilnehmer nur zu bestimmten Zeiten im See schwimmen, dass sie ihre Seminare besuchen, dass sie zum Frühsport und morgens und abends zu den Appellen erscheinen. Nachts schauen sie auch mal in die Zelte, um zu sehen, ob alle brav schlafen.

Recht schnell haben einige Lagerbewohner ein Loch in ihren um den Hals gehängten Namensschildern: die Strafe für einen Regelverstoß - eine Art gelbe Karte. Beim dritten Loch folgt der Rausschmiss, wer mit Alkohol oder Drogen erwischt wird, kann gleich gehen.

All das fanden die Teilnehmer nicht auf der Webseite des Camps - und die Veranstalter versuchen gar nicht, sich dafür zu entschuldigen. Gefragt nach den irreführenden Informationen sagt Mikhail Mamonov: "Hätten wir alles detailliert beschrieben, wären wohl weniger gekommen." Er leitet die Abteilung für Internationale Beziehungen der Jugendbehörde und gibt gern den Anheizer auf der großen Lager-Bühne.

"Sie wollen uns aktiv halten"

Immerhin: Das Camp-Personal zeigt sich lernfähig. Anfangs sprechen die Mitarbeiter auf dem Zeltplatz, an Kletterwänden und Schießplätzen fast ausschließlich Russisch. Am Ende der Woche dominiert nicht mehr das russische "dawaj" für "Mach!" und "Los jetzt!" - die Einweiser befehlen stattdessen auf Englisch: "Go exercise, go!"

"Zukünftige Führungspersonen halten sich fit, deshalb möchte ich, dass Ihr in den vorlesungsfreien Zeiten Sport macht, bloß nicht faulenzt", ruft Mamonov auf der Bühne, der Applaus ist groß.

"Sie wollen uns aktiv halten, damit wir nicht über die politischen Hintergründe nachdenken", sagt die russische Teilnehmerin Daria, die schon zum zweiten Mal an den Seliger See gekommen ist. Ihr Interesse ist unpolitisch, sie möchte an den Kunst-Workshops teilnehmen. Was Naschi mache, sei ihr egal.

Gaurav aus Indien spricht von einer "großen Propaganda-Maschine für die Russen". Deshalb sei es vermutlich egal, wenn die internationalen Gäste mit einem zwiespältigen Gefühl abreisten - "Hauptsache ist doch, die russische Jugend hat das Gefühl bekommen, von internationaler Bedeutung zu sein."